Frankenthal / Großkarlbach
Pfarrer singt groteske Grablieder: Eine wahre Begebenheit beim Theater Alte Werkstatt
Es gehört schon Mut dazu, sich an ein Lustspiel aus dem Raritätenkabinett deutschen Kulturguts zu wagen: „Sing nicht, Vogel!“ stammt aus der Feder des 1905 geborenen Allgäuer Heimatpfleger Alfred Weitnauer und wurde 1966 einem breiteren Publikum bekannt. Unter dem Titel „Der Vogel läßt das Singen nicht“ strahlte der damalige Süddeutsche Rundfunk (SDR) den schwarz-weiß-Film mit Willy Reichert in der Hauptrolle aus. Reichert galt damals als Star schwäbischen Liedguts. Der Chef des Theaters Alte Werkstatt Jürgen Hellmann kramte das Stück aus der Mottenkiste und beauftragte nun Regisseur Uwe von Grumbkow, es quasi „einzupfälzern“.
Streng geheim!
Schwäbische Mundart wird nun zu Pfälzer Dialekt. Und der Schauplatz der ursprünglichen Handlung im oberschwäbischen Kirchenberg an der Iller wird nun zu Großkarlbach am Eckbach. Klar, dass dies den Lokalpatrioten im Publikum gefiel – ebenso wie der Umstand, dass eine Hauptrolle von einer Großkarlbacherin bekleidet wird: Angelika Dietrich lebt hier seit 36 Jahren. Sie habe, so verriet sie in einer Probe, vor der Premiere keinem Nachbarn gesteckt, dass die Eckbachgemeinde in der neuen Eigenproduktion im Mittelpunkt steht.
Das Stück lädt die Zuschauer ein zu einer Zeitreise in das Großkarlbach anno 1830. Die Kostüme der Akteure und Requisiten sind passend historisch, was der Inszenierung den Charme des Stationentheaters verleiht, den die Lambsheimer vor fünf Jahren zum 1250-jährigen Ortsjubiläum aufführten. Und auch der Aufführungsort passt mit einer Unschärfe von rund 100 Jahren zum historischen Schauplatz: Der ehemalige Winzerhof Claus ist Baujahr 1903 und bietet mit altem Gemäuer die perfekte Kulisse.
Der wahre Kern der Geschichte
Es ist ein betagter Mitstreiter des Theaters Alte Werkstatt der das alte Großkarlbach auf die Bühne zaubert: Bis vor wenigen Jahren hatte Wolfgang Bachtler aus Neustadt im TAW noch geschauspielert und auch Regie geführt. Für das Lustspiel malte der jetzt über 80-Jährige Ortsansichten auf Stellwände – Großkarlbacher Kirche, Dorflinde und Wegschilder, im naiven humorvollen Stil, der aus den Bildergeschichten von Wilhelm Busch zu stammen scheint. Der Satiriker hat die Frömmelei von Geistlichen auf die Schippe genommen, daher harmoniert das Bühnenbild mit der Geschichte, in der dem allseits beliebten Pfarrer Michael von Jung unter Strafandrohung des Klerus das Absingen selbstgedichteter Moritaten an Gräbern untersagt werden soll. Schade nur: Das Publikum erfährt nicht, dass die Geschichte einen wahren Kern besitzt. Michael von Jung hatte tatsächlich 1830 in Kirchenberg eine Pfarrstelle und ist wegen seiner drastischen Grablieder mehrfach in Konflikt mit der kirchlichen Obrigkeit geraten.
Kleine Kostprobe gefällig?
Diese mit schwarzem Humor gespickten Grablieder sind das Sahnestück des Lustspiels. Kostprobe gefällig? Die Moritat über den vom Kirchturm abgestürzten Maurer, der auf ein Kreuz aufgespießt wurde: „Man zog ihn aus dem Kreuz heraus, schon halb entseelt, da traten sogleich die Eingeweide aus.“ Oder das Lied vom tragischen Tod des Jünglings Josef Zick, „zerschmettert war von innen des Hirnes edler Saft, er kam dadurch von Sinnen und aller Lebenskraft.“
Gekonnt schiefe Lieder
Weitere Stärke des Stücks ist die Schwarmintelligenz, mit der sich die eingeschworene Dorfgemeinschaft ohne Absprache gegen den bigotten Speyerer Domkapitular Anton Spiehler (Thomas Koob) zur Wehr setzt, der den geliebten Dorfpfarrer strafversetzen will. Allen voran Haushälterin Ursel (Dietrich), die ihren Pfaffen wie eine Löwin verteidigt. Gefolgt vom gemütlichen Schulmeister Franz Schmöck (Jürgen Walter), der mit Pfeife und Frack direkt den Bildergeschichten Buschs entsprungen scheint. Dazu der sechsköpfige TAW-Chor, der als Kirchenchor zu den unpassendsten Momenten in die Handlung grätscht und hingebungsvoll und gekonnt schief zu den Melodien bekannter Kirchen- und Volkslieder die schaurig-schönen Moritaten trällert. Eine Punktlandung ist Hans Otto Häckel als Pfarrer – ein intelligenter Schelm, ungekrönter Dorfkönig und Anführer eines Völkchens, das wie die Gallier bei Asterix seine Identität verteidigt – den Dialekt.
Die Großkarlbacher sind die Guten
Zwar ist die Komödie für heutige Theatergänger ungewohnt. Sie ist ein eindimensionales Lustspiel, frei von doppelten Böden, Verwicklungen und amourösen Verstrickungen. Die Fronten sind durchgängig klar: Der Bösewicht ist Domkapitular Spiehler, die Großkarlbacher sind die Guten. Doch das Stück hat etwas Wohltuendes, es ist gut gemachtes Kindertheater für Erwachsene. Es ist nicht nur eine unterhaltsame Zeitreise 200 Jahre rückwärts: Niemand kann dem Vogel das Singen verbieten – eine Botschaft, die Regisseur von Grumbkow mit der historischen Figur des Pfarrers Michael von Jung in die demokratischen Fallstricke der Gegenwart transportiert.
Termine
Weitere Aufführungstermine: 1., 2. und 28. Juli sowie 17. und 27. August jeweils um 19.30 Uhr auf der Großkarlbacher Sommerbühne des Theater Alte Werkstatt in der Laumersheimer Straße 4.