Frankenthal
Musikschulen in Frankenthal unterrichten per Videochat
Es ist Montag elf Uhr vormittags. Normalerweise hätte Yade Yilmaz jetzt die vierte Unterrichtsstunde in der Integrierten Gesamtschule Robert Schuman. Doch seit einer Woche sind die Schulen geschlossen, statt Unterricht gibt es Aufgaben für zuhause. Daher kann sich die Zwölfjährige ihre Zeit frei einteilen. Für eine halbe Stunde haben die Arbeitsaufträge ihrer Lehrer nun Pause, die Schülerin arbeitet an der Bassgitarre mit Christian Schatka, ihrem Musiklehrer. Seit drei Jahren üben die beiden wöchentlich in Schatkas privatem Musikhaus am Strandbad. Musikunterricht via Skype – es ist eine Premiere für Yade.
„Hej, wir waren noch nie bei Skype und kennen uns nicht aus“, ruft Yades Mutter aus dem Laptop. Ihr Kopf erscheint auf dem Bildschirm, sie fragt: „Hörst du uns, siehst du uns?“ Schatka bestätigt und bittet, den Bildschirm ein Stück nach hinten zu rücken, „ich muss Yade vollständig im Bild haben.“ Sein Laptop steht dort, wo normalerweise das Notenpult ist. Nun sehen sich beide durch die Kameras der Computer. Die Schülerin in ihrem Zimmer erscheint im Vollbildmodus, während der Lehrer seine eigenen Bewegungen in einem kleinen eingeblendeten Fenster verfolgen kann.
Fehlersuche in Nahaufnahme
„Fast alles wie in echt“, meint Schatka lachend. „Ist der Verstärker angeschlossen? Wo ist der Bass?“ Vor Aufregung hat das Mädchen vergessen, das Instrument zu stimmen. Schatka zupft auf seinem Bass die leeren Saiten, das A, D, G und das E. Yade lauscht, korrigiert die Stimmung. Die Übertragung per Internet erfolgt minimal zeitversetzt, außerdem benötigt Yade stets etwas Zeit, um den Blick in die Kamera mit ihren Handbewegungen zu koordinieren.
„Zuerst üben wir dein Solo vom Song ,Ich glaube’. Zwar sind die Konzerte der Dingsda-Band vorerst abgesagt, aber du muss das Repertoire drauf haben“, bestimmt Schatka. Yade ist die Bassgitarristin der Teenie-Band, die mit dem Lied im Vorjahr einen Schülerband-Wettbewerb in Heidelberg gewonnen hatte. Sie spielt den Riff, doch der Lehrer ist nicht zufrieden. „Arbeite an der Phrasierung.“ Er bittet Yade, den Laptop ein wenig zu kippen, damit er ihre linke Hand deutlicher erkennen kann. Dabei gerät Yades Mutter ins Sichtfeld, die im Wohnzimmer sitzt. „Hej, machst du Homeoffice?“, ruft Schatka und winkt. Die Mutter nickt und winkt lachend zurück.
In der Nahaufnahme findet er den Fehler: „Yade, du musst bouncen.“ Die Zwölfjährige hebt fragend die Augenbrauen, das Wort kennt sie nicht. Schatka erklärt, sie solle jeden Ton abstoppen, damit er nicht nachklingt. Jetzt klappt das Solo immer flüssiger, und beide spielen es mehrmals hintereinander. Da die Internetübertragung nun ohne Zeitversetzung klappt, klingt es fast wie ein Instrument.
Viel Zeit zum Üben
Als nächstes kommt „Sweet Lucy“ von Raul De Souza. Schatka hatte Yade die Noten des Bossa Nova zugemailt, sie hat sie aber nicht ausgedruckt. „Dann machen wir es eben nach Gehör“, entscheidet der Musiklehrer und spielt den Song vor. Seinen Bass hält er direkt vor die Kamera, sodass sein Gegenüber alle Griffe sieht. Zum Schluss stehen Fingerübungen aus einer Gitarrenschule auf dem Programm. Damit ihr das Übungsbuch nicht die Sicht auf den Laptop versperrt, legt es Yade vor sich auf den Fußboden. Schatka erklärt ihr den Fingersatz, den sie für die fünf Töne benötigt. „Die rechte Hand ist super, du machst den Wechselschlag und denkst gar nicht mehr darüber nach“, lobt er.
Als Yade die Tonfolge mit Metronom spielen soll, stellt sich heraus: Daheim hat sie keines. „Das ist der Vorteil, wenn man virtuell unterrichtet. Man kommt in die Wohnungen der Schüler rein. Beim Unterrichten live hätte ich das nicht bemerkt“, meint Schatka und empfiehlt Yade, dass sie sich bis zur nächsten Unterrichtsstunde eine Metronom-App besorgt. „Und viel üben, du hast ja jetzt mega viel Zeit!“
Aus dem Laptop ertönt ein Klingelzeichen, die nächste Schülerin hängt in der Warteschleife. „Wie war’s?“, fragt Schatka zum Abschied. „Eigentlich ganz normal. Ich bin es gewohnt, mit Kamera zu telefonieren. Das mache ich mit meinen Freunden auch.“ Yade findet es toll, dass der Instrumentalunterricht weitergeht. Schwieriger sei es, die Arbeitsaufträge der Schule zu erledigen. „Dazu braucht man viel Selbstdisziplin und muss seine Zeit organisieren.“ Demnächst wird die Siebtklässlerin mit den Bandmitgliedern von Dingsda skypen. Die Nachwuchsmusiker wollen sich einen neuen Bandnamen überlegen, weitere Songs erfinden und Auftritte organisieren, für die Zeit nach Corona.
Virtueller Unterricht deutlich anstrengender
Um ein Uhr ist Schatkas erster virtueller Unterrichtstag beendet. „Es hat gut geklappt, ist aber zeitaufwendiger in der Vorbereitung und intensiver. Ich bin jetzt etwas heiser vom vielen Reden“, berichtet der 43-Jährige am Telefon. 80 Prozent seiner Einzelschüler hätten zugesagt, dass sie an digitalem Unterricht interessiert sind. Schwierig sei das Band-Coaching, das ein Schwerpunkt der Arbeit des Musikpädagogen ist. Doch auch hier hat der kreative Musiker schon ein paar Ideen: Mit seiner jüngsten Band, den sechsjährigen Mondrockern, und der Mittwochsband aus Drittklässlern plant er Einzel-Coachings, bei denen er jeweils einen Musiker vor der Kamera hat. Und die Band mit Erwachsenen möchte Schatka zu Video-Konferenzen mit mehreren Teilnehmern einladen, bei denen Musiktheorie und das Arrangieren von Musikstücken Thema sein sollen.
Situation an Musikschule und Music Academy
Etwa zwei Drittel der rund 900 Schüler der städtischen Musikschule Frankenthal sind „in irgendeiner Weise“ mit ihren Lehrern vernetzt. Das teilt Leiterin Mechthilde Wieder-Fücks auf Anfrage mit. Die meisten der 40 Kollegen nutzten digitale Kommunikationswege wie Skype, Facetime und Zoom. Die wenigen, die nicht über entsprechende technische Ausstattung verfügten, seien per E-Mail und Telefon mit ihren Schülern in Kontakt und würden verstärkt Musiktheorie vermitteln. Gruppenangebote wie Eltern-Kind-Kurse seien momentan ausgesetzt. Ob und wie man Gebühren für nicht stattgefundenen Unterricht erstatte, sei derzeit noch offen.
Von der privaten Music Academy berichtet die Assistentin der Geschäftsführung, Simone McGowan: „Wir haben derzeit 400 Schüler, die von 20 Dozenten in 14 Fächern unterrichtet werden. 85 Prozent nehmen am Onlineunterricht teil.“ Dabei würden sich die Lehrer verschiedener Methoden bedienen, „teilweise wird über Whatsapp oder Skype und auch per gegenseitiger Videonachricht unterrichtet. Zudem werden Notenmaterial, CD- und Buchempfehlungen verschickt.“ Die Resonanz auf das Alternativangebot bezeichnet McGowan als sehr gut. Zehn Prozent der übrigen Schüler möchten die Stunden später nachholen, etwa fünf Prozent verzichten aktuell auf Unterricht, zahlen aber aus Solidarität weiter ihre Gebühren.