Frankenthal
Notwendiger Kulturschock: „Der Vorleser“ im Congressforum
Was hättest du getan? Die Frage von Schuld und Sühne nach den Verbrechen der Nazis verfolgte die Zuschauer am Montag im Congressforum in Frankenthal. Die Theateradaption von Bernhard Schlinks Roman „Der Vorleser“ war eine qualitativ hochwertige Herausforderung für das eher seichte Komödien gewohnte Publikum.
Der von der Decke hängende schmucklose Duschkopf weckt Assoziationen an Gaskammern im Konzentrationslager. Unter der Dusche werden sich die 36-jährige Hanna und der 15 Jahre alte Michael im Liebesspiel vergessen. „Ihre Hingabe war einzigartig. Als wolle sie mit mir ertrinken“, wird Michael später über diese Monate seiner ersten großen Liebe sagen. Als junger Mann wird er Jura studieren. Und seine Hanna wird auf der Anklagebank sitzen. Weil sie sich an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligte, als Michael noch gar nicht geboren war.
In 50 Sprachen übersetzt
Schlinks vor drei Jahrzehnten veröffentlichter Roman avancierte zum Besteller, wurde in über 50 Sprachen übersetzt. 2018 kam er in die Kinos – der Film, der sich mit ethischen Fragen und dem Umgang mit den Tätern des Holocaust in der Bundesrepublik der 1960er Jahre auseinandersetzt, wurde ebenso kontrovers diskutiert wie die Romanvorlage. Regisseur Kai Hufnagel hatte also genug Zeit, um den Stoff für die Uraufführung des „Altonaer Theaters“ im Januar 2024 diplomatisch in Szene zu setzen.
Kontrovers bleibt Hufnagel in seiner Inszenierung selbstredend. Jedoch ist die Bühnenfassung von Mirjam Neidhart eine zahmere Interpretation. Abgesehen vom Duschkopf bleiben die Andeutungen an Hannas Vergangenheit skizzenhaft. Wie sie im abgezirkelten Stechschritt marschiert. Wie sie sich verhärtet zu einer Frau aus Stahl, während ihr junger Liebhaber schier verrückt wird über seine ersten sexuellen Erfahrungen. Das bemerkt nur, wer ganz genau hinschaut.
Vor Gericht ist Schluss mit lustig
Theater muss auch unterhalten. Daher gibt es bis zur Pause Schmunzelmomente. Wenn Michael pudelnackt die Schamröte packt, weil er vom Publikum gesehen wird. Oder wenn süßliche Schlager ertönen – Peter Alexanders „Wunderbares Mädchen, hat mich schon am Gängelband“. Oder das „Merci, mon Ami“ von Udo Jürgens. Nach der Pause muss man die Fallhöhe ertragen: Als Michael im Jurastudium seine ehemalige Geliebte im Kreuzverhör erlebt, ist vorbei mit lustig. Bis sich der Vorhang schließt, tickt permanent eine Uhr. Das Ticken zeigt die neue Ära an. „Unsere Eltern stehen vor Gericht, weil sie die Täter unter sich geduldet hatten“, wird Michael die Zeit beschreiben, in der in Deutschland die Gräueltaten der Nazis nur schrittchenweise geahndet wurden.
Am schwersten zu verkraften ist die Szene der Gerichtsverhandlung, in der Hanna den Richter fragt: „Was hätten sie getan?“ Die Frage wird an die Zuschauer weitergereicht – die grellen Lampen richten sich in den Saal. Was hättest du getan, wird jeder einzelne gefragt. Was hatte Hanna verbrochen? Ihr wird vorgeworfen, als Wärterin im KZ Auschwitz Frauen in die Gaskammern geschickt zu haben. Besonders schwerwiegend ist der Vorwurf, sie habe bei einem Todesmarsch gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Gefangene in eine Kirche gesperrt und sie nach einem Bombenangriff dort verbrennen lassen.
Die größere Scham
Im Prozess wird Hanna von ihren damaligen Kolleginnen als die eigentliche Drahtzieherin gebrandmarkt. Es heißt, sie habe die tödlichen Entscheidungen getroffen und diese schriftlich niedergeschrieben. Was nicht sein kann. Denn Michael erkennt, viel zu spät, dass Hanna Analphabetin ist. Und daher für die belastenden Schriftstücke nicht verantwortlich gemacht werden kann. Doch sie nimmt die Hauptschuld auf sich. Weil sie die größte Scham ihres Lebens, nicht schreiben und lesen zu können, selbst vor Gericht nicht preisgeben will.
Jetzt begreift Michael, warum er stets früher ihr Vorleser war. In den 18 Jahren der Zeit in Haft schickt er ihr selbst aufgenommene Kassetten mit Literatur. Diese Aufnahmen werden für die Inhaftierte zur Brücke, sie lernt das Lesen und studiert Bücher über die NS-Zeit. Als sie entlassen wird, nimmt Hanna sich das Leben.
Spielstarkes Ensemble
In der Inszenierung greift Hufnagel die bedächtige Erzählweise des Autors auf. Es ist ein stilles Theaterstück, das mit den präzisen und einfachen Sätzen von Schlink daherkommt. Wie der Autor konfrontiert es auch die Zuschauer mit der Komplexität und Vielschichtigkeit von Schuldzuweisungen. Ein Aspekt, der im Stück sehr kurz kommt, ist die geschlechtliche Liebe eines Jungen zu einer erwachsenen Frau. Dieses Tabu wird nur spät thematisiert – als Michael das monetäre Erbe Hannas einer Überlebenden des Kirchenbrands überbringt, sagt sie ihm auf den Kopf zu, dass er als 14-Jähriger sexuelle Erfahrungen gemacht hat, die ihn im Erwachsenenalter bindungsunfähig machen.
Getragen wird die Inszenierung von einem äußerst spielstarken Ensemble. Voran Johan Richter, der die Entwicklung des kindlichen Teenagers Michael zum gereiften erwachsenen Juristen nachvollziehbar meistert. Dazu der optische Rahmen, das Bühnenbild von Ulrike Engelbrecht: Minimalistisch kommt es mit drei Tischen und einem Vertikaltuch wie vom Zirkus aus. Es ist anfangs poetische Kulisse der ungleichen Beziehung Hannas mit Michael und wird zum Ende ihr Grabtuch.
250 Zuschauer hatten sich das Stück angeschaut, drei Mal mehr hätten in den großen Saal hineingepasst. Es war schwere Kost für ein Publikum, das schon in Adventsstimmung ist. Doch neben netten Komödien war es ein nötiger Kulturschock. „Gerade jetzt in dieser Zeit brauchen wir so ein Stück“, brachte es eine Besucherin auf den Punkt.