Frankenthal Käpt’n Kalle ist überall
Käpt’n Kalle ist in der Pfalz, Deutschland, Europa und mittlerweile auch in Südafrika unterwegs. Der Mann mit der Kapitänsmütze und der Tabakpfeife blickt von Ampelmasten, Brückenpfeilern oder Stromkästen auf Passanten. Die Kunstfigur ist zentraler Bestandteil eines Streetart-Projekts. Der Urheber stammt wohl aus der Region, will aber anonym bleiben, weil diese Form der Straßenkunst strafbar ist.
Der Aufkleber hängt in Augenhöhe am Mast der Fußgängerampel auf der Verkehrsinsel in der Ludwigshafener Zollhofstraße beim Übergang zur Kaiser-Wilhelm-Straße. „Volle Kraft voraus! Oh Herr, der die See beruhigt“, steht auf Englisch auf dem Sticker mit dem markanten Seemannsgesicht. Eine Anspielung auf einen Bibel-Psalm. Auch auf der Pylonbrücke und in Mannheim taucht der Käpt’n auf. Über 9000 Kalle-Aufkleber sollen deutschlandweit verklebt sein. Das Ehepaar Dehlfing aus Gönnheim hat den Seemann in Ludwigshafen, Mannheim und zuletzt auch im Urlaub am Kap der Guten Hoffnung in Südafrika auf einem Wegweiser entdeckt und sich hilfesuchend an die RHEINPFALZ gewandt. „Können Sie uns etwas zur Bedeutung sagen?“ Das ist gar nicht so einfach, denn Käpt’n Kalle ist recht öffentlichkeitsscheu. Kein Wunder, denn für Polizei und Ordnungsämter diverser deutscher Städte ist diese Form der Straßenkunst ein Fall von Sachbeschädigung. Fest steht wohl, dass Kalle seit 2013 aktiv ist. Sein Erfinder stammt angeblich aus der Pfalz oder Nordbaden. Neben den Aufklebern zieren mittlerweile über 100 Seemannsköpfe auch Mauern, Brückenpfeiler oder Schallschutzwände. Meist handelt es sich dabei um sogenannte „Paste ups“, große Papierbilder, die mit Tapetenkleister aufgetragen und nach einer gewissen Zeit vom Regen abgewaschen werden. Der Käpt’n landet per Schablone auf den Bildern. „Streetart steht unter anderem für Vergänglichkeit. Ich tue ja keinem damit weh. Außerdem ist der Nervenkitzel auch Teil des Projekts“, sagte der Urheber in einem Interview mit einem Frankfurter Szenemagazin. Und Geheimniskrämerei gehört auch dazu. „Käpt’n Kalle ist eine fiktive Person. Wir sind eine ganze Gruppe und einer ist der Künstler. Wir kommen aus allen Bevölkerungsschichten und Berufen“, sagte ein Freund des Kalle-Erfinders aus der Südpfalz in einem RHEINPFALZ-Interview. Das Ziel des Künstler-Kollektivs: Aufmerksamkeit erregen und Passanten zum Nachdenken anregen. Wo sich der Käpt’n findet, hänge auch vom Zufall ab, sei eine spontane Sache, erläuterte der Student. Aber offensichtlich geht es auch ein Stück weit darum, die Kunstfigur durch die ganze Welt reisen zu lassen. Käpt’n Kalle hat mittlerweile eine eigene Facebook-Seite, auf der immer wieder Bilder von allen möglichen Orten hochgeladen werden. So blickt der Seemann in Frankfurt, Berlin, Brüssel, Valencia, Sylt oder der dänischen Hafenstadt Samsø größtenteils stumm auf die Passanten. Gelegentlich ist eine Sprechblase zum Standort angefügt. Einige seiner 118 Facebook-Fans kommen aus Landau und haben Verbindungen zu einer freikirchlichen evangelischen Gemeinde. Das Psalm-Zitat auf dem Ludwigshafener Ampelmastaufkleber legt nahe, dass der Käpt’n ein gottesfürchtiger Mann sein könnte – auch wenn seine Furcht vor der irdischen Obrigkeit nicht sonderlich ausgeprägt ist.