Kunst hinterm Schreibtisch
Kunst hinterm Schreibtisch: Hans-Richard Brauer besitzt ein Bild von Walter Perron
Frankenthal, Regensburg, München, Frankenthal – das sind die Stationen eines Ölbilds von Walter Perron. Nach dieser Reise, die über ein halbes Jahrhundert dauerte, ziert es jetzt die Anwaltskanzlei Brauer & Kollegen in der Bahnhofstraße. Die Geschichte des Gemäldes berührt die Geschichte der früheren Frankenthaler Zuckerfabrik.
DIE RHEINPFALZ erfuhr durch einen Anwalt der Kanzlei, dass der Seniorchef Hans-Richard Brauer einen Perron mit Sonnenblumen besitzt. In Brauers Büro fällt der Blick dagegen auf ein blau leuchtendes Stillleben. Es zeigt die malerische Blume, die auch Sonnenrose genannt wird. „Das ist kein Perron, das ist ein Schwarz“, korrigiert Justizrat Brauer den Irrtum und berichtet, dass Stadtratsmitglied Doris Schwarz (CDU) auf seine Bitte hin das Blumenbild gemalt habe, um Farbe in seinen Büroraum zu bringen. Es sei quasi ein zeitgenössisches Auftragswerk, so Brauer.
Leinwand misst über drei Quadratmeter
Den echten Perron findet man im Treppenhaus. Woanders hätte er auch keinen Platz, denn die Leinwand misst über drei Quadratmeter. Zu sehen ist ein imposanter Strauß Sonnenblumen, der sich dem Betrachter entgegenzuneigen scheint. „Das Bild ist ein Teil von Frankenthals Vergangenheit“, erläutert Brauer und fängt an zu erzählen. Geschaffen hat es der Heimatkünstler Walter Perron zwischen 1944 und 1945.
Im Internet erfährt man, dass Perron im Zweiten Weltkrieg eine florale Phase hatte. Zu dieser Zeit entstand eine Reihe von Blumenstillleben, vermutlich als Reaktion auf die Grauen des Kriegs. Vielleicht hatte er es im „Badehaus der Gräfin von Brühl“ im Sturmfeder’schen Kellergarten in Dirmstein gemalt, das seine Frau Carla damals gepachtet hatte?
Gemälde hing in der Verwaltung der Zuckerfabrik
1945 wechselte das Gemälde den Besitzer: Hellmut David, zu dieser Zeit ehrenamtlicher Oberbürgermeister von Frankenthal und Direktor der Zuckerfabrik, erhielt das Gemälde von dem damals 50 Jahre alten Maler, der ein Freund Davids war. Dieser schmückte damit das Verwaltungsgebäude der Fabrik, in dem sich heute die städtische Musikschule befindet.
Ich kann mir vorstellen, dass Perron als Gegenleistung Zucker von David bekam“, meint Brauer. Als die zur Südzucker AG gehörende Fabrik nach Kriegsende ihre Produktion nach Regensburg verlegte, nahm David das Bild mit. „Auch die Bronzelöwen am Eingang des Verwaltungsgebäudes hat David mitgenommen“, berichtet Brauer. Später habe die Stadt Duplikate anfertigen lassen, die bis heute den Eingang der Musikschule zieren.
Die Stadt München wählten die Davids für ihren Alterssitz. Und nun kommt Hans-Richard Brauer ins Spiel. 1976 stieg der frischgebackene Jurist in die 1950 von Justizrat Queisser gegründete Frankenthaler Anwaltskanzlei ein. Als er sich in den 80er-Jahren gemeinsam mit einem Freund in Oberstaufen von der Arbeit mit den Gesetzbüchern erholte, stach den Urlaubern ein Zeitungsinserat ins Auge. Die Davids wollten einen Teil der Werke Perrons veräußern. So reisten die Juristen weiter in die bayrische Landeshauptstadt, und Brauer entschied sich als Blumenfreund mit grünem Daumen für das Bild mit den Sonnenblumen.
Brauer kauft den Perron mit einem Freund
Für einen fünfstelligen D-Mark-Betrag – über die genaue Summe schweigt sich Brauer aus – ging das Gemälde in den gemeinschaftlichen Besitz der Freunde über, da sich einer allein eine solche Investition nicht leisten konnte. Zunächst hing es im Herrenzimmer über dem Kamin seines Freundes, berichtet Brauer. „Vor einigen Jahren habe ich ihn ausbezahlt, und jetzt hängt das Bild in der Kanzlei.“ Am liebsten betrachtet er es, wenn die Abendsonne in das Treppenhaus hinein scheint. „Dann leuchten die Farben“, schwärmt Brauer.
Das Perron-Bild beruhige ihn, sagt der 69-jährige Frankenthaler. „Es strahlt Zufriedenheit und Harmonie aus. Das braucht man manchmal als Anwalt.“ Derzeit zieht sich der Rechtsanwalt für Familien- und Erbrecht schrittweise aus der Kanzlei zurück. Wenn er sie für immer verlässt, wird der Perron seinen Besitzer nach Flomersheim begleiten, wo Brauer lebt und gerne gärtnert.
Die Serie
An ihrem Arbeitsplatz verbringen die meisten viele Stunden des Tages. Welche Kunst hängen sich Menschen aus Frankenthal und Umgebung hinter den Schreibtisch? Wir schauen in dieser Serie nach.