Grosskarlbach
Museum Alte Dorfmühle: Reise in eine andere Zeit
„Wir haben die ganze Mühle verschrottet, aber es sind noch einige Teile übrig geblieben“: Es sind Nachrichten wie diese, die Hubert Schneiders Herz höher schlagen lassen. Als der Kunstsachverständige den Anruf aus Talsteußlingen, einem Ortsteil der Stadt Schelklingen im Alb-Donau-Kreis, erhält, kann er sein Glück kaum fassen. „Das war wie ein Sechser im Lotto“, erinnert er sich zusammen mit Volker Budde und Thomas Hansemann im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Das Trio setzt sich seit vielen Jahren mit einigen weiteren Helfern und dem örtlichen Mühlenverein für das Museum in der Kändelgasse ein.
Neben dem großen ehrenamtlichen Einsatz ist auch eine gehörige Portion Glück vonnöten, um an Originalteile zu kommen. Schließlich soll das Museum möglichst authentisch den damaligen Alltag darstellen. Dafür fahren die Großkarlbacher auch gerne mehrere Hundert Kilometer durch ganz Deutschland, um sich Bauteile und Maschinen zu sichern. Wenn sie denn von Fällen wie in Talsteußlingen erfahren. „Das Meiste wird einfach weggeworfen“, weiß Schneider. Mittlerweile ist die alte Raiffeisenhalle gegenüber der Dorfmühle gut gefüllt mit allerhand Ersatzteilen.
Es bewegt sich etwas
Im Inneren des Museums fühlt man sich in eine andere Zeit zurückversetzt. Es klappert, scheppert und rumpelt, wenn die Mühlentechnik angeschaltet wird. „Das sich bei uns im Museum etwas bewegt, ist ein großer Vorteil. Als Besucher braucht man nichts zu lesen, sondern nur zu staunen“, freut sich Schneider, wenn er die Apparatur in Gang wirft. Überall bewegt sich etwas: Räder drehen sich, die Siebmaschine ruckelt, der Mahlgang ächzt vor sich her. Ein Miniaturmodell zeigt das Gebäude samt Technik im Kleinformat. Entstanden ist es, weil ein Vereinsmitglied in mühevoller Kleinstarbeit viel Freizeit geopfert hat.
Das historische Gebäude ist einer der wenigen verbliebenen Zeugen einer Epoche, in der Mühlen noch den Mittelpunkt der jeweiligen Dörfer darstellten. Öl-, Walk-, Schleif-, Säge-, Gewürz-, Pulver- und Papiermühlen: Die meisten befanden sich bis in die Neuzeit nicht in privater Hand, da der Unterhalt zu kostspielig war. Zu den Besitzern gehörten adlige Landesherren, Klöster sowie Städte und Gemeinden. In Erbpacht wurden Mühlen von Müllern bewirtschaftet, welche den Besitzern bestimmte Grundabgaben zollten.
Mühlenhotspot
Die Dorfmühle in Großkarlbach liegt am 39 Kilometer langen Eckbach, der früher von über 30 dieser Wasserwerke genutzt wurde. Das Gebäude wurde 1605 als sogenannte Bannmühle gebaut: Die Bewohner waren gezwungen, nur dort ihr Getreide mahlen zu lassen. Die Gemeinde kaufte das Gebäude im Jahr 1855, fortan dienten die Räume zu Wohnzwecken. Zwischenzeitlich stand die Mühle kurz vor dem Verkauf, doch bei einer Bürgerversammlung stimmte eine deutliche Mehrheit – 95 Prozent – dagegen. Die Gemeinde entschied sich stattdessen, das geschützte Kulturdenkmal als Museum zu nutzen und im Gebäude Besprechungszimmer, unter anderem für den Bürgermeister, unterzubringen. Von 2004 bis 2007 führten über 60 ehrenamtliche Helfer die Generalsanierung durch. Am 22. Juni 2007 fand die offizielle Eröffnung statt.
In den ersten Wochen nach der Wiedereröffnung im September fiel der Besucherzuspruch noch zurückhaltend aus. Bis auf eine kurze Phase im Sommer 2020 war das Museum weitestgehend in der Pandemie geschlossen. „Vor Corona hatten wir etwa 1200 Besucher im Jahr. Ein großes Standbein waren angemeldete Führungen mit beispielsweise Schulklassen“, berichtet Hansemann. Vor allem für Hochzeiten wird das Museum gerne gemietet. Im Jahr seien es circa 70 Trauungen, schätzt Hansemann. „Manchmal hatten wir drei Stück innerhalb von zwei Stunden.“
Blaues Auge
Die monatelange Schließung des Museums war für den örtlichen Mühlenverein kein finanzieller Beinbruch. Die klassischen Einnahmen – die Besucher zahlen einen freiwilligen Betrag als „Eintritt“ – fielen zwar weg. Doch dafür gab es auch keine Ausgaben in Form von Betriebskosten, schließlich war das Museum geschlossen. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, erklärt Hansemann. Platz für eine bauliche Erweiterung der Mühle ist nicht mehr vorhanden, doch das heißt nicht, dass der Verein keine Ideen für die Zukunft hat. Eine sieht so aus: Mittels QR-Codes könnten sich die Besucher die Informationen auf ihrem Handy anzeigen lassen. Auch ein altes Kulturgut wie die Großkarlbacher Dorfmühle muss eben ein Stück weit mit der Zeit gehen.
Noch Fragen?
Das Museum Alte Dorfmühle hat nur noch am 10. und 24. Oktober von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Anfragen für Besuchergruppen sind bei Volker Budde unter Telefon 06238 3301 möglich.