Frankenthal „Jetzt oder nie“
Die Bewegung „Fridays for Future“, die auf die Rede der 16-jährige Greta Thunberg 2018 vor der UN-Klimakonferenz zurückgeht, erreicht am Freitag Frankenthal. Für 11 Uhr ist eine Demonstration am Speyerer Tor angemeldet. Dass die Teilnehmer ein paar Schulstunden verpassen, ist beabsichtigt. Mancher Pädagoge schwankt zwischen Verständnis und Pflichtgefühl.
Er sei über das Thema Recycling zum Klimaschutz gekommen, erzählt Alan Göbel, Abiturient aus Worms. „Da bin ich auf Sachen gestoßen, die mich schockiert und zum Nachdenken gebracht haben.“ Zeitgleich sei die Bewegung „Fridays for Future“ aufgekommen, da habe er gedacht: „Jetzt oder nie.“ Freitag wird der 26-Jährige, der Bundesdelegierter für die Landesschülervertretung ist, den ersten „Friday for Future“ in Frankenthal organisieren. Ganz im Sinne der Veranstaltung sollen die Schüler dafür nach der dritten Stunde den Unterricht verlassen. Die Idee geht auf die junge Schwedin Greta Thunberg zurück, die seit etwa einem halben Jahr jeden Freitag ihre Schule bestreikt, um für eine konsequentere Klimapolitik zu demonstrieren. Wenn sich Erwachsene nicht für ihre Zukunft interessieren, so ihre kompromisslose Erklärung, dann habe sie auch deren Regeln nicht zu beachten. Kompromisslos sein kann das Mainzer Bildungsministerium auch: Die Teilnahme an der Demonstration sei als unentschuldigtes Fehlen zu bewerten, teilte Staatssekretär Hans Beckmann (SPD) schon Ende Januar mit. Schüler hätten „ohne Wenn und Aber“ mit Konsequenzen zu rechnen, die Schulen erhielten gleichlautende Anweisungen, informierte er weiter. „Es ist schwierig“, sagt Sabine Schanz, Direktorin des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG), zur bevorstehenden Aktion. Eine Schule dürfe prinzipiell keine Erlaubnis zum Streik erteilen, schon weil dadurch die Erfüllung der Aufsichtspflicht unmöglich werde, sagt sie. Auch die Hinweise des Ministeriums seien eindeutig. Ihre persönliche Meinung zu den „Fridays for Future“ sei daher Nebensache. Einige Schüler und auch Eltern hätten jedoch angefragt, ob es für die Demo eine Freistellung gibt. „Denen habe ich geantwortet: Der Sinn eines Streiks besteht darin, dass ihr hingeht, ohne mich zu fragen“, sagt die Lehrerin. Auch Christian Bayer, Direktor des benachbarten Karolinen-Gymnasiums (KG), muss zwischen einer Meinung und beruflicher Überzeugung trennen. Insgesamt sieht er die Sache jedoch entspannt: „Wenn da ein Lehrer nur noch mit einem einzelnen Schüler sitzen sollte, dann wird er pädagogisch angemessen reagieren.“ Grundsätzlich befürworte er, wenn sich Schüler engagierten und für ihre Interessen einstünden. „Mir wäre es allerdings lieber, sie würden das nicht während der Schulzeit machen.“ Auch er will seinen Schülern die Teilnahme weder erlauben noch verbieten. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern demonstrierten die Frankenthaler Schüler ja auch nicht wöchentlich: „Sonst wäre ja immer dasselbe Fach betroffen, das wäre natürlich nicht so gut.“ Von den 840 Schülern der IGS Robert Schuman Frankenthal haben laut Direktor Paul Volz bisher lediglich vier um Teilnahme an der Demonstration gebeten. „Es wird keine Beurlaubung geben“, musste Volz ihnen antworten. Er habe jedoch das Gefühl, das Thema sei bei vielen seiner Schüler noch gar nicht richtig angekommen, sagt er. Sollte jedoch wider Erwarten ein großer Teil der Schülerschaft am Freitag streiken, könnten die verpassten Stunden theoretisch an einem Samstag nachgearbeitet werden. „Ich denke darüber nach. Von der Schulordnung her wäre das möglich“, sagt Volz. Zunächst wolle er jedoch abwarten, wie viele dem Unterricht tatsächlich fern blieben. Sehr viele, ginge es nach Alan Göbel: „Wir haben in die ganze Organisation und Anmeldung der Demonstration extrem viel Arbeit gesteckt.“ Sein Team bestehe aus 15 Leuten, die Messenger-Gruppe der Aktion habe etwa 320 Mitglieder, erzählt er. Die Veranstaltung ist Teil des ersten globalen „Klimastreiktags“. Schüler in 59 Ländern haben für den 15. März Demonstrationen angemeldet, in Deutschland sind es mehr als 100. „Es muss einfach irgendetwas geschehen.“