Frankenthal Schusswechsel in der Heßheimer Straße

Heute vor 70 Jahren marschierten amerikanische Truppen in Frankenthal ein. Für die Einwohner endeten damit Zweiter Weltkrieg und NS-Herrschaft. In einer kleinen Serie erinnern wir an die Ereignisse in Stadt und Umland.
Neumayerschule Frankenthal, provisorisches Quartier der Stadtverwaltung, 21. März 1945: Der entscheidende Eintrag der Polizei im Kriegstagebuch der Stadt Frankenthal fällt lakonisch kurz aus: „8.15 Uhr, Einmarsch der amerikanischen Besatzungstruppen.“ Die nationalsozialistische Herrschaft ist damit am Ende, der Krieg in der Nachbarschaft noch nicht. Dass die entscheidende Wende bevorsteht, ist den Menschen im Raum Frankenthal spätestens am 18. März klar geworden. Aus Flugzeugen abgeworfene Flugblätter, unterzeichnet von US-General Dwight D. Eisenhower, erklären die Vorderpfalz zur „Kampfzone“ und fordern die Bürger zur Räumung der Städte auf; Frankenthal wird ausdrücklich genannt. Die Amerikaner verfügen über eine riesige militärische Übermacht: Jede der sechs US-Panzerdivisionen, die im Westen heranrollen, besitzt „nicht weniger als 270 Kampfpanzer“ – also zusammen mehr als 1600 – , hält der Historiker Jürgen Keddigkeit im Rückblick fest. Dem stehen auf deutscher Seite nicht mehr als 40 einsatzfähige Panzer gegenüber. Aus Richtung Donnersberg ist am 18. März Artilleriefeuer zu hören. Ein vernichtender Luftangriff trifft die Stadt Bad Dürkheim. Die US-Verbände rollen die deutsche Westfront auf; am 20. März nehmen sie Kaiserslautern ein und stoßen weiter bis zum Haardtrand vor. Eine Frankenthalerin notiert, was sie an diesem 20. März auf dem Weg mit ihrem Kind nach Gerolsheim und zurück erlebt: „Inzwischen gab es Voralarm, und sogleich waren auch schon die Tiefflieger da – so schlimm wie noch nie. Ich bin bald verzweifelt. Mein Lebtag vergesse ich nie, was sich da auf der Gerolsheimer Landstraße abspielte; auf der einen Straßenseite unser zurückflutendes Militär, auf der anderen die vielen, vielen Flüchtlinge. (...) Ein Leutnant erklärte mir in Gerolsheim, dass es unmöglich sei, noch nach Kirchheim durchzukommen, da der Gegner schon Sausenheim eingenommen hätte. Wenn ich also nicht in die Kampffront laufen wollte, musste ich zurück nach Frankenthal.“ Und weiter: „Gegen 6 Uhr abends unternahm ich die Rückfahrt und geriet mitten in die zusammenbrechende Kampffront. Unterwegs musste ich ungezählte Male wegen der Tiefflieger vom Fahrrad herunter und mit dem Kind in Deckung gehen.“ Die Frankenthaler NS-Funktionäre begreifen, was die Stunde geschlagen hat. Kreisleiter Hieronymus Merkle und Ortsgruppenleiter Seidenabel flüchten am 20. März gegen 17.30 Uhr in Richtung Speyer, um dort über den Rhein zu kommen. Nur noch etwa 15.000 Einwohner harren in der schwer zerstörten Stadt aus. Für die deutschen Truppen auf dem Rückzug ist Frankenthal nur Durchgangsstation. „Übernächtigte, hohlwangige Gestalten in zerschlissenen Uniformen, erstarrt in Resignation, müde und ausgebrannt“ – so beschreibt sie der Frankenthaler Fritz Kober 40 Jahre danach. Die Besatzung eines letzten deutschen Sturmgeschützes, das in der Heßheimer Straße in Höhe des Werks von Kühnle, Kopp & Kausch (heute Siemens) postiert ist, schlägt am Abend des 20. März den ersten amerikanischen Angriffstrupp noch zurück. Doch dann räumen auch diese Soldaten ihre Stellung. Am nächsten Morgen marschieren die Amerikaner ein. Gerhard Becker wird in der Wormser Straße mit dem Umschwung konfrontiert: „Ich sah plötzlich riesige Panzerungetüme mit weißen fünfzackigen Sternen und darauf amerikanische Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag. Unzählige Leute kamen, weiße Fahnen schwenkend, aus ihren Häusern heraus. Ich wusste, dass mir jetzt nichts mehr passieren konnte.“ Die Amerikaner, beraten von deutschen Geistlichen, ernennen den 1933 von den Nazis entmachteten Oberbürgermeister Hermann Strasser (bis 1933 Mitglied der linksliberalen DDP) zum neuen Verwaltungschef. Als Stadtkommandanten überwachen Captain Mondell und sein Nachfolger Gordon C. Hess den Neuaufbau. Eine Villa in der Westlichen Ringstraße 29 dient ihnen als Amtssitz. „So mancher Erwachsene erinnert sich heute noch an den Tag des Einmarsches, weil er damals als Kind von den amerikanischen Soldaten Kaugummi oder Schokolade bekommen hat“, schreibt Paul Theobald in einem Rückblick. Manche Geschäftsleute hätten nun ihre Kundschaft eigens darauf aufmerksam gemacht, dass sie bei Betreten des Ladens wieder „guten Morgen!“ sagen dürften – nachdem sie früher deutlich darauf hingewiesen hätten, „dass der deutsche Gruß ,Heil Hitler!’ heißt“.