Frankenthal
Putzen, streichen und schleifen am Freiwilligentag
„Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben.“ Das sagt einer der zwölf Stolpersteinputzer, die unter der Federführung des Fördervereins für jüdisches Gedenken ausschwärmen, um mehr als 80 der kleinen Gedenksteine aus Messing auf Hochglanz zu bringen. Sie liegen vor ehemaligen Wohnhäusern von Opfern des Nationalsozialismus. Der Mann, der das sagt, hat weder beruflich noch familiär Berührungspunkte mit dem braunen Kapitel deutscher Geschichte. Der 37-jährige Christian Gandyra hat sich der Putzkolonne spontan angeschlossen, „weil ich etwas Soziales machen, mal aus meiner Komfortzone herauskommen wollte“, wie er auf Nachfrage sagt.
Wiedergutmachung ist dem Paar Albrecht aus Berlin wichtig. In der Hauptstadt wurden bislang über 10.000 Stolpersteine verlegt. In ihrer ehemaligen Heimat Frankenthal sind es 109 Gedenksteine – acht davon finanziert von den Albrechts. „Im Namen jedes unserer Familienmitglieder haben wir einen Stein gestiftet“, sagt Christoph Albrecht. „Wir haben 60 Jahre gut in Frankenthal gelebt. Die Opfer der Nazis hätten hier auch gern 60 Jahre gut gelebt.“
In drei Gruppen brechen die Teilnehmer vom Dathenushaus aus auf. Der stellvertretende Vereinsvorsitzende Rüdiger Stein führt drei Frauen und ein Kind in die Wormser Straße. Das Kind ist Teresa Umlauf aus Bobenheim-Roxheim. Sie ist zehn Jahre alt und mit ihrer Mutter seit ihrem zweiten Geburtstag Stammgast bei den alle zwei Jahre stattfindenden Steinreinigungen. „Es ist mir wichtig, die Verantwortung für die Vergangenheit an die nächste Generation weiterzugeben“, meint Tina Umlauf, die es erschreckend findet, „dass es solcher Aktionen überhaupt bedarf, um das Thema in den Vordergrund zu rücken“.
Referendarin lernt von Schülerin
In der Wormser Straße beklebt Teresa fachmännisch die Ränder des Stolpersteins für die politisch verfolgte SPD-Frau Maria Müller. Lena Piroth schaut ihr über die Schulter. Die Referendarin der Friedrich-Ebert-Realschule möchte mit ihren Schülern zu einem späteren Zeitpunkt die Gedenksteine putzen. „Das macht die Vergangenheit greifbarer als Unterricht. In den Steinen steckt so viel Geschichte über Menschen, die hier gewohnt haben. Die abgeholt wurden und meistens nie wiedergekommen sind.“ Das Mädchen und die Referendarin reiben die eingestanzte Inschrift mit Metallpolitur ein, die etwas länger einwirken soll. Daher stellt Rüdiger Stein ein Warnschild auf. Die Gruppe zieht weiter zur Hausnummer 27, wo drei Stolpersteine an die Familie Abraham erinnern.
Stein berichtet über die Abrahams, die nur zwei Häuser entfernt vom Hauptsitz der NSDAP-Kreisleitung wohnten und ein Möbelgeschäft führten. Die Akte ihrer Zwangsenteignung liegt im Stadtarchiv. Julius Abraham starb im Konzentrationslager Majdanek, seine Frau Elsa überlebte das Internierungslager Gurs, Sohn Walter Wilhelm tauchte in Berlin unter.
Heidi Rossmann, aufgewachsen in Kleinniedesheim, ist Mitglied im Förderverein. Sie erzählt: Ihre Tante habe auf dem Schulweg in Worms Schutz vor einem Bombenangriff in einem jüdischen Geschäft gefunden. Der Inhaber wurde verschüttet und starb, die Tante wurde durch seine Gastfreundschaft gerettet.
Frische Farben an der Lessingschule
Zeitgleich sind in der Lessingschule 20 Kinder und Erwachsene am werkeln. Auch einige Jugendliche sind dabei, die danke sagen wollen für ihre Zeit an der Grundschule im Nordend. Lilla, Zehntklässlerin am Albert-Einstein-Gymnasium, wird hier ein Praktikum absolvieren und übt heute schon mal den Umgang mit Grundschülern. Die 15-Jährige versammelt sieben Kinder an einer ausgeblichenen Wand, erklärt, wie man die Farbrollen bedient, und schon wird die Wand wieder schön gelb.
Auf dem Schulhof verpassen Eltern den Sitzbänken mit Schleifgeräten eine Schönheitskur und erneuern die auf den Asphalt aufgemalten Hüpfspiele. Auch aus dem neuen Kindertreff, der auf der anderen Seite der Gottfried-Keller-Straße liegt, dringt Arbeitslärm. Im ehemaligen Vereinsheim der 2023 aufgelösten Siedlergemeinschaft Nordend wird der Vorraum renoviert. In einigen Monaten werden hier die Ganztagsschüler ihr Mittagessen verspeisen.
Schulleiterin Birgit Ackermann koordiniert die helfenden Hände. Am Freiwilligentag der Metropolregion Rhein-Neckar beteilige sich die Lessingschule seit vielen Jahren, sagt sie. So seien zahlreiche Projekte gestemmt worden, zum Beispiel ein offenes Klassenzimmer, die Hüpfspiele und die Bänke auf dem Schulhof. „Wenn Schüler ihre Schule mitgestalten, gehen sie achtsamer mit dem Gebäude und dem Inventar um“, meint Ackermann. Sie freut sich, dass Familien mit ausländischen Wurzeln dabei sind. „Eltern aus anderen Ländern sind im Schulalltag oft wenig präsent, weil sie die deutsche Sprache nicht so gut beherrschen. Aber den Pinsel halten oder schleifen, das kann man auch ohne viele Worte.“