Frankenthal
Sebastian Scheid gewinnt Perron-Kunstpreis in der Sparte Porzellan
„Die handwerkliche Ausführung, das Erscheinungsbild der Dosen und die Details in der Struktur“ hätten die Jury in ihrer Beurteilung hervorgehoben, berichtet Sebastian Scheid im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Jede der Dosen ist ein Unikat, ein Kunstwerk. Sie ähneln einander, weil sie den gleichen handwerklichen Arbeitsprozess durchlaufen haben. Auf den ersten Blick mag man an die Hexagonarchitektur etwa von Kirchen denken. Mit dem unregelmäßigen Sechseck, das er beschreibt, greift Scheid auf ein altes Symbol zurück, das durch die Jahrtausende vielfach gedeutet wurde. Unter anderem steht die geometrische Form für sechs Tage Schöpfungsgeschichte – am siebten Tag, wir erinnern uns, ruhte Gott.
Scheids Dosen sind durchaus als solche verwendbar. Man könne sie mit Tee befüllen, als Vorratsgefäß nutzen, denn die Dosen schließen nur in einer einzigen Position wirklich passgenau, erklärt der Keramiker. „Sie sind Gebrauchware und doch als Kleinplastik ein eigenständiges Kunstwerk“, erläutert der Künstler aus Büdingen im hessischen Wetteraukreis. Wie jede Dose bestehen sie aus einem oberen und unteren Teil, wobei jeder aus zwei Ebenen unregelmäßiger Quader zusammengefügt zu sein scheint. Richtet man den Blick auf die Quader der Dose, ist das Thema des Wettbewerbs „Das Kleine im Großen“ prägnant umgesetzt.
In zwei Teilen gedreht
Tatsächlich sind die Dosen in zwei Teilen auf der Töpferscheibe gedreht worden. Sehr dickwandig formt Scheid das Porzellan, nicht dünnwandig, filigran und transparent, wie man Porzellan eigentlich kennt. Danach mussten die Teile antrocknen. „Lederhart“ nennt der Keramiker diesen Zustand, der erlaubt, Schnitte zu setzen, ohne dass sich das Material verformt. Beide Teile wurden aufeinandergesetzt. Mit einem dünnen Schneidedraht hat Scheid dann Facetten eingeschnitten und die Ecken der Quader angedeutet. Für jede Dose habe er eine andere Glasur verwendet, Eisenoxid für die leicht bläuliche Glasur beigemischt, Holzasche für den grünlichen Farbton. „Beim Brand zieht sich die Glasur an den scharfen Kanten des Schnitts zurück, dadurch bleiben diese porzellanfarben“, erklärt Scheid.
Für den Perron-Kunstpreis habe er sich schon vor sechs Jahren beworben und sei damals in die Ausstellung gekommen. Dass er nun den Preis gewonnen hat, habe ihn zunächst überrascht. „Der Preis ist schon etwas Besonderes“, sagt er.
Porzellan und Steinzeug
Neben Porzellan arbeitet Scheid auch mit Steinzeug. „Gerade die Schlichtheit und die Qualität der Ausführung, die Glasur und die kleinen Details sind es, die für den Betrachter reizvoll sein können“, beschreibt er seinen eigenen Stil, wozu man auch noch die Dickwandigkeit des Materials zählen kann. Zu seinem Arbeitsfeld gehören Auftrags- und freie Arbeiten, durchaus sind auch mal Teller, Tassen, Kaffee- oder Teekannen und natürlich Gefäße, Schalen oder Dosen dabei.
Für den 58-Jährigen stand schon früh fest, dass er Keramiker werden wollte. „Für mich kam nichts anderes infrage.“ Im Elternhaus – beide Eltern sind Keramiker – ging es direkt von der Küche in die Werkstatt. Als Kind habe er schon die Hände im Ton gehabt, erzählt er. Bereits mit 14 Jahren habe er an der Drehscheibe gesessen. In den Schulferien und nach dem Abitur habe er in Werkstätten in England, in den USA und auch zweieinhalb Jahre lang in Japan gearbeitet.
Bezug zu Japan
„Ich bin in einem Keramikerhaus groß geworden, habe keine Lehre gemacht, keine Fachhochschule besucht, sondern gleich meine Wanderjahre gestartet. Das war eine interessante Zeit“, sagt Scheid. Damals sei es sehr schwer gewesen, nach China zu kommen. Durch Kontakte und Kollegen habe sich dann der Bezug zu Japan ergeben. Fasziniert habe ihn dort die Vielfalt an Keramikware und deren Bedeutung im Alltag. „Handgemachte Keramik steht dort in jedem Geschirrschrank, und es gibt für jede Speise eigene Tellerchen oder Schälchen.“
Wie entstehen die Arbeiten? Gibt es gezeichnete Entwürfe? „Eher selten, die Idee entwickelt sich im Arbeitsprozess. Dabei zeigen sich oft Aspekte für eine neue Arbeit, wobei da auch Zufälle mitspielen“, sagt Scheid. An seinem Beruf schätzt er, dass alles eigenverantwortlich passiert: „Ich erledige nicht nur eine Teilarbeit.“ Er habe alles selbst in der Hand: von der Idee, über die Tonaufbereitung und Bearbeitung des Materials, das Brennen bis zum Vertrieb, zu einer Bewerbung für einen Wettbewerb oder der Beschickung einer Ausstellung. „Ich habe am Ende des Arbeitszyklus etwas in der Hand, das ich anfassen und sehen kann, und mit dem ich auch etwas anfangen kann“, betont Scheid.
Zur Sache: Perron-Preis 2020
Der Perron-Kunstpreis der Stadt Frankenthal ist mit insgesamt 7500 Euro dotiert und wird abwechselnd in den Sparten Porzellan, Malerei, Grafik und Plastik ausgeschrieben. Er erinnert an die Frankenthaler Familie Perron, zu der unter anderem die Bildhauer Walther und Philipp Perron sowie der Sänger Carl Perron gehören.
In diesem Jahr hatten sich rund 60 Künstler aus Deutschland und der Schweiz in der Sparte Porzellan zum Thema „Das Kleine im Großen“ beworben. Der Hauptpreis, der mit 4500 Euro dotiert ist, geht an Sebastian Scheid (Büdingen) für sein „Dosenpaar“. Für „Hidden Bond“ und „Einblicke Eis“ bekommen Isa Schreiber (Bad Bibra) und Catherine Sanke (Leipzig) den mit jeweils 1500 Euro dotierten Förderpreis. Die Jury besteht aus dem Frankenthaler Oberbürgermeister Martin Hebich (CDU) sowie Maria Lucia Weigel, der Leiterin des Erkenbert-Museums, Karin Bille von der Beratungsstelle Formgebung Mainz, Mathias Listl von der Kunsthalle Mannheim, Svenja Kriebel von der Pfalzgalerie Kaiserslautern, Nele van Wieringen vom Keramikmuseum Westerwald und Felix Redlingshöfer von der Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler (APK).
Die Preisträger-Arbeiten sind ebenso wie alle Werke aus der Hauptjurierung bis einschließlich Sonntag, 13. September, im Kunsthaus Frankenthal (Mina-Karcher-Platz 42) bei freiem Eintritt zu sehen (Öffnungszeiten: donnerstags bis sonntags, jeweils 15 bis 17 Uhr). Erstmals gibt es im Internet einen virtuellen Rundgang in Form einer 360-Grad-Ansicht: www.frankenthal.de/kunsthaus.