Frankenthal
Katholik Wieder zum Synodalen Weg: „Geht um die Existenz der Kirche“
Herr Wieder, drei Tage Debatten, viel Arbeit an Texten und Themen liegen hinter Ihnen. Was ist Ihre persönliche Bilanz des Synodaltreffens?
Es war gut, dass die Versammlung in Präsenz stattgefunden hat. Auch wenn es in einer großen Messehalle ist und die Teilnehmer nach strengen Hygieneregeln weiter auseinander sitzen als sonst üblich, war es schön, alle Akteure live zu sehen und zu erleben und miteinander am Rande des Treffens ins Gespräch zu kommen. Die Veranstaltung war vom Prozedere, vom Ablauf und von der technischen Ausstattung her professionell vorbereitet. Das hat die Arbeit erleichtert. Der Synodale Weg ist von seiner inhaltlichen Ausgestaltung her – so sehen das viele – eine der letzten Chancen für die katholische Kirche in Deutschland und vielleicht auch in Europa. Wenn es dadurch zu Reformen kommt, sind damit sicher nicht alle Probleme gelöst. Es geht hier um die persönliche Glaubwürdigkeit vieler Katholiken, die darunter leiden, im Ruf ihrer Kirche auch ein Stück weit mit gefangen zu sein – als Folge der gravierenden Eruptionen, die der massive sexuelle Missbrauch von Angehörigen dieser Kirche und des Klerus ausgelöst hat. Das führt zu einem Glaubwürdigkeitsdefizit, dies führt bei vielen Menschen zu einer Glaubenskrise. Und damit geht es letztlich beim Synodalen Weg um die Existenz der Kirche in der Zukunft.
Offenbar ist einigen Teilnehmern gegen Ende ein bisschen die Luft ausgegangen. Die Versammlung war vor dem offiziellen Ende nicht mehr beschlussfähig. Hat das dem Anliegen des Synodalen Wegs geschadet?
Das glaube ich nicht. Es war ein nicht so schönes Ende. Wir reden aber im Endeffekt über etwas mehr als eine halbe Stunde. Bei solchen Treffen auf Bundesebene ist es problematisch, den Zeitplan am Samstagnachmittag bis nach 16 Uhr anzusetzen. Viele Teilnehmer, die aus weiter entfernten Teilen der Republik anreisen, bekommen dann Schwierigkeiten mit der Heimreise. Deswegen haben sich wahrscheinlich manche Synodale – das gilt für Laien wie für Bischöfe – früher auf den Weg gemacht. Das hat ein wenig die an sich sehr positiven Ergebnisse überdeckt. Dennoch war es richtig abzubrechen, als sich herausgestellt hatte, dass Beschlussfähigkeit nicht mehr gegeben war. Der Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing, hat korrekt gesagt: Wir können nicht schwierige Texte – und um einen solchen ging es gerade – am Schluss mit einem zweifelhaften Ergebnis beschließen. Die Folge wäre massive Kritik am Zustandekommen der Beschlüsse gewesen.
Ein umstrittener Punkt war das Mitwirken von Laien an der Bestellung von Bischöfen. Wie beweglich haben sich Ihrem Empfinden nach die Vertreter der Geistlichkeit gezeigt? Welche Meinung vertreten Sie dabei?
Das ist ein komplexes Thema, weil es hier sehr unterschiedliche Regelungen auf Ebene der Konkordate gibt – also bei den Verträgen zwischen Staaten und dem Heiligen Stuhl. Der entscheidende Punkt ist: Ohne die Konkordate zu verändern, lassen sich Veränderungen bei der Bestellung von Bischöfen nur auf dem Weg der Selbstbeschränkung hinbekommen. Das heißt: Sie lassen im Prinzip Konkordat Konkordat sein, und legen in Ihrem Bistum eine Regelung fest, an die sich alle Beteiligten halten – auch die Verantwortlichen im Fall einer Sedisvakanz. Die Stärke wäre ein echter synodaler Vorgang, bei dem man freiwillig miteinander im Sinne offener Zusammenarbeit agiert. Die Schwäche wäre, dass so ein Verfahren im Kern rechtlich nicht in allen Diözesen zu erzwingen ist. Da wird an den dazugehörigen Texten noch einiges nachzuarbeiten sein, um das Ganze alltagstauglich zu machen.
Und warum ist es so schwierig, die Konkordate an sich zu überarbeiten?
Da müssen Sie schon sehr aufpassen: Wenn Sie an diese Ebene gehen, können Sie möglicherweise noch andere Dinge in Frage gestellt bekommen als diejenigen, die jetzt gerade die Laien bewegen.
Ein Wunsch aus der Mitte der synodalen Bewegung ist es doch gerade, ihre Themen und Beschlüsse auch in Rom vorbringen und diskutieren zu können. Ist die Zeit reif dafür?
Das Verhältnis der deutschen Kirche zu den Römischen Kongregationen ist nicht belastungsfrei. Das hat damit zu tun, dass aus Richtung Roms häufig dann Störfeuer kam, wenn gerade wieder Beratungen anstanden. Beispiele sind die Veröffentlichung der Kleruskongregation zur Frage der Leitung von Pfarreien, die Aussagen zu Frauen in Weiheämtern oder zur Segnung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften. Das hat alles Diskussionen ausgelöst – genauso wie die Einschätzung Roms, dass der Synodale Weg die Gefahr berge, die deutsche Kirche ein Stück weit aus der Weltkirche zu lösen. Die Führungsspitze des Synodalen Wegs in Person des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und des Präsidenten des Zentralkomitees Deutscher Katholiken ist in Rom mit Briefen vorstellig geworden. Darin ist ein eindringliches Gesprächsangebot formuliert. Ich bedauere, dass es auf diese Bitte aus Rom bisher keinerlei Reaktion gegeben hat. Die ZdK-Vizepräsidentin Karin Kortmann hat das an den Apostolischen Nuntius, den Vertreter des Heiligen Stuhls in Deutschland, adressiert und in dem Satz zugespitzt: „Briefe darf man auch beantworten.“ Da ist Konfliktstoff, das verkenne ich nicht.
Sind die Themen im Prozess richtig priorisiert? Viele katholische Gläubige wünschen sich, dass es gerade bei Fragen zur Sexualmoral und der Aufarbeitung der Missbrauchsskandale schneller vorangeht ...
Die Themen des Synodalen Wegs bauen auf dem schweren Glaubwürdigkeitsverlust verbunden mit einer Glaubenskrise auf, die durch den sexuellen Missbrauch ausgelöst wurden – ob es das Aufarbeiten, das Vertuschen oder der nicht sachgerechte Umgang damit war. Dazu gehört das Thema des Umgangs mit Macht in der Kirche. Dazu gehört das Thema der priesterlichen Existenz heute. Dazu gehört die Frage der Zulassung von Frauen in Weiheämtern. Und dazu gehört die Frage der Sexualmoral. Das sind alles sehr komplexe Themen. Und die Synodalen bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Hochtheologie und kompakt gefassten Forderungen. Es ist schnell gesagt: Das wollen wir anders. Aber wenn Sie sich die Mühe machen, das im Sinne wissenschaftlicher Theologie zu analysieren, die Fundamente, auf denen die Argumentation Roms beruht, auseinanderzunehmen und sie der gesellschaftlichen Realität gegenüberstellen, dann werden Sie beim Lehramt nichts erreichen. So ist nun mal die Verfassung der Katholischen Kirche. Dieses gründliche Arbeiten macht die Texte nicht einfacher lesbar. Sie entfalten ein theologisches Gedankengebäude, wie es der heutigen Zeit entspricht, und unternehmen dennoch den Versuch, auf der Kontinuität der Theologie aufzubauen. Diese Texte sind gerade bei der Sexualmoral und bei der Machtfrage in Worte gefasste Träume, wie Kirche anders aussehen könnte und wie wir die Kirche in Deutschland verändern wollen: partizipativ, geschlechtergerecht, modern – und nicht nur aufbauend auf Traditionen aus der Vergangenheit.
Aus Ihrer Erfahrung heraus: Wie gelingt es, die in Frankfurt geleistete Arbeit an der Basis, in der Pfarrei zu kommunizieren?
Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Ich habe in der Vergangenheit in den Sitzungen des Pfarreirats über den Synodalen Weg und den Fortgang der Arbeit berichtet. Das werde ich weiter tun. Dazu tragen auch Gespräche wie unseres bei, und ich nutze auch kircheninterne Publikationen. Ich gebe aber zu, dass sich aus Gründen, die mit der eben beschriebenen Komplexität der Themen zu tun haben, eine Kluft auftut zwischen dem, was die Mitglieder des Gemeindeausschusses oder des Pfarreirats für sich reflektieren, und denjenigen, die das Glück haben, als einer von 220 Leuten direkt an der Diskussion teilnehmen zu können. Es gab in Frankfurt deshalb auch die Forderung, die Texte der Beschlüsse zusätzlich in einfacher Sprache abzufassen. Nur wenn sie auch für allle Gemeindemitglieder lesbar und verständlich sind, bekommt das Ganze eine Breitenwirkung. Interview: Jörg Schmihing
Zur Person
Theo Wieder (66) war von 2000 bis 2015 Oberbürgermeister der Stadt Frankenthal. Der CDU-Politiker steht seit 2004 an der Spitze des Bezirkstags und lenkt damit die Geschicke des Bezirksverbands Pfalz und seiner Einrichtungen. Wieder bringt sich seit Jahrzehnten auch in der Katholischen Kirche ein, seit dem Rückzug als OB hat er sein Engagement noch einmal intensiviert: Er ist Mitglied des Katholikenrats im Bistum Speyer und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. In Frankenthal hat Wieder den Vorsitz des Pfarreirats der Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit inne. Sie ist mit 12.775 Gläubigen die zweitgrößte der Diözese.