Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Sind Erleichterungen für Geimpfte fair?

Bei den Kontaktbeschränkungen müssen Geimpfte und Genesene künftig nicht mehr mitgezählt werden.
Bei den Kontaktbeschränkungen müssen Geimpfte und Genesene künftig nicht mehr mitgezählt werden.

Ohne Test in den Biergarten, sich in größerer Runde treffen: All das dürfen Geimpfte und Genesene seit Sonntag. Wir haben vier Frankenthaler – jung und alt, geimpft, genesen und noch ohne Aussicht auf Immunisierung – gefragt, wie sie das finden.

In größerer Runde mit Freunden etwas unternehmen: Das fehlt Max Leppla in der Pandemiezeit besonders. Der 29-Jährige arbeitet inzwischen seit mehr als einem Jahr im Homeoffice und ist auch ansonsten zurückhaltend mit sozialen Kontakten. „Da ist man schon sehr isoliert“, bekennt der Frankenthaler, der sich privat bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) engagiert. Weil er als Ehrenamtlicher unter anderem in Testzentren in Frankenthal und Bobenheim-Roxheim im Einsatz ist, konnte der junge Mann sich bereits impfen lassen. Grundsätzlich begrüßt der Frankenthaler Lockerungen, auch mit Blick auf die wirtschaftliche Lage der Gastronomen. Dass Ungeimpfte mit Test und Geimpfte gleichgestellt werden, findet er „fair“. Trotzdem hat er Sorge, dass die Öffnungsschritte vielleicht zu früh kommen. „Ein Schnelltest bringt als Momentaufnahme ein Stück Gewissheit – 100-prozentige Sicherheit bietet er nicht“, stellt Leppla klar. Seine Angst: „Dass die Zahlen wieder steigen.“

Klassentreffen haben Seniorin gefehlt

So recht an die neuen Freiheiten glauben will Gerda Frey noch nicht. Sie hat den Verdacht, dass die Debatte auch dazu dienen soll, diejenigen zu locken, die sich nicht impfen lassen wollen. Für die 85-Jährige war es indes keine Frage, sich auf diese Weise gegen das Coronavirus zu schützen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Willi bekam die Flomersheimerin bereits am ersten Öffnungstag des Impfzentrums im Januar ihre erste Dosis Biontech. Sie fragt sich jetzt allerdings, wie lange das Serum wirkt. „Muss ich mich vielleichte Ende des Jahres schon wieder impfen lassen?“ Dass mit dem Impfpass größere Runden mit dem – weitgehend immunisierten – Freundeskreis oder Klassentreffen wieder möglich sein werden, findet die Seniorin sehr gut. „Das habe ich schon sehr vermisst.“ Einen Urlaub außerhalb von Deutschland kann sich die 85-Jährige aktuell noch nicht vorstellen. „Nicht, so lange andere Länder noch so drinhängen.“ Und auch im Inland mache das Reisen nur Spaß, wenn die Gastronomie geöffnet sei und man tatsächlich etwas unternehmen könne.

Krankheit hat nachdenklich gemacht

Den Beschluss, Genesene, Geimpfte und Getestete in vielem gleichzustellen, findet Karin Arns-Germann richtig. „Es geht hier um Grundrechte“, sagt die Künstlerin, die vor einigen Wochen selbst mit dem Coronavirus infiziert war. Jeder einzelne müsse allerdings verantwortungsvoll mit seinen Freiheiten umgehen. „Man sollte sie als Geschenk sehen und nicht missbrauchen“, findet die 65-Jährige. Während ihrer Covid-19-Erkrankung habe sie viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Sorge bereiten ihr mangelnde Solidarität und eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung. Ihr Bedürfnis, sich unter Menschen zu begeben, sei angesichts der „bedrückenden Stimmung“ aktuell nicht hoch. Zumal ihr zu Beginn der Woche noch nicht klar war, wie man eine überstandene Corona-Infektion überhaupt nachweist. „Aber ich hätte große Lust auf ein schönes Konzert“, sagt die Jazz-Liebhaberin.

Junge Mutter wünscht sich Solidarität mit Familien

Obwohl sie sich wahrscheinlich noch eine ganze Zeit gedulden muss, bis sie mit dem Impfen an der Reihe ist, sagt Anabel Becker: Sie habe ja persönlich nichts davon, wenn für Ältere Einschränkungen nicht zurückgenommen und Regeln nicht gelockert würden. Die 35-Jährige berichtet, wie schön es gewesen sei, dass ihre drei Kinder nach langer Zeit jetzt wieder die Uroma treffen konnten. „Da profitieren wir alle davon, dass solche Begegnungen wieder mit weniger Angst möglich sind.“ Dass Geimpfte und Genesene wieder leichter Kultur genießen oder ein Restaurant besuchen könnten, hilft ihr zufolge ja auch den Veranstaltern und Betrieben.

Einen Wunsch an die ältere Generation, die schon komplett durchgeimpft ist, hat Becker trotzdem: „Sie sollten die Kinder nicht vergessen.“ Aus ihrer Perspektive wäre es toll, wenn Senioren sich für Jüngere engagierten, die ja im bisherigen Verlauf der Pandemie auch zu ihrem Schutz beigetragen hätten. Die auch im Schulelternbeirat engagierte Frau schlägt Unterstützung beim Einrichten von Freiluft-Klassenzimmern, bei Sportangeboten oder Nachhilfeunterricht vor. Becker: „Vielleicht könnten sie auch bei der Politik dafür werben, dass die Bedürfnisse der Familien nicht vergessen werden.“

Skeptisch, ob die Lockerungen zu früh kommen: Max Leppla.
Skeptisch, ob die Lockerungen zu früh kommen: Max Leppla.
War unter den ersten, die sich in Frankenthal impfen ließen: Gerda Frey.
War unter den ersten, die sich in Frankenthal impfen ließen: Gerda Frey.
Findet die Gleichstellung von Genesenen, Geimpften und Getesteten richtig: Karin Arns-Germann. Sie war vor einigen Wochen an Cov
Findet die Gleichstellung von Genesenen, Geimpften und Getesteten richtig: Karin Arns-Germann. Sie war vor einigen Wochen an Covid-19 erkrankt.
Die Kinder sollten nicht vergessen werden, sagt die dreifache Mutter Anabel Becker. Auf eine Impfung muss sie noch warten.
Die Kinder sollten nicht vergessen werden, sagt die dreifache Mutter Anabel Becker. Auf eine Impfung muss sie noch warten.
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