Frankenthal
„Sing mim“: Närrischer Liederabend im Hasenbock
Eingeweihte wissen um die Historie: Der 1. Frankenthaler Männerchor entwickelte 2017 – gemeinsam mit Beate Vogel, der ehemaligen Geschäftsführerin vom Gleis 4 – das Mitsingformat Mundorgel reloaded, das den Untertitel „mit de Buwe vum Frankenthaler Männerchor“ trägt . Seitdem ist das kollektive Singen der Klassiker aus dem legendären roten Liederbuch fester Bestandteil des Programms im Frankenthaler Kulturzentrum.
Der Männerchor hat damit mittlerweile nur noch so viel gemein, dass Tenor Roman Winter die Abende managt – zusammen mit Sänger und Gitarrist Marc Pointner, der kein Mitglied ist. Im Sommer 2024 entwickelte der Männerchor ein neues Konzept: Es nennt sich „Sing mim“ und ist eine pfälzische Zusammenziehung von „sing mit dem“. Und mit wem? Mit dem Chor, der sich zu den Gästen gesellt, um Songs zu schmettern, die auf einer Leinwand erscheinen.
Kostümierte Fans und aufgeschreckte Hühner
Seit Juli passiert das einmal im Monat im Vereinsheim des Kleintierzuchtvereins Hasenbock. Das Format wurde nur in sozialen Netzwerken beworben. „Wir wollten den Verein nicht überfordern. Dass er mitgemacht hat, ist ein großes Geschenk“, sagt Willi Brausch, Vorsitzender vom Männerchor. Die „Sing mim“-Reihe sollte es eigentlich nur ein halbes Jahr geben. Doch wegen guter Resonanz und der anhaltenden Gastfreundschaft der Kleintierzüchter wird sie fortgesetzt. Und war am Mittwoch so gut besucht wie nie zuvor.
Eine halbe Stunde vor Beginn strömen die Fans ins Vereinsheim. In Volieren krähen aufgeschreckte Hähne, als an ihnen Kostümierte vorbeieilen: Katzen, Tiger, Teufel, Clowns. Heute ist das Motto närrisch. Hastig werden mehr Stühle herbeigeholt, denn mit so viel Besuch hat keiner gerechnet. An der Bar steht ein zufriedener Chef der Kleintierzüchter. „Das ist eine super Truppe“, bescheinigt Peter Brust dem Chor. „Die Liederabende sind eine Win-Win-Situation: Wir freuen uns über die Einnahmen und der Chor hat eine gute Location.“
Dummgebabbel gehört zum Charme des Formats
Um die Stimmbänder zu ölen, versorgen sich die Gäste mit reichlich Weinschorle und blicken erwartungsvoll zur Leinwand, auf der „Ich war noch niemals in New York“ stehen sollte. Aber Andreas Vonderschmitt hat Schwierigkeiten mit dem Laptop, sodass der Hit von Udo Jürgens auf sich warten lässt. Die Gästeschar nimmt’s mit Humor und kommentiert die Zwangspause mit närrischem „Ui jui jui, au au au!“
Brausch verordnet dem Mann am Laptop ein Technikseminar – es wird, wie der Pfälzer sagt, viel „dumm gebabbelt“. Das gehört zum Charme der Veranstaltung. Auch die Gäste bekommen ihr Fett weg: Bei einer Umfrage bekennt sich über die Hälfte, noch nie in New York gewesen zu sein. „In zehn Jahren fahrt ihr hin“, tröstet Brausch, „da seid ihr in Rente“. Was teils übertrieben ist, im Publikum hocken alle Altersgruppen.
Vom Flüstern zum Brüllen gesteigert
Und dann geht’s los. Der halbe Chor steht in mit Notenschlüsseln bedruckten Shirts hinter den Gästen und sorgt für eine kräftige stimmliche Unterlage. „Ging nie durch San Francisco in zerriss’nen Jeans, einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n“ schallt es. Das „Lalalala“ zum Finale missfällt Brausch. Er unterbricht sein Gitarrenspiel. „Das müsst ihr dramaturgisch aufbauen, erst leise, dann laut.“ Kommandiert „und jetzt all in“, worauf alle sich vom Flüstern zum Brüllen steigern.
Nach einer halben Stunde überlässt Brausch einem Mann mit Kapitänsmütze das Feld: Michael Lange, Gründungsmitglied der Anonyme Giddarischde und quasi verheiratet mit seiner Mandoline. Dasselbe Instrument bedient der gehörnte Hans Braun, der einst zur Folkband Grashalm aus Ludwigshafen gehörte. Beste Voraussetzungen für eine Reise durch Shantys und Schlager – von der mexikanischen „La Paloma“ zum irischen „Wild Rover“ bis nach Berlin, wo Fräulein Gisela gefragt wird „Haben Sie heut’ Zeit mit mir auszugehen nur zum Zeitvertreib?“
Sensibler Cowboy mit Klampfe
Dann kommt Cowboy Florian Hohagen mit der Klampfe. Das Gitarrenspiel hat er sich mit Youtube beigebracht. Es ist erst das zweite Mal, dass er auftritt. „Die Jungs haben mich genötigt“ sagt er. „Dabei bin ich keine Rampensau, höchstens ein sensibles Rampenhäschen.“ Bei „Ich möcht so gern Dave Dudley hörn“ und „Ein Bett im Kornfeld“ trifft Hohagen die Töne und erhält von Vollblutmusiker Brausch das Prädikat „saustark“.
Als Gockel und Rabe treten Kemal Vardar und Josef Weiler an die Mikros. „Jetzt ist Schluss mit lustig, jetzt schießen wir den Vogel ab“, ruft der gefiederte Vardar und macht mobil fürs närrische Finale. „Hände hoch, jetzt is Fasching!“ Zu „Cordula Grün“ und „Viva Colonia“ schunkelt und schmettert der Saal.
Und zum Abschluss gibt’s das Palzlied
Das Stimmungsbarometer ist wie die Temperatur auf dem Siedepunkt, als Brausch närrisches Liedgut zu einem Medley komprimiert. Vonderschmitt kommt mit dem Beamer nicht mehr nach, aber das Publikum kennt die Ohrwürmer aus dem Effeff. Nach zwei Stunden legt Willi Brausch die Gitarre weg und fragt scheinheilig: „Hab ich was vergessen?“
Klar hat er das: Das Palzlied der Anonyme ist der obligatorische Schlusspunkt. Zur Hymne stehen alle auf und besingen weinselig de Kalmit un de Dahner Heh, weil wie jeder weiß: Annerschtwu is annerscht und halt net wie in de Palz.
Noch Fragen?
Die „Sing mim Chor“-Reihe des 1. Frankenthaler Männerchors findet jeden dritten Mittwoch im Monat im Kleintierzuchtverein Hasenbock Am Kanal 11 statt. Der Eintritt ist frei.