Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Pandemie-Folgen: Pfälzer Arzt kehrt Schweden den Rücken

Freundlich, bunt und liberal – so stellen sich die Deutschen das Leben in Schweden üblicherweise vor.
Freundlich, bunt und liberal – so stellen sich die Deutschen das Leben in Schweden üblicherweise vor.

Rote Häuser, blaue Seen, grüne Wälder – Steffen Bonn weiß, dass die meisten Deutschen ein sehr idyllisches Bild von seiner Wahlheimat Schweden haben. Vielen galt das skandinavische Land und sein scheinbar gelassener Umgang mit dem Coronavirus in der Pandemie als Vorbild. Der aus Frankenthal stammende Arzt hat das ganz anders erlebt.

Fast zwei Jahrzehnte hat Steffen Bonn in Schweden gelebt und gearbeitet. Dort hat er zwei Söhnen großgezogen. Im Frühsommer werden er und seine Familie das Land verlassen und in Österreich, der Heimat seiner Frau, noch einmal neu anfangen. Mit Blick aufs eigene Haus am Waldrand, wo sich im Herbst hin und wieder ein Elch am Apfelbaum bedient hat, tut das der 51-Jährige durchaus mit schwerem Herzen. „Das war alles sehr bullerbü-mäßig“, sagt er und spielt damit auf den Schauplatz der in Deutschland bekannten und beliebten Kinderbücher von Astrid Lindgren an.

Tatsächlich hat der in Frankenthal aufgewachsene Kinderarzt im Verlauf der zurückliegenden zwei Jahre seine Wahlheimat von einer weniger idyllischen Seite kennengelernt. Das Coronavirus hat nach seinem Empfinden etwas in den Schweden hervorgekehrt, von dessen Existenz Steffen Bonn nach der langen Zeit im Land zwar wusste, das aber – so erlebt er es – unter den besonderen Vorzeichen der Pandemie zum echten Problem geworden ist. Das Phänomen nennt sich „åsiktskorridor“ – Meinungskorridor – und beschreibt grob, dass in einer öffentlichen Diskussion nur eine bestimmte Bandbreite von Ansichten akzeptiert wird. Mit anderen Worten: Bei heiklen Themen gibt es mitunter enge Grenzen des Sagbaren.

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Wenig staatliche Eingriffe

Wer sich außerhalb dieses politisch und medial definierten Raums bewege, müsse mit Ignoranz, Anfeindungen und Drohungen rechnen, beschreibt der Arzt mögliche Folgen. Im Zusammenhang mit Corona verlaufen die Konfrontationslinien freilich etwas anders als im ja nun auch nicht von großer gegenseitiger Toleranz gekennzeichneten Diskurs in Deutschland. Steffen Bonns Schilderung nach war recht früh die Haltung von Anders Tegnell das Maß aller Dinge. Der Staatsepidemiologe und sein Behördenapparat stehen für einen von geringen staatlichen Eingriffen geprägten Umgang mit der Seuche, beispielsweise bei Quarantäne und Maskenpflicht.

Gehandelt habe er – und mit ihm die schwedische Politik – gegen den ausdrücklichen Rat von zahlreichen Wissenschaftlern unter anderem des renommierten Karolinska-Instituts, das jährlich den oder die Träger des Nobelpreises für Medizin mitbestimmt, berichtet der gebürtige Pfälzer, der in Frankfurt Medizin studiert und sich schließlich auf Kinderheilkunde spezialisiert hat. Der Punkt, an dem er den Meinungskorridor verlassen und sich in Gruppen Andersdenkender in sozialen Netzwerken engagiert hat, ist die Versorgung coronakranker alter Menschen in Alten- und Pflegeheimen. Statt ihnen bei entsprechender Prognose mit Flüssigkeit und Sauerstoff grundsätzlich medizinisch zu helfen, seien viele von ihnen in den Einrichtungen ohne ärztliche Begutachtung ihrem Schicksal überlassen worden – und gestorben, sagt Bonn.

Kaum Kritik am Konzept

Er selbst habe als Kinderarzt natürlich wenig mit solchen Patienten zu tun gehabt, berichtet der 51-Jährige. Aber als Mediziner sei diese Vorgehensweise für ihn weder fachlich noch moralisch zu vertreten. Es habe kaum Berichte in schwedischen Medien gegeben, die diesen dunklen Fleck in der Covid-Bilanz der hierzulande oft als angebliches Vorbild angeführten Nation thematisiert hätten – einen etwa in der Tageszeitung „Dagens Nyheter“. Kritische Stimmen kleinzuhalten habe viel mit der Sorge zu tun, das Bild Schwedens im Ausland könne leiden.

Ein anderes Beispiel, das Steffen Bonn einfällt, hat schon sehr viel mehr mit seinem praktischen Alltag zu tun. In einer Klinik, in der er als selbstständiger Arzt arbeite, sei er dafür belächelt worden, dass er seit Ausbruch der Pandemie konsequent mit FFP2-Maske unterwegs sei. „Ja, da kommt wieder Steffen mit seinem Kaffeefilter im Gesicht“ – Sätze wie diesen habe er sich schon öfter anhören müssen. Hinter dem Scherzhaften stehe allerdings wiederum die vom Epidemiologen Tegnell und der Gesundheitsbehörde geprägte Meinung, derzufolge Masketragen lange bei Kontakt mit Alten und Kranken nicht als sinnvoll und notwendig galt. Auf dem Mundschutz zu bestehen, habe sogar eine Kollegin den Job gekostet.

Nächste Station: Wien

Auch wenn der Abschied aus Borås östlich von Göteborg aus anderen Gründen schwerfalle, das Klischee der liberalen, weltoffenen Skandinavier erfüllen die Schweden aus Bonns Sicht nur zum Teil. Er erinnert sich an die Jahre, als er im Süden in der Region Malmö gearbeitet habe: „Schon damals sind wir zum Feiern lieber über die Brücke nach Kopenhagen gefahren. Da war es irgendwie lockerer.“ Im Juni nun ist Kofferpacken angesagt für die vierköpfige Familie. Nächste Station für den Frankenthaler: Wien.

Lebt seit fast 20 Jahren in Schweden: der gebürtige Frankenthaler Steffen Bonn.
Lebt seit fast 20 Jahren in Schweden: der gebürtige Frankenthaler Steffen Bonn.
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