Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Rück-Spiegel – die Wochenkolumne

Es gibt Tage, da fallen in den sozialen Netzwerken alle Hemmungen – diese Woche war es mal wieder soweit. Fortsetzung folgt ...
Es gibt Tage, da fallen in den sozialen Netzwerken alle Hemmungen – diese Woche war es mal wieder soweit. Fortsetzung folgt ...

Promi-Besuch: Donnerwetter

Ja, natürlich, es gib t aktuell Schlimmeres auf der Welt als das. Und trotzdem: Die Redaktion fühlt mit den Bewohnern des Hauses Maximilian, die sich so auf Harry Wijnvoord gefreut hatten und Anfang der Woche, einen Tag vor seinem angekündigten Auftritt in dem Dirmsteiner Pflegeheim, bitter enttäuscht wurden. Der Showmaster, der ihnen in den 80ern und 90ern auf RTL mit der Dauerwerbesendung „Der Preis ist heiß“ lange Vor- und Nachmittage verkürzt hatte, ließ per E-Mail ausrichten, dass er es am Dienstag nicht zu der geplanten Retro-Veranstaltung mit Autogramm- und Fotografierstunde schaffen würde. Wegen des Bahnstreiks, hieß es.

Die Aufregung war groß, berichtet Ina Seide, die für die Betreuung (nicht Pflege) der Heimbewohner beziehungsweise deren Kontakt zur Außenwelt zuständig ist. Sie will sich gar nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn sie in der Betriebsamkeit des Heimalltags die E-Mail nicht gelesen hätte und Bewohner sowie Gäste vor den vielen gestifteten Sachpreisen gesessen hätten. Ohne Harry. So aber organisierte die kreative wie resolute Frau rasch ein Trostpflaster in Form eines Musiker-Duos, das den dienstäglichen Kaffeeklatsch versüßte. Dann holte sie sich von den Spendern das Okay, dass die heißen Preise beim Adventsbasar im Haus für die Tombola verwendet werden dürfen.

Und schließlich redete sie ein ernstes Wörtchen mit dem Wijnvoord-Manager. Der will laut Ina Seide die durch die Absage entstandenen Unkosten tragen und bietet einen Videoanruf an, damit die alten Leutchen den legendären Moderator doch noch zu Gesicht kriegen und ein paar Worte mit ihm wechseln können. Wenn er sich das mal gut überlegt hat. Die Redaktion beschleicht nämlich das ganz, ganz starke Gefühl, dass Harry sich auf ein ziemliches Donnerwetter einstellen muss.

Corona: Denkfehler

Die digitale Variante eines Donnerwetters läuft heutzutage unter der Bezeichnung Shitstorm. Ziemlich nah dran an diesem Phänomen war, was sich in den sogenannten sozialen Netzwerken unter dem Artikel über die glückliche Genesung eines Stadtklinik-Patienten nach einer schweren Covid-19-Erkrankung entwickelt hat. Die Kurzversion: Der Mann hat nach Infektion, Koma und Beatmung diese Woche nach 90 Tagen das Krankenhaus Richtung Reha verlassen – ein Fall, der berührt, ein Fall, der die lebensgefährliche Seite des Coronavirus vor Augen führt. Oder?

Eine Reaktion, die man erwarten könnte: Mitgefühl mit jemandem, der buchstäblich dem Tod von der Schippe gesprungen ist. Oder: ein Lob für Mediziner und Pfleger, die mit Können und Wissen den Mann ins Leben zurückholen konnten. Stattdessen entlädt sich unter dem Post bei Facebook blanker Hass: auf Menschen, die lieber einer Impfung gegen das Coronavirus vertrauen als ihrem Glück, auf die Medien, die angeblich so einseitig über die Pandemie und ihre Folgen berichten. Das alles ist in den zurückliegenden anderthalb Jahren fast schon Corona-Alltag geworden, wenn es nicht von so geringer Anteilnahme am Einzelschicksal zeugen würde. Ehrlich und deutlich gesagt: Es ist zum Kotzen, was da in kalter Selbstgewissheit und höhnischer Abwertung in die Gosse der Kommentarspalten gekippt wird.

H. Wijnvoord
H. Wijnvoord
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