Frankenthal
Nordend-Siedler: Aus für Verein
Vor einigen Wochen hat man sich zu dem folgenschweren Schritt entschlossen, den Verein, der in seiner langen Geschichte das gesellige und kulturelle Leben im Frankenthaler Norden bereichert hat, offiziell aufzulösen. Die Zahl der Mitglieder – überwiegend im Seniorenalter – war zuletzt auf rund 80 geschrumpft. 36 von ihnen kamen zur außerordentlichen Mitgliederversammlung, bei der das Ende der Siedlergemeinschaft besiegelt wurde. Das Votum war eindeutig: 35-Ja-Stimmen. „Bei einigen Mitgliedern sind da schon ein paar Tränen geflossen“, berichtet Vorsitzender Michele Russo im Gespräch mit der RHEINPFALZ.
Neun Jahre war er im Amt. „Ich habe es gerne und mit viel Herzblut gemacht“, hebt er hervor. Da allerdings der Kreis der Aktiven immer kleiner geworden und kein Nachwuchs in Sicht gewesen sei, habe er den Mitgliedern bei einer vorangegangenen Zusammenkunft erklärt, für den Vorstandsposten nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Auch sein Stellvertreter sei wegen Wohnungswechsels nach Mannheim nicht mehr greifbar gewesen. Und die Corona-Pandemie habe so manche Aktivität ausgebremst, bedauert Russo.
Verein: Wirt bleibt Pacht schuldig
Ein weiteres Problem: Der bisherige Wirt der Vereinsgaststätte habe sich im Oktober 2022 in die „Betriebsferien“ verabschiedet und sei nicht wieder zurückgekommen, sondern habe im Frankenthaler Umland ein anderes Vereinslokal übernommen. Die Pacht für ein ganzes Jahr sei er indessen der Siedlergemeinschaft schuldig geblieben – ein fünfstelliger Betrag, der in der Kasse fehlte. „Wir haben versucht, uns mit der Vermietung unserer Räume über Wasser zu halten“, schildert Michele Russo die prekäre Situation. Ein neuer Gastronom habe trotz intensiver Suche nicht gefunden werden können.
Mit etwas Wehmut erinnert der Vorsitzende an die zahlreichen von den Nordendsiedlern organisierten Veranstaltungen – angefangen von den Glühweinfesten bis zu den Martinsumzügen mit bis zu 300 Teilnehmern. Als Kooperationspartner hätten sehr häufig die Spiel- und Lernstube, die Kindertagesstätte der protestantischen Versöhnungskirche und die Lessing-Grundschule gewonnen werden können. Und nach zweijähriger Pause sei 2022 ein erfolgreicher Neustart des Sommerfestes gewagt worden. Auch beim Fasnachtsumzug waren die BASF-Siedler regelmäßig mit von der Partie. Doch der vereinseigene Spielmanns- und Fanfarenzug habe sich zwischenzeitlich ebenfalls aufgelöst, informiert Russo.
Platz für Schulmensa?
Blick zurück in die Nachkriegszeit, als die Siedlergemeinschaft die Weichen für ihren beachtlichen Immobilienbesitz stellte: Im Jahre 1951 wurde von der Stadt Frankenthal im Nordend ein Backsteinschuppen gepachtet, der – in Eigenleistung errichtet – während des Krieges zur Unterbringung der Löschgeräte der Siedlungsfeuerwehr diente. Nachdem dort anfangs Futtermittel und Dünger gelagert worden waren, beschloss der Verein 1953, das Gebäude zu einem Siedlerheim umzubauen. Das „Startkapital“ konnte sich sehenlassen: Die Stadt schenkte den Siedlern den Schuppen und verpachtete das umliegende Areal im Erbbaurecht auf 99 Jahre.
Im Rekordtempo baute der Verein mit Unterstützung der BASF (sie hat sich inzwischen als Sponsor verabschiedet), der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (Gewoge) und des Frankenthaler Brauhauses sein neues Domizil, das im September 1953 zusammen mit der Gaststätte eingeweiht wurde. In der Folge standen immer wieder Erweiterungen und Renovierungen an. Zu dem Siedlerheim gesellten sich eine Wohnung, zwei Kegelbahnen, ein Dartraum sowie ein großer Festsaal, der auch für private Feiern genutzt werden konnte.
Was geschieht nun mit den leerstehenden Gebäuden? „Sie fallen nach der Auflösung der Siedlergemeinschaft automatisch an die Stadt“, erklärt Michele Russo. Ein Bedarf sei vorhanden. Mit Blick auf die stufenweise Einführung eines Rechts auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen ab 2026 könne er sich vorstellen, dass ein Teil der Räume zu einer Mensa für die benachbarte Lessingschule umgebaut wird.