Frankenthal / Bobenheim-Roxheim
Rheinhauptdeich: Warum Löcher, Risse, Trampelpfade zur Gefahr werden können
Drei Stunden lang bei schönstem Frühlingswetter durch die Landschaft nah am Rhein zu wandern, ist ein verlockendes Angebot der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd. Die unter anderem für Hochwasserschutz zuständige Behörde hat zur jährlichen Deichschau eingeladen, und zwischen den Deichkilometern 12,900 und 23,000 nutzt die RHEINPFALZ-Reporterin die Gelegenheit, Wissen über den Rheinhauptdeich zu sammeln. Mitwanderer sind Vertreter der Deichmeisterei und anderer Fachbehörden sowie der Wasserwehr, der Anlieger und Kommunen.
Die Deichschau ist Arbeit und kein Betriebsausflug. Sie hat in den letzten Märztagen in den Regionen Speyer und Ludwigshafen stattgefunden, und nun, kurz vor Ostern, ist der Abschnitt von den Gemarkungsgrenzen Ludwigshafen/Frankenthal bis Bobenheim-Roxheim/Worms dran. Es geht um die gesetzlich vorgeschriebene Kontrolle der Deichabschnitte und um den Austausch über ihren Schutz. Die Anlage soll die Siedlungsgebiete am Oberrhein, darunter Frankenthal und Bobenheim-Roxheim, gegen Hochwasser verteidigen, und zwar bis zu einer Stärke, wie sie statistisch gesehen alle 200 Jahre vorkommt. Dafür haben sich alle Oberrheinanlieger – links wie rechts – auf die gleiche Höhe geeinigt und verpflichtet.
Alarm bei trübem Sickerwasser
Die Tour beginnt „Am Hansenbusch“, am BASF-Nordhafen. Tourleiter Normen Karg von der Deichmeisterei erklärt, wie der Deich aufgebaut ist. Auf der dem Wasser zugewandten Seite sorgt vor allem der Baustoff Lehm dafür, dass das Bauwerk schwer und dicht ist. Zur Landseite hin fällt der Deichkörper gestuft, das heißt mit einem horizontalen Absatz in der Böschung (Berme) ab. So erhält der Deichfuß eine Auflast, die ihn gegen eine Unterströmung stabilisiert.
Das Bauwerk darf auf der Landseite etwas durchlässig sein. Wenn bei Hochwasser aus dem durchsickerten Deichkörper klares Wasser austritt, sei das nicht kritisch, sagt Karg, aber wenn das Wasser milchig trübe sei, werde es problematisch. Dann deute der Materialaustrag auf Ausspülungen im Deichinneren hin, was zu einem Versagen des Bauwerks führen könnte.
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Beidseitig geht der Deichfuß über in einen fünf Meter breiten Schutzstreifen. Auf der Landseite reicht dieser idealerweise bis an die Grundstücksgrenze der Anlieger, aber nicht immer gehöre die benötigte Fläche dem Land, berichtet Karg. Dann müsse mit dem Eigentümer verhandelt werden, denn ein Schutzstreifen darf nur sehr eingeschränkt genutzt werden. Über allen Deichelementen mit Ausnahme des asphaltierten Bermewegs liegt eine dichte Grasnarbe als Erosionsschutz.
Wir laufen unter der Autobahn A6 hindurch, immer schön auf der mit Gras und Wildkräutern bewachsenen und gut durchwurzelten Deichkrone. Die Deichwärter begutachten den Bewuchs und halten Ausschau nach Löchern und Tierbauten. Diese müssen verfüllt werden, denn Hohlräume und Röhren im Deichkörper sind unbedingt zu vermeiden. Auch ausgefahrene Bankette und Löcher im Asphalt des Bermewegs kommen auf die Liste der Reparaturarbeiten.
Darum sollen Hunde angeleint sein
Moos auf der Deichoberfläche muss mit Spezialgeräten entfernt werden. Oft fliegt den Arbeitern dabei Hundekot um die Ohren – eine Folge davon, dass Menschen die Anleinpflicht im Deichgebiet missachten. Frei laufende Hunde sind noch aus einem anderen Grund ein Problem, „nämlich wenn sie am Deichkörper scharren und dabei die Grasschicht kaputt machen oder gar Löcher graben“, erklärt Normen Karg, der später noch über einen tiefen Hufabdruck auf der Deichkrone staunen wird. Da war doch tatsächlich jemand mit einem Pferd unterwegs, obwohl das dort ebenso verboten ist wie das Fahren mit dem Rad oder einem Kraftfahrzeug.
Es geht weiter in nördlicher Richtung, vorbei an der BASF-Kläranlage bis zum Parkplatz „Im Spitzenbusch“. Hier zeigt sich ein weiteres Ergebnis menschlicher Ignoranz: ein Trampelpfad quer über den Deich bis hinunter zum Rheinufer. Die Grasnarbe ist dadurch unterbrochen, eine Schwachstelle bei der Deichverteidigung. Eine Lösung wäre, den von vielen Füßen getrampelten Überweg zu befestigen. Aber auf dem Pflaster die Böschung hinunter bestünde dann Rutschgefahr. „Und eine Treppe anzulegen macht es für uns schwieriger, den Deich schräg zu befahren“, so Karg. Und ob so eine Treppe wirklich benutzt würde, sei fraglich.
Landesdeichordnung beachten
„Lösungen und Kompromisse finden“, das wird der Fachmann auf den nächsten Kilometern noch öfter sagen. Es ist nicht einfach, das Bedürfnis der Menschen nach Erholung und Sport mit dem Hochwasserschutz in Einklang zu bringen. Aber viel wäre schon gewonnen, wenn die Radfahrer, Jogger, Reiter, Hundehalter wenigstens wüssten, warum sie – im eigenen Interesse – die in der Landesdeichordnung festgelegten und vor Ort auf Schildern stehenden Regeln beachten sollten.
Karg weist im weiteren Verlauf der Strecke immer wieder auf landseitige Grundstücke hin. Mal ist es ein Acker, der nicht so tief gepflügte Furchen haben sollte, mal eine Pferdekoppel, deren Zaun sehr nah am Deich steht. Immer wieder heben Karg und seine Kollegen Äste vom Weg auf und schleudern sie weit weg Richtung Rhein. „Die sollten nicht ins Mähwerk geraten.“ Ihre Aufmerksamkeit gilt auch den Sträuchern und Bäumen – sowohl am Ufer als auch landseitig hinter dem Schutzstreifen. Hier gilt es, an den Deich heranrückendes Gehölz zu roden, nicht selten müssen Bäume gefällt werden. Bei hochwertigen alten Bäumen drücken die Hochwasserexperten auch mal ein Auge zu, „aber sie müssen auf Standfestigkeit geprüft sein“, sagt Karg.
Kieswerk auf der Warft
Wir erreichen das Rheinufer 1 und wenden uns etwas nach Westen. Was hier zwischen Rhein und Hauptdeich liegt, ist das zur Auskiesung vorgesehene Gewann Bonnau. Das neue Kieswerk samt Förderanlage für die Schiffsbeladung beeindruckt die Ortsunkundigen in der Gruppe. Das Werk des Unternehmens Willersinn Minerals wurde auf einer Warft gebaut, die so hoch ist wie der Deich.
Wenig später machen wir Halt am Isenach-Schöpfwerk, einem wichtigen Element der Binnenentwässerung in der Zuständigkeit des Gewässerzweckverbands. Es kann pro Sekunde zehn Kubikmeter Wasser aus der Isenach abpumpen und in den Rhein leiten. Vor dem Werksgebäude zeigt Normen Karg auf Risse im Asphalt des Deichverteidigungswegs. Die können nur von schweren Fahrzeugen stammen, meint er. Damit das Befahrungsverbot eingehalten wird, musste hier eine Wegsperre installiert werden.
Auf Höhe des Schöpfwerks erklärt Wolfgang Koch, Leiter der SGD-Abteilung Deichmeisterei/Neubaugruppe Hochwasserschutz, warum der Deich hier noch nicht ausgebaut ist: wegen des geplanten Polders Petersau/Bannen. Die Firma Willersinn Minerals, die zwischen Rhein und Bundesstraße 9 ein weiteres Kiesabbaufeld haben möchte, und das Land Rheinland-Pfalz, das den Deich ohnehin gern rückverlegen will, haben sich zusammengetan. „Bis 2028/29 wollen wir in das Genehmigungsverfahren einsteigen“, so Koch.
Wie man den Deich verstärken kann
Frank Unvericht interessiert an diesem Deichschautag vor allem, was die Gemeinde Bobenheim-Roxheim bei einem extremen Rheinhochwasser machen muss. Der Fachbereichsleiter ist zuständig für das örtliche Hochwasserschutzkonzept. „Für uns heißt es alles oder nichts“, fasst er die Gefahr für die Kommune zusammen. „Entweder der Rheindeich hält, oder Roxheim wird überflutet und muss evakuiert werden.“
Unvericht weiß, dass der Deich im Fall des Falles noch mit Sandsäcken verstärkt werden kann, doch wie soll das gehen, vier Lagen auf einer Länge von anderthalb Kilometer? Wie lange dauert es mit wie vielen Helfern, um so viele Säcke zu füllen? Wie kommt die Gemeinde an eine Füllmaschine ran, wenn gerade alle so ein Gerät brauchen? Diese Fragen können ihm Karg und Koch nicht beantworten, aber sie können Unvericht und die Feuerwehr beraten. Vielleicht wäre Schüttmaterial auf der landseitigen Deichböschung eine Möglichkeit. „Jede Wehr muss gucken, wie sie damit umgeht, wenn der Deich länger aufgestaut ist und Wasser durchsickert“, sagt Normen Karg.
Die Deichschau führt über den Riegeldamm zum Ortszentrum, wo das Begleitfahrzeug steht und alle Teilnehmer zurück zum Ausgangspunkt am Nordhafen bringt. Auf die Deichmeisterei wartet viel Arbeit. Die Deichoberfläche muss ausgebessert werden, und den ganzen Sommer über wird gemäht. Normen Karg würde sich freuen, wenn die Deichwärter dabei nicht als Störenfriede wahrgenommen würden. Derzeit würden sie teilweise sogar aggressiv angegangen. „Mehr Wertschätzung und Verständnis wären schön“, meint Karg und gibt zu bedenken, dass es sich in erster Linie um einen Deichweg, nicht um einen Radweg handelt und dass die Arbeiten letztlich dem Schutz der Allgemeinheit dienen.