Worms RHEINPFALZ Plus Artikel Risse im Mauerwerk: Synagoge muss gesichert werden

Die 1938 zerstörte Synagoge wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit Originalsteinen wieder aufgebaut.
Die 1938 zerstörte Synagoge wurde nach dem Zweiten Weltkrieg mit Originalsteinen wieder aufgebaut.

Risse an der Fassade eines historischen Gebäudes sind nichts Ungewöhnliches. Im Falle der Wormser Synagoge jedoch, die Bestandteil des Unesco-Weltkulturerbeantrags der drei Städte Speyer, Worms und Mainz ist, vergrößern sich diese in zunehmendem Tempo. Laut Bürgermeister Hans-Joachim Kosubek (CDU) soll jetzt in einem ersten Schritt eine Notsicherung der Synagoge erfolgen.

Die Risse sind deutlich außen am und über dem Portal sowie innen an Fenstern und am Gewölbe zu erkennen. Putz bröckelt ab. Das Problem ist nicht neu. „Im September 2018 wurde festgestellt, dass die Schäden von der Statik her unkritisch sind“, sagt Kosubek, dessen Dezernat auch für Denkmalschutz und Stadtgeschichte zuständig ist. Etwa ein Jahr später habe man wegen der deutlichen Ausprägung der Risse damit begonnen, die Bewegungen im Mauerwerk kontinuierlich zu messen. „Schon im vergangenen Sommer wurde festgestellt, dass sich die Bauteile in zunehmendem Tempo bewegen“, erläutert Kosubek.

Um die Ursache für die Risse zu klären, werden rund 112.000 Euro benötigt, schätzt die Verwaltung. Die Kosten teilen sich die Stadt und das Land. Das hat das rheinland-pfälzische Kultusministerium mitgeteilt. In der Pressemeldung steht auch, dass die Beschädigungen des Mauerwerks keine Gefährdung für den Weltkulturerbeantrag darstellen, da die Substanz der Synagoge nicht gefährdet sei. Dennoch würden alle erforderlichen Arbeiten zur Sicherung und Sanierung der Synagoge erfolgen.

Stützendes Korsett aus Stahlträgern

Für die Stadt gehe es jetzt darum, die Mauern zu stabilisieren, informiert Kosubek. So soll verhindert werden, dass sich die Risse weiter ausbilden. Das Gebäude aus dem zwölften Jahrhundert erhalte ein stützendes Korsett aus Stahlseilen und Stahlträgern, die weder an den Wänden noch im Boden verankert werden dürften. Weil auf Fenster und Türen besonders starke Kräfte einwirkten, müssten diese durch stabile Konstruktionen ersetzt werden. „Das ist nur eine Interimslösung, aber der einfachste und schnellste Weg, das Gebäude zu sichern“, betont Kosubek. Diese Arbeiten würden jetzt ausgeschrieben.

Einige Untersuchungen seien bereits erfolgt und hätten auch erste Erkenntnisse geliefert. So seien bei einer Kanaluntersuchung im Juli 2020 viele kleine Brüche festgestellt worden. Austretendes Wasser könne dazu führen, dass sich das Mauerwerk setzt und sich Risse bilden, erklärt Kosubek. Der Kanal sei Ende des 19. Jahrhunderts verlegt worden. Es sei bedauerlich, dass beim Wiederaufbau der Synagoge nach dem Zweiten Weltkrieg „da nicht genauer hingeschaut wurde“, sagt Kosubek.

Hohlräume im Fundament

Ein Bodengutachten im vergangenen November habe zudem ergeben, dass an den Stellen, wo sich Risse zeigten, Erdschichten unterschiedlicher Dichte vorhanden seien. Das bedeute, dass Wasser nicht richtig versickern könne. Auch das sei eine mögliche Ursache für die Schäden. Und schließlich könnten Hohlräume im Fundament die Ursache sein.

Rund um die Synagoge soll nun gegraben werden, allein schon, um den Kanal neu zu verlegen. Noch in dieser Woche werde der Kampfmittelräumdienst nach möglichen Blindgängern aus dem Krieg suchen. „Danach kommen die Archäologen“, sagt Kosubek. „Sollten sie im Erdreich Artefakte finden, können sich die bautechnischen Untersuchungen hinziehen.“ Dann erfolge die eigentliche Sanierung. „Dafür werden wir Bundesmittel beantragen, denn dieser Part wird in die Millionen gehen“, unterstreicht der Bürgermeister.

Sanierung der Mikwe

Parallel laufe die Sanierung des jüdischen Ritualbads, der Mikwe. Statische Probleme, Durchfeuchtung durch Oberflächenwasser, Risse im geschwächten Mauerwerk, aber auch bauschädliche Salze, Schimmelpilze und Grünalgen machten den Baufachleuten zu schaffen. Ob das Bad überhaupt wieder einmal zum ursprünglichen Zweck genutzt werden könne, das weiß Kosubek nicht.

Diese Entscheidung obliege der jüdischen Gemeinde Worms/Mainz als Nutzerin und Eigentümerin von Synagoge und Mikwe. Die Gemeinde sei genauso wie die Denkmalpflege und Landesarchäologie und der Verein der SchUM-Städte (als SchUM wird der Verbund der jüdischen Gemeinden Speyer, Worms und Mainz im Mittelalter bezeichnet) in alle Entscheidungen eingebunden. Gottesdienste könnten weiter stattfinden.

Und könnten die massiven Risse in der Synagoge den Weltkulturerbeantrag am Ende nicht vielleicht doch noch gefährden? „Ganz sicher nicht“, ist Hans-Joachim Kosubek überzeugt. Er gewinnt der Situation auch etwas Gutes ab: „Die genaue Ursache für die Bauschäden wird jetzt untersucht. Und dann wird die Synagoge saniert, um sie für die Nachwelt zu erhalten.“

Stichwort: Wormser Synagoge

Der früheste Nachweis für jüdische Siedler in Worms stammt aus dem Jahr 960. Zu diesem Zeitpunkt wurden Wormser Juden als Händler bei der Kölner Messe erwähnt. Gegründet worden ist die Gemeinde wahrscheinlich schon viel früher. Die erste nachweisbare Synagoge wurde 1034 von Jakob ben David und seiner Frau Rahel finanziert, was in einer Stifterinschrift aus dem zwölften Jahrhundert dokumentiert wurde, die heute neben dem Eingang zur Männersynagoge eingemauert ist. 1174/75 wurde die Synagoge durch einen größeren Bau ersetzt, der parallel zum Neubau des Doms entstand. Vermutlich haben Handwerker an beiden Gebäuden gearbeitet. 1212/13 kam eine Frauensynagoge hinzu. Bei den Novemberpogromen der Nationalsozialisten 1938 wurde die Synagoge zerstört. Von 1957 bis 1961 wurde sie mit Originalsteinen wieder aufgebaut. Die Wormser Synagoge gilt als die älteste in Europa, und es finden dort heute wieder Gottesdienste statt.
Die Rissbildung am Portal und an den Fenstern ist massiv.
Die Rissbildung am Portal und an den Fenstern ist massiv.
x