Frankenthal Neues Modell für Tagespflege
Als erste Tagesmutter hat Jennifer Kassel jetzt in Frankenthal eine Betreuungsstätte außerhalb ihrer eigenen vier Wände eröffnet. Seit 2013 ist das in Rheinland-Pfalz möglich. Vorher durften Tagesmütter – anders als in anderen Bundesländern – nur in ihren eigenen Räumen oder im Haushalt des Kindes arbeiten.
Seit 2012 hat Jennifer Kassel nach einem Qualifizierungslehrgang Kinder daheim betreut. Zwar biete ihre Wohnung mit 110 Quadratmetern Platz genug für die maximal zulässige Anzahl von fünf Kindern gleichzeitig, erzählt Jennifer Kassel. Dennoch packte sie die Gelegenheit gleich beim Schopf, als ihr die andere Wohnung als Betreuungsstätte angeboten worden sei. Denn ihr Partner arbeite im Schichtdienst, und da kämen sich die Bedürfnisse schon mal ins Gehege. Es gibt immer noch nicht viele dieser Modelle im ganzen Land, sagt Sandra Wagner vom Frankenthaler Jugendamt. Es sei auch nicht für jede Tagespflegemutter geeignet. Kassel bringe bereits einige Erfahrung mit, sei eine sehr engagierte Person, belastbar und gut strukturiert. Gerne würde die 37-Jährige sich in der zusätzlich angemieteten Wohnung auch noch mit einer anderen Tagesmutter zusammentun – dann könne man die 50 Quadratmeter große Wohnung besser ausnutzen. Auch Vertretungen fallen bei Kooperationen leichter. Doch das ist in Rheinland-Pfalz nicht möglich, bestätigt Wagner vom Jugendamt. Hierzulande darf keine Tagesmutter mehr als fünf Kinder betreuen, sonst fällt sie automatisch unter das Kindertagesstättengesetz mit seinen strengen Auflagen. Denn Mainz wende die bundesweit eingeführte Möglichkeit nicht an. Nur wenige Kilometer Luftlinie über den Rhein in Baden-Württemberg ist das anders. Hierzulande ist die Führung einer solchen Krippe mit mehreren Betreuern nur ausgebildeten Erziehern erlaubt. In Gerolsheim und Bobenheim-Roxheim hat es solche Projekte schon gegeben. Eng begleitet wurde Kassel bei ihrem Projekt Wichtelgruppe durch das Jugendamt. Schon im Oktober 2015 begannen die Vorbereitungen. Und trotz des langen Vorlaufs seien erst Mitte April alle Papiere eingetroffen. Als erstes habe die Unfallkasse Rheinland-Pfalz, bei der Tagespflegekinder automatisch versichert sind, die Räume begutachtet. Das Jugendamt habe alles mit dem Gesundheitsamt und mit dem Bauamt in Sachen Brandschutz geklärt. Große Umbauten seien nicht nötig gewesen. „Sonst hätte ich die Wohnung auch nicht genommen“, sagt Kassel. Gefordert waren: Ein Fenstergriff ohne Schloss fürs Wohnzimmer, Splitterschutzfolie für die gläserne Haustür und eine Polsterung der Fensterbänke mit Schaumstoff. „Das alles brauche ich in meiner eigenen Wohnung nicht“, sagt Kassel. Außerdem musste ihre Mutter, die zweimal in der Woche für die Kleinen kocht, zur Gesundheitsbelehrung. Ausgestattet hat Kassel die neuen Räume zudem mit Holzfußboden. Bällchenbad, Bücher, Spielzeug, Bastelsachen, eine Sitzecke und ein Bett für den Mittagsschlaf stehen zur Verfügung. Doch am liebsten geht sie mit den Kindern raus, besucht mit ihrem Bollerwagen-Bus, einem Sechssitzer, auch regelmäßig den Wochenmarkt. 14 Kinder betreut Kassel im Moment zu unterschiedlichen Zeiten – die ganz Kleinen nur morgens, andere kommen erst nach der Schule. Bleiben werden in ihrer Wichtelgruppe die Kernzeiten von 7 bis 17 Uhr. Randzeiten – wie zu Beginn ihrer Karriere als Tagesmutter – müsse sie nicht mehr abdecken. „Durch Mund-zu-Mund-Propaganda hat es sich so ergeben, dass ich mir inzwischen die Zeiten und die Kinder aussuchen kann“, sagt Kassel. Dabei verlangt sie mehr als den vom Frankenthaler Jugendamt gezahlten Stundensatz von 3,80 Euro pro Kind. 90 Kinder werden derzeit in Tagespflege betreut, für fünf sucht das Jugendamt aktuell Plätze. Noch immer gibt es in Frankenthal nicht genügend Tagesmütter, bestätigt Wagner. Kassel erhält vom Jugendamt wie ihre 25 Kolleginnen (Männer sind in dem Job sehr selten) alle vier Woche ein Rundschreiben, welche Eltern zu welchen Zeiten Betreuung suchen. Auch sie selbst hat immer Kinder auf einer Warteliste. „Die Betreuungssituation in Deutschland ist eine Katastrophe“, sagt die Tagesmutter. „Ein Verdienst reicht heutzutage finanziell nicht mehr aus, doch auf einen Ganztagsplatz müssen Eltern zum Teil ewig warten. Ich kriege das hautnah mit.“ Vom großen Andrang bei der Eröffnung ihrer Wichtelgruppe Ende Mai ist Kassel noch ganz gerührt. Drei Generationen Kinder seien dort gewesen: ihre aktuellen Tageskinder, deren jüngere Geschwister und auch schwangere Frauen. Ihr Erfolg: „immer noch unvorstellbar für mich. Ich bin ganz normale Lagerarbeiterin. Ich bin sehr dankbar, dass es so gut angelaufen ist. Ich möchte wirklich nichts anderes mehr machen.“ Für den 160-stündigen Lehrgang zur Tagesmutter hat sie damals ihren Job im Zentrallager eines Discounters an den Nagel gehängt. Als ihr Sohn klein war, habe der Vormittagsjob gepasst, da habe sie als Alleinerziehende nachmittags Zeit für ihren Sohn gehabt. Jetzt ist er 18. Mit ihrem Verdienst zeigt sich Kassel zufrieden, obwohl sie wie jeder Arbeitnehmer Lohnsteuer und zur Hälfte auch Rentenbeiträge und Sozialversicherung zahlen muss. „Es gibt nur zwei Varianten“, sagt sie bestimmt. Entweder man bleibe unter der 450-Euro-Grenze, oder man mache das Vollzeit. „Alles andere rentiert sich nicht.“ Kontakt Infos gibt es im Frankenthaler Jugendamt bei Sandra Wagner, die auch die Tagespflegebörse organisiert, Telefon 89492, E-Mail: sandra.wagner@frankenthal.de.