Hockey
Peter Trump und die Erinnerung an die Olympischen Spiele 1972 in München
Wenn Peter Trump das berühmte Zeltdach des Münchner Olympiastadions sieht, werden die Erinnerungen wieder wach bei ihm. Die Erinnerungen an die Zeit vor 50 Jahren, als er selbst in München war – als Teil der deutschen Hockey-Nationalmannschaft, die in München die Goldmedaille gewann. „Ich hab’ noch viel auf der Festplatte“, sagt Peter Trump und tippt sich mit zwei Fingern und einem schelmischen Grinsen an die Schläfe.
Soll heißen: Die Bilder von damals, als er mit gerade mal 21 Jahren eigentlich noch am Anfang seiner sportlichen Karriere stand, sind noch sehr lebendig. „Wir haben uns ein Vierteljahr vor den Spielen an den Wochenenden in München zum Training getroffen, um die Atmosphäre in den und rund um die Sportstätten zu verinnerlichen“, erzählt er.
Bei der Eröffnung auf der Tribüne
Schon die Eröffnung sei sehr emotional für ihn gewesen. Diese habe er allerdings von der Tribüne aus verfolgt. Gemeinsam mit dem Rest der Athleten den Einlauf der Nationen mitzumachen, kam nicht infrage. „Wir hatten am nächsten Tag gleich ein Spiel. Und bei so einer Eröffnung steht man locker sechs Stunden rum. Da hätten wir hinterher dicke Füße gehabt“, berichtet Trump.
Ob’s jetzt nur daran lag, dass Deutschland 5:1 gegen Belgien gewann, lässt sich natürlich nicht mehr nachprüfen. Die Vorrundengruppe war aber auch danach sehr erfolgreich für die deutsche Auswahl. Dem 1:0 gegen Malaysia folgten ein 2:1 gegen Argentinien sowie ein 2:1 gegen den haushohen Favoriten Pakistan. Den einzigen Punktverlust leistete sich die deutsche Auswahl beim 1:1 gegen Uganda. Ein 2:1 gegen Spanien und ein 4:0 gegen Frankreich rundeten die Vorrunde ab, sodass Deutschland als Gruppenerster vor Pakistan ins Halbfinale einzog.
Drama in Fürstenfeldbruck
Zwischen dem Ende der Vorrunde und dem Semifinale allerdings sollte der Sport durch den Anschlag auf die israelische Mannschaft am 5. September 1972 in den Hintergrund treten. „Wir hatten an dem Tag nachmittags noch Training“, erinnert sich Peter Trump. Die Connollystraße, wo der Anschlag passierte, sei nur rund 150 Meter von der Unterkunft des Teams entfernt gewesen. „Aber als wir ins Bett sind, wusste keiner, was eigentlich los war. Erst am nächsten Morgen haben wir von dem Drama in Fürstenfeldbruck gehört“, berichtet der 71-Jährige.
Man habe das mannschaftsintern dann aufgearbeitet. „Zwei Spieler hatten Bedenken“, sagt Trump. Die Mehrheit sei allerdings dafür gewesen, weiterzuspielen. Trump ist überzeugt: „Ein Abbruch der Spiele wäre bei der Vergangenheit in Deutschland schwierig gewesen.“ Bei der Trauerfeier war er im Olympiastadion. Er war Zeuge der berühmten Worte des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage „The games must go on“ (Die Spiele müssen weitergehen). „Man hat nichts gehört, kein Beifall, kein Räuspern.“ Auch beim Ausmarsch aus dem Stadion sei die Stimmung gedrückt gewesen.
Sicherheitsvorkehrungen verschärft
Nach dem Anschlag seien die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden. Mit einer Polizeieskorte sei es zum Training gegangen, und auch am Platz seien Ordnungshüter gewesen. „Die Sicherheit ist ums Dreifache hochgefahren worden“, sagt Trump. Vor dem Anschlag habe er noch Giovanni Vicca und Kurt Decher, zwei Freunden aus Frankenthal, die zu Besuch waren, das Olympische Dorf gezeigt. Das sei nach dem Anschlag nicht mehr möglich gewesen.
Für Peter Trump, mit 21 Jahren damals der Jüngste im deutschen Team, und den Rest der Hockey-Nationalmannschaft aber gingen die Spiele tatsächlich weiter. „Wir haben es durchgezogen“, sagt Trump. Das 3:0 im Halbfinale gegen die Niederlande sei das beste Spiel im Turnier gewesen. „Wir sind zu den Olympischen Spielen gefahren und haben gedacht, dass wir vielleicht eine Medaille holen könnten“, erzählt Peter Trump. Mit dem Einzug ins Endspiel war diese der Mannschaft nicht mehr zu nehmen.
Ermutigung von den Zimmerkollegen
Am 10. September, dem letzten Tag der Spiele von München, musste Deutschland im Finale wieder gegen Pakistan ran. „Ich war sehr nervös“, gesteht Trump. Doch seine Zimmerkameraden Carsten Keller (Berliner HC) und Eduard Thelen (RW Köln) hätten ihm gut zugeredet. „Das hat geholfen.“
Das Finale schrieb dann seine ganz eigene Geschichte. Michael Krause (SW Köln) gelang nach einer Ecke das goldene Tor für Deutschland. „Es war eine Wiederholungsecke“, erinnert sich Trump. Er selbst erlebte diese allerdings nicht auf dem Platz, weil er bei der ersten Ecke eine Zeitstrafe kassiert hatte. „Da ist schon eine Welt für mich zusammengebrochen“, sagt Trump.
Olympiasiege von Wolfermann und Meyfarth
Deutschland gewann auch das zweite Spiel gegen Pakistan in dem Turnier und holte sich so die Goldmedaille. „Bei der Siegerehrung bin ich übergelaufen wie Brausewasser“, beschreibt Peter Trump seine Gefühlslage bei der Medaillenübergabe. Er sei eben ein sehr emotionaler Mensch.
Auf seiner „Festplatte“ sind aber noch weitere Erinnerungen hängen geblieben. Zum Beispiel der Besuch im Olympiastadion, als zuerst Speerwerfer Klaus Wolfermann und dann Ulrike Meyfarth im Hochsprung jeweils Olympiasieger wurden. „Beim Sprung von Meyfarth waren wir schon auf dem Weg aus dem Stadion, weil wir zur Mannschaftssitzung mussten. Aber wir haben den Jubel und dann die Durchsage vom Stadionsprecher gehört“, sagt Peter Trump.
Besonderes Treffen bei der Schlussfeier
In Erinnerung geblieben ist auch die Begegnung mit Mark Spitz. Der US-Amerikaner räumte bei den Schwimmwettbewerben sieben Goldmedaillen ab. „Da waren auf einmal so viele Kameras und Journalisten. Das war schon ein starker Athlet. Für einen kurzen Moment habe ich da vergessen, dass ich selbst Teilnehmer bin und etwas gewinnen kann“, sagt Trump und lacht.
Ein besonderes Wiedersehen habe es bei der Abschlussfeier gegeben. Dort habe er im Stadion einen alten Kameraden aus seiner Zeit bei der Bundeswehr getroffen. Das war kein geringerer als Günter Haritz, 1972 Olympiasieger in der Mannschaftsverfolgung im Bahnradsport. „Wir sind uns um den Hals gefallen und haben geflennt“, sagt Trump.
Noch heute treffen sich die verbliebenen Mitglieder der Gold-Mannschaft von 1972 regelmäßig. Wolfgang Baumgart, Detlev Kittstein, Michael Peter, Dieter Freise, Uli Vos, Wolfgang Strödter und Trainer Werner Delmes sind mittlerweile verstorben. „Der Kreis wird leider immer kleiner“, sinniert Trump.