Frankenthal Klingt wie eine komplette Band

New-Folk, Blues und Rock hörten rund 60 Besucher am Samstagabend im Kulturzentrum Gleis 4 beim Wohnzimmerkonzert von Philip Bölter. Der preisgekrönte Singer-Songwriter spielte die Stücke seines neu erschienenen Albums „Excerpt“. Daneben gab es kreative Coverversionen von Bob Dylan, Neil Young und Jimi Hendrix.
Mit Herzblut und Spielfreude verbeißt sich der schwarzhaarige Wuschelkopf in seine Lieder, entwickelt eine Dynamik, die unmittelbar ansteckend wirkt. 150 eigene Songs kann Philip Bölter bereits vorweisen, neun Alben und zwei Vinyl-LPs. Alles selbst produziert im eigenen Studio, daheim unterm Dach auf der Schwäbischen Alb. Bölters New Folk schreibt die Tradition US-amerikanischer Folkmusik fort und ist stark autobiografisch geprägt. Seine Texte sind kritisch bis poetisch, erzählen von der Sicht eines eigenwilligen Freigeistes auf das Leben. Im Verlauf von drei intensiven Konzertstunden erleben die Zuschauer einen Musiker, der mit Leidenschaft spielt, hingegeben an den Moment, spontanen Einfällen folgend, impulsiv und variantenreich. Dabei entfaltet er ein Klangspektrum von meditativ bis perkussiv, von Blues bis Rock. Im November ist Philip Bölter Vater geworden, was sich in dem reflektierten Text seines neuen Songs „Hey Child“ bemerkbar macht: Es gehe darum, seinen Kindern etwas zu hinterlassen. Im Mittelpunkt des Abends stehen die Titel seines gerade erschienenen neunten Albums „Excerpt“. Stücke wie „Sansula Blues“ und „The Twist“ kommen als Folk-Rock-Melange daher. Daneben gibt es das filigrane Instrumentalstück „Journey“ auf Steelgitarre und als Special „Lucky Luke“, Bölters Bearbeitung der Filmmusik von Roger Miller, effektfrei und rein akustisch in bestem Desert- und Country-Sound. Zur Gitarre kam der 30-Jährige aus der Lausitz über Musikkassetten seines Vaters mit damals in der DDR verbotener Westmusik. Mit zehn Jahren spielte er erste Stücke nach Gehör. Seinen Traum vom Musikerleben verfolgte er schon früh radikal und konsequent. Ein Studium an der Popakademie Mannheim absolvierte Bölter mithilfe von Begabtenförderung. Einige Preise hat er gewonnen, darunter den renommierten Robert-Johnson-Gitarrenwettbewerb und 2012 den deutschen Rock- und Pop-Preis als beste Country-Band. Nach einem Ausflug zur Show „The Voice Of Germany“ hat sich Bölter bewusst für ein Leben abseits der Kommerzialisierung und für die größtmögliche Freiheit entschieden und scheint damit seine Nische gefunden zu haben: Ohne Agentur und Management vermarktet er sich selbst, spielt rund 80 Konzerte jährlich. Seine Musik ist handgemacht und selbst produziert, es geht ihm um Authentizität und Autonomie. Philip Bölter arbeitet mit drei Gitarren, fünf Mundharmonikas und einer Stompbox, die er mit dem Fuß bedient. Einer zwölfsaitigen Steelgitarre entlockt er stellenweise hawaiianisch inspirierte Klänge mit hypnotischer Wirkung: Coverstücke wie „Whole Lotta Love“ (Led Zeppelin) spielt er frei nach Original gerne in extensiver Länge und offenbart dabei eine erstaunliche Virtuosität und Leichtigkeit. Für seinen akustischen Retro-Sound kommt Bölter mit minimaler Technik aus. Mit perkussivem Gitarrenspiel simuliert er eine komplette Band: Die Bassdrum spielt er per Stompbox, Fingerspiel ersetzt die Snare, und satte Akkorde und Melodiebögen den Bass.