Frankenthal
Sechs Jahre in Deutschland: Ein Geflüchteter erzählt
Wenn Bassel Barakat in seinem roten Poloshirt und der Arbeitshose mit dem Klappmeter in der Tasche durch die Stadt läuft, ist er stolz. „Ich schaffe etwas, das ist für mich wichtig“, sagt der 30-jährige Syrer, der 2015 als Flüchtling nach Frankenthal kam. Hier hat er „von Null angefangen“, wie er sagt. Mittlerweile ist er im letzten Jahr seiner Ausbildung als Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik.
Nachdem er in seiner Heimatstadt Aleppo wegen des Kriegs seine Wohnung und seine Arbeit als Verkäufer verloren hatte, entschied er sich wie viele andere, das Land zu verlassen, mit dem Ziel: Germany. „Ich kannte zuerst nur das englische Wort. Als dann jemand ,Deutschland’ gesagt hat, dachte ich, ich bin im falschen Land“, sagt er. Nachdem er einen Monat lang zu Fuß und in Lkws unterwegs war, kam er zuerst in Passau an. Von dort ging es weiter nach München, Trier und schließlich nach Frankenthal. Damals habe er mit Deutschland vor allem die Fußballnationalmannschaft verbunden. „Ich habe gedacht, wenn ich nach Deutschland komme, sehe ich die Mannschaft. Ich habe die Mannschaft aber bis heute nicht gesehen“, erzählt er lachend.
Ausbildung statt Amazon
Viele seiner Mitbewohner aus der Flüchtlingsunterkunft fanden Jobs im Amazon-Logistikzentrum oder bei DHL. Barakat entschied sich nach zwei Integrationskursen für eine Ausbildung. Schon in Syrien hatte er ein Studium der Elektrotechnik begonnen, seine Zeugnisse wurden in Deutschland aber zunächst nicht anerkannt. „Die anderen haben gesagt: ,Bist du verrückt, für 500 Euro Ausbildungslohn zu arbeiten?’ Mir war aber wichtig, dass ich für die Zukunft etwas in der Hand habe“, sagt er.
Nach einigen erfolglosen Bewerbungen erfuhr er über eine Freundin, dass der Frankenthaler Elektronikbetrieb Butz Technik einen Auszubildenden suchte. Er bewarb sich, wurde zum Gespräch eingeladen und bekam die Ausbildungsstelle. Bis heute haben er und sein Chef ein gutes Verhältnis. „Er hat mir auch mit der deutschen Sprache geholfen und ich kenne jetzt die Geschichte von Frankenthal“, sagt Barakat. In der Stadt kennt er sich durch die Arbeit an Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden gut aus. Auch beim Aufbau des Impfzentrums habe er mitgearbeitet. „Das war eine stressige Zeit, aber ich habe es akzeptiert, weil es für die Leute hier ist. Wenn ich jetzt da vorbeikomme und sehe, wie die Leute geimpft werden, bin ich stolz, dass ich das gemacht habe.“
In Deutschland haben viele Menschen ein falsches Bild von Flüchtlingen, findet Barakat. „Bei einem Vorstellungsgespräch hat der Chef gesagt, er braucht keine Flüchtlinge in der Firma. Mittlerweile hat er aber zwei eingestellt“, erzählt er. Nach seiner Ankunft in Deutschland sei er auch oft gefragt worden, ob es in Syrien Autos und Handys gibt. „Es gibt aber auch Leute, die uns helfen und uns Hoffnung geben weiterzumachen.“
Hilfe von der Stadt
Unterstützung bekam er auch vom Bereich Migration und Integration der Stadtverwaltung. Sozialarbeiter Simon Kiefer kümmert sich seit Beginn der Flüchtlingskrise um die Neuankömmlinge in Frankenthal. Zu einigen hat er seit 2015 Kontakt. „Wir haben schon viel zusammen erlebt“, sagt Barakat. „Ich bin dankbar, dass es jemanden wie ihn gibt. Meine Brüder wohnen in Hamburg und sie verstehen die Briefe vom Amt gar nicht.“ Kiefer half vor allem dabei, ihn und seine Frau wieder zusammenzubringen. Sie hatte Syrien etwas später verlassen und war zuerst in Nürnberg untergekommen. Anderthalb Jahre dauerte es, bis die dortige Ausländerbehörde ihr die notwendigen Papiere erteilte, um in ein anderes Bundesland zu ziehen. Mittlerweile leben die beiden zusammen in Frankenthal, haben eine dreijährige Tochter – „meine kleine Prinzessin“ – und erwarten bald das zweite Kind.
Deutschland sieht Barakat mittlerweile als seine Heimat und möchte sich einbürgern lassen. Mit einer „besonderen Integrationsleistung“ – dazu gehören unter anderem gute Deutschkenntnisse – können Flüchtlinge schon nach sechs Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Seine Geburtsurkunde hat Barakat bereits an die deutsche Botschaft im Libanon geschickt, um seine Identität bestätigen zu lassen. „Ich hoffe, dass es klappt“, sagt er. „Ich will hier einfach nur in Ruhe leben und arbeiten.“