Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Rennfahrer Marvin Dienst über die Arbeit im Team Schütz und seinen Traum von einem Werksvertrag

Marvin Dienst will auch 2020 wieder im GT Masters starten.
Marvin Dienst will auch 2020 wieder im GT Masters starten. Foto: Dienst/Frei

Erfahrungen sammeln – das stand für das Team Schütz Motorsport aus Bobenheim-Roxheim in der ADAC-GT-Masters-Serie ganz oben im Lastenheft. Während sich Rookie Aidan Read im Mercedes-AMG GT3 schwer tat, überzeugte Marvin Dienst mit vorderen Startplätzen und guten Leistungen in den Rennen. Im Interview spricht der 22-jährige Lampertheimer über Qualifyingrunden, Fahrzeugkonzepte und seine Qualitäten als Beifahrer.

Herr Dienst, was macht ein Rennfahrer im Winter?
(lacht) Ich bin gerade aus dem Urlaub nach Hause gekommen. Für mich steht jetzt noch die Nachbereitung der letzten Rennen an, außerdem verbringe ich viel Zeit im Fitnessstudio und im Simulator. Ende Januar geht es mit den ersten Tests los. Dann wird es auch Zeit, wieder ins Rennauto zu kommen. Wenn man lange mit dem Po auf dem Sofa gesessen hat, verliert man ein wenig das Gefühl für die Geschwindigkeit.

Das Team Schütz Motorsport ist nach einem Jahr Pause mit einem neuen Auto in die GT-Masters-Serie zurückgekehrt. Fiel die Umstellung von Porsche auf Mercedes schwer?
Der Unterschied ist schon groß, das Fahrzeugkonzept ist ein ganz anderes. Beim Porsche befinden sich Motor und Getriebe im Heck. Der Massenschwerpunkt liegt hinter der Hinterachse, im Mercedes dagegen wegen des Frontmittelmotors etwa in der Mitte des Wagens.

Wie wirkt sich das beim Fahren aus?
Der Porsche hat eine lange Traktion. Wenn man die aber verliert, bricht er ruckartig mit dem Heck aus. Da hilft nur sofortiges Gegenlenken. Der Mercedes ist in Kurven viel stabiler auf der Hinterachse und deswegen auch etwas einfacher beherrschbar.

Wie zufrieden sind Sie mit der Saison?
Im Großen und Ganzen können wir zufrieden sein. Im GT Masters kann man mit einem neuen Auto nicht Halbgas fahren, um sich langsam dran zu gewöhnen. Es dauert, bis man Erfahrungswerte für die Abstimmung hat. Natürlich zahlt man dann auch Lehrgeld. Der erste Startplatz in Oschersleben hat aber gezeigt, was das Team und das Auto können. Insofern wäre für uns sicher noch etwas mehr drin gewesen.

In der Juniorwertung waren Sie von Anfang an vorne dabei.
Aidan Read und ich hatten in der Juniorwertung bis zum letzten Wochenende auf dem Sachsenring Chancen auf den Titel. Im Nachhinein bin ich über den zweiten Platz gar nicht so traurig. Klar hätte ich gerne gewonnen, als Erster hätte ich im kommenden Jahr aber den Juniorstatus verloren. Und damit eine halbe Stunde extra Trainingszeit, die den Junioren zugestanden wird. Für ein kleines Team, das nicht viel testen kann, ist die zusätzliche Zeit auf der Rennstrecke enorm wertvoll.

Während Sie in den Qualifyings für die Samstagsrennen regelmäßig vordere Startplätze herausgeholt haben, wurden die Ergebnisse Ihres Teamkollegen erst gegen Ende der Saison besser. Ärgert Sie das?
Das muss man akzeptieren, Motorsport ist Teamsport. Für Aidan war alles neu. Er kannte die Rennstrecken nicht und hat wohl selbst ein bisschen unterschätzt, wie dünn die Luft im GT Masters ist. Im Qualifying liegen nicht selten 20 bis 25 Autos innerhalb einer Sekunde. Wenn man auch nur einen Curb nicht richtig nimmt, kann man die Runde vergessen. Und wenn man es nicht unter die ersten 15 Startplätze schafft, kann man das Rennen im Prinzip in die Tonne treten. Dann schafft man es nicht mehr, nach vorne zu fahren. Das haben wir in den Sonntagsläufen gesehen.

Gegen Ende der Saison mussten Sie im Team Schütz auch in der Serie GT4 Germany im Mercedes aushelfen. Wie war die Doppelbelastung?
(lacht) Das war schon nicht unanstrengend. Wenn man gerade im GT3-Wagen ein Rennen gefahren hat und dann direkt in den GT4 einsteigt, bleibt eigentlich nur die Einführungsrunde, um sich an das andere Auto zu gewöhnen. Für das Team ging es darum, unserem Gentlemanfahrer Marcus Suabo mit meiner Hilfe das nötige Vertrauen zu geben und ihm zu zeigen, was das Auto kann. Mein Fokus lag aber auf dem GT3-Programm.

Sie kommen ursprünglich aus dem Formelsport. 2015 haben Sie die Deutsche Formel-4-Meisterschaft gewonnen, vor einem gewissen Mick Schumacher. War der GT-Sport von Anfang an das Ziel?
Als Jugendlicher habe ich natürlich davon geträumt, mal in der Formel 1 zu fahren. Bei den Summen, um die es da heute geht, ist das aber vollkommen utopisch für mich. Man muss für die Ausbildung mindestens acht Millionen Euro mitbringen, um sich in vier bis fünf Jahren über die Formel 3 und Formel 2 hochzuarbeiten. Ein Testtag bei einem Formel-1-Team schlägt dann noch einmal mit etwa 350.000 Euro zu Buche.

Was reizt Sie am GT-Sport?
Das Interesse von Herstellern, Fahrern und Fans an den GT3-Serien ist hoch, der Wettbewerb hart. Sie sind mit das Attraktivste, was der Motorsport zu bieten hat. Außerdem wird dort sehr viel Entwicklungsarbeit für die Serienfertigung geleistet, beispielsweise im Bereich der Elektrifizierung. Der Motorsport liegt etwa fünf Jahre vor der Straße.

Wie sehen Ihre Pläne für 2020 aus? Sehen wir Sie wieder im ADAC GT Masters im Schütz-Mercedes?
Die Planungen für die nächste Saison laufen, noch ist aber nichts fest. Ich bin schon 2016 für Schütz Motorsport im GT Masters gefahren und würde jetzt gerne ein weiteres Jahr dranhängen. In der vergangenen Saison haben wir viele Erfahrungen gesammelt, von denen wir 2020 profitieren können. Ende Januar trifft sich das Team auf der Rennstrecke im spanischen Cartagena zum Shakedown, dann sehen wir weiter.

Was zeichnet das Schütz-Team aus?
Es ist eines der letzten familiengeführten Teams ohne Werksunterstützung im ADAC GT Masters. Sie sind schon lange dabei und verfügen über viel Erfahrung. Teamchef Christian Schütz ist ein Genie, was das Setup angeht. Er hat noch immer den Traum von der Meisterschaft. Einmal hätte es ja beinahe geklappt.

Kann das Team 2020 im Titelkampf mitmischen?
Um vorne dabei zu sein, muss vieles zusammenkommen. Das Niveau in der Serie ist in den letzten Jahren noch mal gestiegen, inzwischen sind einige DTM-Teams dazugekommen. Das Fahrerfeld ist top besetzt. Man braucht eigentlich zwei erfahrene Piloten, um eine echte Chance zu haben.

Was ist Ihr langfristiges Ziel?
Mein großes Ziel ist es, einen Werksvertrag zu bekommen und für einen Hersteller zu fahren. Patric Niederhauser, der mit Kelvin van der Linde auf Audi (HCB-Rutronik Racing, Anm. d. Red.) die Meisterschaft im GT Masters gewonnen hat, ist das mit 28 Jahren gerade gelungen. Er ist jetzt Audi-Werksfahrer.

Haben Sie im Motorsport Vorbilder?
Alessandro Zanardi. Er hat 2001 bei einem Unfall in der amerikanischen Champ-Car-Meisterschaft beide Beine verloren und hat sich trotzdem nicht unterkriegen lassen. Ich bewundere auch die Leistung von Lewis Hamilton. Er ist sechsfacher Formel-Weltmeister, weil er seit Jahren konstant auf einem unglaublich hohen Niveau fährt.

Gibt es Rennen, die Sie unbedingt noch fahren wollen?
Le Mans habe ich in der Langstrecken-WM ja schon abgehakt. (lacht) Aber es gibt noch einige andere Klassiker, die mich enorm reizen: die 24 Stunden von Daytona, das 24-Stunden-Rennen in Bathurst oder den FIA-GT-Weltcup in Macau. Und natürlich das 24-Stunden-Rennen auf der Nürburgring-Nordschleife.

Haben Sie einen Lieblingsrennwagen?
Den 911 RSR, den ich in der Langstrecken-Weltmeisterschaft für das Team Dempsey-Proton-Racing gefahren bin. Der ist in jeder Hinsicht extrem. Er ist der schnellste auf der Serie basierende Rennwagen von Porsche. Und mit 130 Dezibel unheimlich laut. Wenn man ihn startet, bekommt man Tinnitus. An den Sound werde ich mich in 20 Jahren noch erinnern.

Hand aufs Herz, sind Sie ein guter Beifahrer?
(lacht) Nein, überhaupt nicht. Ich war gerade mit Freunden im Camper in Australien unterwegs. Den größten Teil der Strecke bin ich gefahren.

Interview: Frank Geller

Zur Person

Der gebürtige Wormser begann schon mit fünf Jahren mit dem Kartsport. Mit 15 gewann Marvin Dienst die Meisterschaft im Formel-BMW-Talentcup, 2015 wurde er Deutscher Formel-4-Meister. Ein Jahr später bestritt der Lampertheimer seine erste Saison im ADAC GT Masters für das Team Schütz Motorsport. Sein bislang größter Erfolg war 2017 die Vizemeisterschaft in der FIA-Langestrecken-WM in der GTE-Am-Klasse im Porsche 911 RSR von Dempsey-Proton-Racing. Im Jahr drauf wurde er Vierter in der europäischen Le-Mans-Serie. 2019 startete er im GT Masters sowie im Porsche Sports Cup, im DMV-Endurance-Masters und in der VLN-Langstreckenmeisterschaft. Der Automobilkaufmann arbeitet im elterlichen Betrieb für Fahrzeugbau und -hydraulik in Mannheim und schult Porsche-Mitarbeiter in den Bereichen Zukunftstechnologien und in der Motorsporthistorie.

Keine Zeit zum Trödeln: Marvin Dienst (links) und sein Teamkollege Aidan Read beim Fahrerwechsel.
Keine Zeit zum Trödeln: Marvin Dienst (links) und sein Teamkollege Aidan Read beim Fahrerwechsel. Foto: Dienst/frei
Auch am Ende der Saison lagen der Lampertheimer Marvin Dienst (links) und der Australier Aidan Read in der Juniorwertung noch au
Auch am Ende der Saison lagen der Lampertheimer Marvin Dienst (links) und der Australier Aidan Read in der Juniorwertung noch auf dem zweiten Platz. Foto: Dienst/frei
In Kurven gut ausbalanciert: der Schütz-Mercedes.
In Kurven gut ausbalanciert: der Schütz-Mercedes. Foto: Dienst/frei
Das Ziel von Marvin Dienst, hier in der Boxengasse in Hockenheim, ist ein Werkvertrag.
Das Ziel von Marvin Dienst, hier in der Boxengasse in Hockenheim, ist ein Werkvertrag. Foto: Dienst/frei
Beim Pflichtstopp muss jeder Handgriff sitzen.
Beim Pflichtstopp muss jeder Handgriff sitzen. Foto: Dienst/frei
Pause: Marvin Dienst (links) und Aidan Read in der Box.
Pause: Marvin Dienst (links) und Aidan Read in der Box. Foto: Dienst/frei
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