Frankenthal
Klassenarbeit und Liebesbrief: Fundstücke aus der Schulbuchausleihe
Mit dem Status des dienstältesten Praktikanten hat es bei Thomas Furcht folgende Bewandtnis: Die Aushilfen im Rathaus – zumeist Studenten und Schüler – schließen Praktikantenverträge ab. Mit 71 Jahren ist Furcht unter ihnen der betagteste Jobber. Seit Beginn der Schulbuchausleihe sitzt er am Schalter in der Mehrzweckhalle der Mörscher Au und hat in den neun Jahren so einiges erlebt.
Wenn die Schüler ihre Lehrwerke nach einem Schuljahr wieder zurückbringen, enthalten diese manchmal Dinge, die im Lehrplan nicht auftauchen. Neben Kaugummis und Schokoladenresten hat Furcht schon Liebesbriefe zwischen den Seiten entdeckt. Auch Klassenarbeiten mit schlechten Noten verstecken die Zöglinge vor ihren Eltern gerne mal in den Büchern. Eine Bananenschale war zwar noch nie dabei, doch sie dient Furcht als Paradebeispiel für respektvollen Umgang mit Büchern. „Ich bitte die Kids, keine Schalen von Bananen als Lesezeichen zu verwenden. Den humorvollen Fingerzeig verstehen sie auf Anhieb.“
Wenig Wertschätzung für Service der Stadt
Wofür nach seinem Dafürhalten zu wenig Verständnis aufgebracht wird: Furcht beobachtet zuweilen eine mangelnde Wertschätzung für den Service, den die Stadtverwaltung Familien bietet. „Die Schulbuchausleihe funktioniert im Prinzip wie eine Stadtbücherei“, erklärt er. Das bekommen Eltern zu hören, wenn sie sich beschweren, dass ein Buch nicht so neu ist wie im Laden. Was nichts kostet, ist auch nichts wert – eine Einstellung, die den eigentlich stets gut gelaunten Rentner ärgert. „Dieser Service ist Bildung pur und entspringt dem sozialen Grundgedanken, dass Bildung allen Schichten zugänglich sein sollte.“ Furcht erinnert sich an die Schulzeit seiner mittlerweile erwachsenen Kinder. Damals gab es keine Ausleihe, und mehrere Hundert Mark mussten jedes Jahr für neue Lehrbücher lockergemacht werden. Mit einem finanziellen Anreiz lernten seine Kinder, Eselsohren und Wasserschäden an den Büchern zu vermeiden: Nach jedem Schuljahr verkaufte der Vater die Lehrwerke weiter, wenn diese gut erhalten waren. Den Erlös bekam der Nachwuchs als Taschengeld.
Diese Erfahrung hat Furcht im Hinterkopf, wenn er am Ausleihschalter sitzt und die Eltern bittet, nächstes Mal ihre Kinder mitzubringen. Schließlich seien sie es, die mit den Büchern arbeiten müssten. Quittieren die Erziehungsberechtigten beim Empfang den Erhalt der Lernmittel, schlägt der Praktikant vor, dass auch die Kinder mit unterschreiben sollen. Dies sei die beste Gelegenheit, Verantwortung zu übernehmen. In 90 Prozent der Fälle würden die Mütter und Väter diese Anregung beherzigen, berichtet Furcht zufrieden und erzählt von den zahllosen Gesprächen, die er mit den Schülern führt. Furcht muntert sie auf, wenn ein Schuljahr mal nicht so rosig verlaufen war, und hat in seiner Schublade immer kleine süße Überraschungen parat. Die Eltern kennen seinen Abschiedsgruß: „In Frankenthal sieht man sich jedes Jahr zweimal – beim Strohhutfest und bei der Ausleihe.“
EDV-Kenntnisse und Bildungsauftrag
Zu seinem Job am Bücherschalter kam Furcht bei ebendiesem Fest im Jahre 2013, als die zentrale Schulbuchausleihe aus der Taufe gehoben wurde. Der damalige Oberbürgermeister Theo Wieder (CDU) fragte ihn, ob er mithelfen wolle. Gefordert waren Kenntnisse in EDV, im Organisieren und im zwischenmenschlichen Umgang. Das zusammen mit dem sozialen Bildungsauftrag war genau Furchts Kragenweite.
Seit seinem Ruhestand hat der gelernte Koch und spätere Mitarbeiter beim Medienunternehmen Gruner und Jahr eine Reihe weiterer sozialer Betätigungsfelder gefunden. Furcht engagiert sich unter anderem in der Frankenthaler Bildungsstiftung und ist Schatzmeister des Fördervereins der Frankenthaler Stadtbücherei. „Bücher sind Schätze“, findet der agile Rentner, in dessen Wohnung die Enkel durch Werke Erich Kästners früh mit den Werten gedruckter Literatur vertraut gemacht werden.
Als sich Furcht vom Arbeitsleben verabschiedete, fragte ihn Ehefrau Marion, ob er sich nicht einen Job suchen wolle. „Jetzt fragt sie mich, wann ich mal wieder heimkomme“, sagt der 71-jährige lachend. Bei der Schulbuchausleihe möchte er weiterhin am Ball bleiben, solange die Gesundheit mitspielt.