Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Michael Werner über seinen „Reiseverführer“ über Pennsylvania

Der Straßenname für Dialektsprecher und all jene, die nur des Englischen mächtig sind – und natürlich für Touristen.
Der Straßenname für Dialektsprecher und all jene, die nur des Englischen mächtig sind – und natürlich für Touristen.

„Hiwwe wie Driwwe“ steht für eine pfälzisch-pennsylvanische Zeitung, für einen Kinofilm und nun für einen „Reiseverführer“. Darin berichtet Michael Werner vom Fußfassen pfälzischer Auswanderer in den USA, von der Region, ihren Sehenswürdigkeiten und davon, wie Sprache und Bräuche bewahrt wurden. Ein Frankenthaler mit orientalischen Wurzeln gilt sogar als Gründer von Oley Township.

Herr Werner, ein Reiseführer beschreibt Sehenswürdigkeiten, was beschreiben Sie?
Es ist ja ein ReiseVERführer – insofern interessiert mich, was uns Pfälzer mit den Nachfahren der pfälzischen Auswanderer verbindet – das können Orte sein, etwa „Manheim“, aber auch kulturelle Muster wie die „Elwedritschejagd“. Auch mundartlich gibt es unsagbar viel zu entdecken. Und wenn man weiß, wo man hingehen muss, trifft man Mundartsprecher und kommt mit ihnen leicht ins Gespräch. Hier will mein Buch die besten Orte verraten.

Wie leben die Menschen dort?
In der Tendenz halten sie als Minderheit mit bäuerlicher Tradition eher an alten kulturellen Mustern fest. Im Umgang mit ihnen können für uns Türen aufgehen, die den Zugang zu unserer eigenen pfälzischen Identität öffnen. Heute definieren wir uns ja gerne über Weinschorle und Dubbeglas. Bei den Pennsylvania-Deutschen erkennen wir, dass auch die Pfälzer eine geheimnisvolle, unheimliche Seite hatten.

Eine unheimliche Seite?
Ja, die Pfälzer waren sehr abergläubisch. Durch alte Rituale versuchten sie, das Schicksal positiv zu beeinflussen. Dabei nutzten sie kulturelle Muster, die sich nach Skandinavien und Indien zurückverfolgen lassen. Die historischen Linien laufen in der östlichen Ukraine und der Krim zusammen. Dort liegt die Heimat der Indoeuropäer. Und manches, was die Pfälzer von deren Kultur bis ins 18. Jahrhundert bewahrt hatten, ist in Pennsylvania bis heute erhalten.

Sie knüpfen an den Film „Hiwwe wie Driwwe“ an. Was gibt es im Buch an neuen Erkenntnissen?
Eine Filmdokumentation hat ihre eigenen Regeln. Hier sollte der Austausch zwischen Pennsylvania-Deutschen und Pfälzern im Mittelpunkt stehen. Verstehen wir uns eigentlich, im konkreten wie übertragenen Sinne? Im Buch ist Raum, Hintergründe aufzuzeigen und Zusammenhänge zu erläutern, etwa was die Elwedritsche wirklich sind.

Wie hat sich der Fortschritt auf Sprache und Leben ausgewirkt?
Zu den Pennsylvania-Deutschen gehören einerseits konservative Amish und Mennoniten, und andererseits „ganz normale“ Amerikaner, die zum Teil auf einem Bauernhof groß geworden sind und den Dialekt von den Großeltern gelernt haben. Alle leben im 21. Jahrhundert und sind gut informiert. Auch Amish nutzen Handys, Windenergie und Solarstrom. Aber sie geben sich Regeln für den Umgang. So werden Handys nicht im Haus benutzt. Das ist vielleicht keine schlechte Idee. Das Pennsylvania-Deutsch hat keine französischen Lehnwörter – bei uns ein Relikt der napoleonischen Besatzung am Rhein, als die Amerikaauswanderer längst fort waren. Dafür gibt es jede Menge englischer Lehnwörter, etwa „Waddefresser“ für „wordprocessor“ (Computer). Die Sprache bleibt auch im 21. Jahrhundert voll funktional.

Auf dem Titel ist ein Murmeltier abgebildet. Warum?
In der Pfalz war der Dachs der Wetterprophet. Zu Maria Lichtmess am 2. Februar prüften die Bauern die Vorräte in der Scheune und ließen das Tier in den Himmel blicken. Sah es seinen Schatten, lag ein Hochdruckgebiet vor, das um diese Jahreszeit im Rheintal zu 70 Prozent stabil ist. Das bedeutete einen langen Winter. Sah der Dachs keinen Schatten, war das Frühjahr nah. In Pennsylvania gab es keinen Dachs, aber Murmeltiere („groundhogs“) – in der Mundart „Grundsau“ genannt. Die Bauernregel wurde weiter angewendet, ergab aber meteorologisch keinen Sinn mehr. Macht aber nichts, es ist heute eh nur der Anlass für ein Fest, das an unsere Saalfasnacht erinnert.

Ein Brauch, der uns heute fremd ist.
Mit „Bockrem Bert“ gibt es seit 2020 eine „Grundsau“ in Bockenheim. Sie wohnt natürlich in einem Weinfass gleich neben dem Weinstraßenhaus und gibt ab jetzt jährlich einen verlässlichen Wetterbericht für die späten Winterwochen ab. Das ist ein schönes Beispiel für die Rückwanderung einer Tradition. Dieser Austausch zwischen „hiwwe“ und „driwwe“ ist auch der Antrieb unserer Bemühungen seit etwa 30 Jahren.

Sie sind Sprachwissenschaftler. Wie kamen Sie auf das Pennsylvania-Deutsch?
Das Pennsylvaniadeutsche gleicht der Sprache am meisten, wie sie in einem Umkreis von etwa 20 Kilometern rund um Mannheim gesprochen wird. Dabei ist die Ähnlichkeit in der Vorderpfalz am größten. Da stößt man als gebürtiger Frankenthaler im Linguistik-Studium einfach irgendwann drauf.

Hätten Sie gedacht, dass es Sie nicht mehr loslässt?
Bei meinem ersten Besuch in Pennsylvania suchte ich das Haus eines amerikanischen Professors, der mir ein sehr guter Freund werden sollte. Ich fand es aber nicht, weil ich zu müde war. Ich rief ihn an, und er holte mich mit den Worten ab: „Ei Bu, wu bleibscht de dann, es Owetiems schteht schun uff em Disch!“ In der Sekunde war mir klar, dass mich das nicht mehr loslassen wird.

Wie wollen Sie den Leser zu einer Reise nach „driwwe“ verführen?
Mit dem Buch natürlich. Und wer dann noch Widerstand leistet, den überzeuge ich gerne mit einer Lesung, einem Vortrag, einem Konzert. Das wird ja irgendwann wieder möglich sein. Übrigens: Frankenthaler müssen nach Pennsylvania, weil ein Sohn der Stadt, Isaac DeTurck, und seine Schwester Berta sowie deren Speyerer Ehemann Johannes Keim zu den ersten Siedlern in „Oley Daal“ („Oley Valley“) zählte. Das Tal mit seinen Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert ist heute ein historischer Bezirk nationaler Bedeutung in den USA.

Lesezeichen

Michael Werners „Reiseverführer“ mit dem Titel „Hiwwe wie Driwwe“ umfasst 240 Seiten und ist reich bebildert. Das Buch ist erschienen im Agiro-Verlag, Neustadt (ISBN 978-3-946587-34-7) und kostet 17,90 Euro.

Zur Person

Michael Werner wurde 1965 in Frankenthal geboren. Er studierte Sprachwissenschaften und promovierte über die pennsylvanisch-deutsche Sprache. Seit 1997 gibt er die halbjährlich erscheinende pennsylvanisch-deutsche Zeitung „Hiwwe wie Driwwe“ heraus. Sein Engagement für den Dialekt, die Menschen und die Region sind vielfältig. Unter anderem fungierte er als Berater der Filmemacher zur Dokumentation „Hiwwe wie Driwwe“. Der Autor lebt heute in der Nähe von Mainz.

Zur Sache

Die Familie DeTurck/DeTurk lebte ab dem Ende des 16. Jahrhunderts in Frankenthal. Ahnherr soll ein osmanischer Prinz sein, der als Gefangener des ersten Kreuzzugs nach Frankreich kam, den Namen Arnulph Le Turk annahm und zum Ritter geschlagen wurde. Dies soll in Pariser und Versailler Archiven dokumentiert sein.

Als Reformierte verfolgt, verloren sich die Spuren der Nachkommen. Der Name Jacob DeTurk taucht 1609 im Kirchenregister Frankenthal bei der Geburt seines Sohnes Johannes auf, dem Vater von Isaak DeTurk (*1685). Pfälzischer (1688/89) und spanischer (1703) Erbfolgekrieg verwüsteten die Pfalz. Isaak wanderte 1708 nach Amerika aus, lernte auf dem Schiff seine Frau Maria Wiemer kennen. Nach Esopus ließ sich das Paar in Oley Valley nieder. 1712 wurde Isaac DeTurk Land übereignet. Auf der Webseite von Oley Township ist der Zeitpunkt als Gründungsdatum der Stadt genannt.

 Vom Pennsylvaniadutch infifziert: Michael Werner.
Vom Pennsylvaniadutch infifziert: Michael Werner.
Pennsylvania-deutsche Küche verspricht das Wirtshausschild.
Pennsylvania-deutsche Küche verspricht das Wirtshausschild.
Das Buchcover des „Reiseverführers“ „Hiwwe wie Driwwe“, der mit 52 Geschichten über das Leben „driwwe“ Lust aufs Kennenlernen ma
Das Buchcover des »Reiseverführers« »Hiwwe wie Driwwe«, der mit 52 Geschichten über das Leben »driwwe« Lust aufs Kennenlernen machen will.
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