Frankenthal „Mittelmaß ist ganz furchtbar“

„Raus aus der Komfortzone“ will Glööckler seine Fans führen.
»Raus aus der Komfortzone« will Glööckler seine Fans führen.

Vor rund 100 Fans hat Harald Glööckler am Freitagabend sein neues Buch „Fuck you, Brain! Seien Sie alles – außer gewööhnlich“ im Tonus Sportsclub in Frankenthal vorgestellt. Darin schildert der im pfälzischen Kirchheim lebende Selfmademan, Künstler, Designer und Unternehmer seinen Weg aus der Komfortzone und gibt sich als Motivations-Coach.

Mode, Schmuck, Geschirr, Bettwäsche, Tapeten, Häuser, Kunstwerke, Bücher – bei allem, was Harald Glööckler macht, geht er in die Vollen. Seit 30 Jahren designt, malt, schreibt der schrille Selfmademan, hat sich – glamouröös, pompöös, amouröös – eine Traumwelt im Doppel-ÖÖ-Modus erschaffen und vermarktet alles und sich erfolgreich. Seine Fans sind überwiegend weiblich und kommen aus drei Generationen. 100 von ihnen warteten am Freitagabend gespannt im zum Lesesaal umfunktionierten Gymnastikstudio auf ihren Star. „Unglaublich umtriebig“, „ein Unikat“ – Hausherr Günther Dreher strahlt: Sein prominenter Klient zieht Medieninteresse – gut fürs Geschäft. „Wir haben Vip-Karten gewonnen“, freuen sich zwei im gruftigen Gothik-Look gestylte Frauen: Gabi Stößel und ihre Tochter Tiffany aus Frankenthal und Bobenheim-Roxheim nehmen ganz vorne Platz und halten ihre Smartphones gezückt. Zum Glööckler-Gucken haben sich auch einige gestandene Frankenthaler Geschäftsfrauen verabredet. Zwei Bodyguards scannen mit Blicken den Saal, in dem das Team der Buchhandlung Thalia zum Sofortverkauf einige hundert Bücher aufgestapelt hat. Fürs Bildungsbürgertum gibt es die Lutherbibel als Kunstedition mit Glööckler auf dem Paradies-Cover in 3-D. Hinten im Saal bringen sich die Fernseh-Kollegen von SWR3 und RNF mit ihren Kameras in Stellung. Punkt 17 Uhr schreitet Harald Glööckler über den roten Teppich, nimmt Platz am glitzerbehangenen Lesetisch, sagt Artigkeiten wie „bin sehr gerne in der schönen Pfalz“, setzt die schwarze Glööckler-Lesebrille auf und kommt ohne Umschweife zur Sache: „Ich habe ein Motivationsbuch geschrieben, in dem ich vieles von mir preisgebe.“ Das böse F-Wort im Buchtitel bedeute: „das Gehirn mal ausschalten, alles resetten“. Der gebürtige Schwabe aus der Nähe von Maulbronn habe „mit sieben Jahren beschlossen, die Welt zu verändern“, denn das Normale sei ihm ein Gräuel: „Mittelmaß ist ganz furchtbar“. Reichtum, Fülle, Luxus sei überall in der Natur, bei Fischen und Vögeln. Die fallen auf – Glööcklers goldglitzernde Finger blättern durch das Buch, doch der Autor rezitiert aus dem Stehgreif, plaudert vom „magischen Alter“ um die 40, 50, und wie man mit Eleganz und Würde als Phönix aus der Asche auferstehen könne. „Raus aus der Komfortzone, Neues wagen“, ist seine frohe Botschaft. Mit exakten Vorstellungen sei der Modeschöpfer Anfang Januar in sein Studio gekommen, berichtet Sportwissenschaftler Günther Dreher: „Er hat mir ein Foto von vor 15 Jahren vor die Nase gehalten und gesagt, „so will ich wieder aussehen – in acht Wochen“. Nach der Diagnose mit Stoffwechselanalyse erstellte Dreher für seinen Klienten ein Ernährungskonzept und einen knallharten Trainingsplan: dreimal pro Woche zwei Stunden Krafttraining mit Kettlebells, Schlingentrainer und Grundübungen wie Kniebeugen und Bankdrücken sowie anschließendes Intervalltraining. Nach der Devise „Fett abnehmen, Muskeln aufbauen“ wuppt der Modezar ein Profi-Pensum, wie es sonst nur Leistungssportler schaffen. „Zwischendurch will man den Trainer an die Wand klatschen“, sagt Glööckler. Gute Voraussetzungen habe er mitgebracht, verrät Coach Dreher. Am Erfolg seiner Aktion habe Glööckler keine Sekunde gezweifelt. „Ziemlich baufällig“ sei er gewesen. Und nun? Seine Bestmarke von 89 Kilo habe er am Ende mit außergew-ö-ö-hnlichen 88,8 Kilo sogar noch getoppt. „Das war ein Crashkurs in Motivationspsychologie“, resümiert Lara Raab. Die junge Diplompsychologin aus Heßheim kam aus fachlichem Interesse und geht als Fan. Nach 50 Minuten Impulsvortrag gibt der Autor Autogramme, schreibt Widmungen und posiert geduldig für Dutzende Erinnerungs-Selfies. Die Buchkäufer werden belohnt mit einem Gratis-Ticket für einen Monat Training bei Tonus. Zwei Fernseh-Interviews später verschwindet der Selfmademan die Treppe runter in den Clubbereich zum nächsten Exklusiv-Interview. Draußen feiern einige Fans noch mit Sekt.

x