Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Neues Heft „Frankenthal einst und jetzt“ bietet Schlaglichter aus der Stadtgeschichte

Ein Bild aus der Zeit, als über Eingemeindungen verhandelt wurde: Mörscher Bauern mit ihren Ziegen. Für den Fotografen hatten si
Ein Bild aus der Zeit, als über Eingemeindungen verhandelt wurde: Mörscher Bauern mit ihren Ziegen. Für den Fotografen hatten sie Sonntagsstaat angelegt. Foto: STADTARCHIV

Das Stadtzentrum ist eine „Dauerbaustelle“, Wohnungen sind knapp, und über Eingemeindungen wird gestritten. Manche Frankenthaler Themen, so zeigt es die jetzt veröffentlichte Ausgabe 2019 der Zeitschrift „Frankenthal einst und jetzt“, lieferten schon vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten Stoff für Diskussionen.

Das Wort „Dauerbaustelle“ fällt in einem Aufsatz von Gerhard Stärk. Der Autor nimmt die Aufbaujahre Frankenthals in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in den Blick. Zugewanderte Glaubensflüchtlinge aus Flandern prägten das erste Stadtbild maßgeblich. Ausgangspunkt für die Darstellung ist eine um 1598 entstandene Zeichnung, die laut Vermerk des Künstlers „Schlachthaus und Mühlen“ zeigt. Dazu sichtet der Autor Fachliteratur und noch vorhandene zeitgenössische Quellen, vergleicht Pläne und weitere Unterlagen – und mit viel Detektivsinn schafft er es, ein ziemlich anschauliches Bild der damaligen Innenstadt zu zeichnen.

Auschüttungen in Millionenhöhe

Maßgeblichen Einfluss auf das Stadtbild heute hatte die 1918 von Stadtverwaltung und heimischen Industrieunternehmen gegründete Baugesellschaft Frankenthal. Dieter Schiffmann stellt die Entwicklung des Unternehmens dar, das mit konstanten Ausschüttungen in Millionenhöhe auch „zur Milderung der schwierigen Finanzlage der Stadt“ beiträgt. Dabei nimmt er Bezug auf die Festschrift, die er zusammen mit Bernd Leidig zum 100-jährigen Bestehen 2018 vorgelegt hat.

Ganze Viertel, wie etwa der Stadtteil Lauterecken oder die sogenannte Marinesiedlung, wurden durch die Aktivitäten der Baugesellschaft geprägt. Auch die kritischen Kapitel, etwa der Einzug der Verwaltung 1942 in ein „arisiertes“ Gebäude in der Eisenbahnstraße 20 und die schwere Finanzkrise Anfang der 50er-Jahre, die sogar zu einem Prozess führte, werden nicht ausgespart.

Eingemeindungskandidat Edigheim

Wer die aufgeregte Debatte um den Gutachter-Vorschlag, Frankenthal nach Ludwigshafen einzugemeinden, noch vor Augen hat, lernt bei Gerhard Nestler, dass es auch in die andere Richtung hätte laufen können: 1907, so schreibt der Stadtarchivar, gab es nämlich Bestrebungen der aufblühenden Industriestadt Frankenthal, das heute zu Ludwigshafen zählende Edigheim einzugemeinden – um den Schifffahrtsweg über den Kanal zum Rhein abzusichern. Dieser Plan scheiterte letztlich an der bayerischen Regierung. Mit Studernheim, Flomersheim und Mörsch wurden die Frankenthaler dagegen bis 1919 handelseinig – zum beiderseitigen Nutzen, wie an den Verhandlungen Beteiligte mehrfach betonten.

Blitzableiter und Notgeld

Einen Frankenthaler, der im 18. Jahrhundert mit dem Bau von Blitzableitern eine beachtliche geschäftliche Karriere machte, stellt Dieter Weinlein vor. Den Weg der legendären „Kaiserglocke“ aus der Frankenthaler Gießerei Hamm nach Köln bis zu ihrer Zerstörung 1918 zeichnet Karlheinz Deußer nach. Dieter König stellt Frankenthaler Notgeld vor, an dessen Gestaltung sogar der Künstler Walther Perron mitwirkte.

Das Thema „50 Jahre Musikschule“ beleuchtet Mechthilde Wieder-Fücks. Judith Veth schreibt über die neue Städtepartnerschaft mit Rosolini, Werner Schäfer präsentiert ein fotografisches Fundstück aus dem KSB-Archiv. Bilder aus 150 Jahren Bahnhofsgeschichte runden den Band ab, der zudem wieder eine kompakte Frankenthaler Jahreschronik bietet.

LESEZEICHEN

Frankenthal einst und jetzt 2019. Herausgegeben von der Stadtverwaltung Frankenthal und dem Altertumsverein Frankenthal. 85 Seiten, 5,50 Euro. Erhältlich am Infoschalter im Rathaus und in der Buchhandlung Thalia. Das jährlich erscheinende Heft kann auch beim Stadtarchiv, Gerhard Nestler, Telefon 06233 89-276, zum Preis von fünf Euro abonniert werden.

Notgeld der Frankenthaler Zuckerfabrik aus dem Inflationsjahr 1923. Bis zum Jahresende stieg der Preis für ein Pfund Butter auf
Notgeld der Frankenthaler Zuckerfabrik aus dem Inflationsjahr 1923. Bis zum Jahresende stieg der Preis für ein Pfund Butter auf unglaubliche sechs Billionen Mark. Foto: STADTARCHIV
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