Frankenthal Mehr als „Kuschelpädagogik“
Mit einem Festakt und einem Tag der offenen Tür feierte die Freie Waldorfschule Vorderpfalz in der Julius-Bettinger-Straße am Samstag ihr 30-jähriges Bestehen. Neben zahlreichen Reden gab es ein von Schülern, Eltern und Lehrern gestaltestes Programm.
Die unter dem damaligen Schuldezernenten und späteren Oberbürgermeister Peter Popitz (SPD) 1987 gestartete Waldorfschule ergänze und bereichere die staatlich geprägte Schullandschaft und trage zur Vielfalt und Lebensqualität in Frankenthal bei, sagte OB Martin Hebich (CDU). Die Waldorfpädagogik stelle die Frage, „wie wir uns in der Gesellschaft wiederfinden“. Waldorfschulen seien „Vorzeigeschulen“ geworden, betonte Heinz Räpple, der im Bildungsministerium zuständig ist für die zehn Waldorfschulen in Rheinland-Pfalz; eine elfte sei gerade in der Eifel im Entstehen. In diesen Einrichtungen werde Schule gelebt als Verantwortungsgemeinschaft, die jungen Menschen „Wohlwollen, Sympathie und Vertrauen“ entgegenbringe. Die Waldorfschule bringe den Mut zu neuen Wegen und Fragestellungen auf und stehe für schülerzentriertes Lernen und eine dem Kind zugewandte Erziehung, sagte Wolfgang Weber, Rektor der Schiller-Realschule plus. Er sprach als Kooperationspartner und Vertreter der Schulaufsicht. Hauptredner des Festakts war Albert Schmelzer, Professor an der Alanus Hochschule für Bildungswissenschaft in Mannheim. Er skizzierte den ganzheitlichen Ansatz der von Rudolph Steiner begründeten Waldorfpädagogik, die das Kind als denkendes, fühlendes und wollendes Wesen von Anfang an ernst nehme. Spezifisch seien die Funktion des Klassenlehrers als Förderer und Ratgeber, die altersspezifische Strukturierung und Methodik des Lehrplans und die Mitgestaltung von Schule als sozialer Organismus durch die Eltern. Kern der Waldorfpädagogik sei die Selbsterziehung des Menschen auf Grundlage von Aufmerksamkeit, Achtsamkeit und Anerkennung. Seit einem Jahr Teil des Kollegiums ist Schulärztin Karin Ritter, selbst Waldorfschülerin und nun zweifache Waldorfmutter. Sie betonte die Wichtigkeit, an der Kulturaufgabe Waldorfschule auch künftig gemeinsam weiterzuarbeiten. Andreas Mansmann, Mitglied des Elternrats, einem Bindeglied zwischen Eltern und Lehrern, zitierte in seinem launigen Beitrag gängige Vorurteile gegenüber der Waldorfschule wie „Kuschelpädagogik“ und skizzierte die vielfältigen Aufgaben der Eltern. Abschließend ehrte Geschäftsführer Carsten Felgenhauer stellvertretend Gründungslehrerin Verena Maier. Sie war von den Anfängen 1987 in Flomersheim bis zu ihrem Ruhestand 2002 an der Waldorfschule beschäftigt. Aufgelockert wurde der zweistündige Festakt von einer Reihe künstlerischer Darbietungen. Mit dabei war der 2000 gegründete Circus Albireo, die 13. Klasse Musik zelebrierte die anthroposophische Bewegungskunst der Eurythmie zu Beethovens Europahymne und dem ungarischen Tanz von Brahms. Begleitet wurde sie vom Schulorchester (Leitung: Harald Buchta und Tobias Volz-Wagner), das noch zwei weitere Stücke spielte. Eckhart Bachert, Lehrer in Frankenthal seit 1994, führte als Vertreter des Festkomitees durchs Programm. Beim Tag der offenen Tür präsentierte sich die Schule mit Aktionen der Schüler, Ausstellungen und Hausführungen.