Frankenthal
Interview: Warum das Gleis4 Spenden und öffentliche Zuschüsse braucht
Die Umzugspläne des Gleis4 haben wieder mal Kritiker auf den Plan gerufen, die sich vor allem an den Themen Finanzen und öffentliche Zuschüsse abarbeiten. Wie reagieren Sie darauf?
Meine Vermutung ist, dass diejenigen, die sich teils unsachlich in Leserbriefen oder sozialen Netzwerken äußern, das Gleis4 gar nicht oder nicht besonders gut kennen. Grundsätzlich versuche ich, auf die Leute zuzugehen, die Hintergründe des Gleis4 und der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft aufzudecken und deren Bedenken auszuräumen. Wenn es ernst gemeinte Verbesserungsvorschläge gibt, stehe ich diesen immer sehr offen gegenüber. Leider entpuppen sich einfache Lösungen oft als nicht mit der Realität, der Gemeinnützigkeit oder unserem kulturellen Anspruch vereinbar.
Woher kommen Ihrer Wahrnehmung nach die Vorbehalte, und wie sehr ärgert Sie das nach fast zehn Jahren Gleis4?
Erstmal werte ich auch Kritik als Zeichen des Interesses, allerdings wünschte ich mir, dass man sich erst informiert und dann über die Arbeit anderer urteilt. Ich nehme die Kritik nicht persönlich, aber teilweise fehlt mir das Verständnis, warum man nicht einfach direkt auf mich zugeht oder wenigstens mal ins Gleis4 kommt, um zu sehen, welchen Beitrag wir für die Kultur in Frankenthal leisten. Letztlich trifft die unsachliche Kritik eher meine Familie und Freunde, die die Hintergründe kennen und wissen, dass vieles einfach nicht stimmt.
Ganz platt gefragt: Was sagen Sie den Leuten, die behaupten, das Gleis4 verdiene keine öffentliche Förderung?
Ich fange mal ganz von vorne an: Als wir 2014 gestartet sind, war das Gleis4 vom Veranstaltungsumfang her deutlich kleiner und weitgehend auf ehrenamtlicher Basis geplant – sodass die damalige Unterstützung der Stadt eher den Charakter einer Anschubfinanzierung haben sollte. Dann sind wir aber sehr viel schneller gewachsen als angenommen, was uns gleichzeitig gezwungen hat, uns in jeder Hinsicht zu professionalisieren, vor allem benötigten wir qualifizierteres Personal in allen Bereichen. Ganz unabhängig von dieser Entwicklung: Wir kennen in unserem bundesweiten Netzwerk kein Veranstaltungshaus vergleichbarer Größe und mit ähnlichem Angebot, das ohne öffentliche Zuschüsse auskommt. Da spielt der kulturelle Anspruch sicher auch eine große Rolle.
Und wie verwirklicht das Gleis4 diesen Anspruch?
Gemäß seiner Satzung hat sich das Gleis4 als gemeinnützige Institution verpflichtet, die Kultur in Frankenthal und der umliegenden Region zu fördern. Dies schließt aus unserer Sicht die Verpflichtung ein, Bands verschiedener Musikgenres zu engagieren, die eigene Musik produzieren, und diese fair zu bezahlen, auch wenn mal nur 60 Besucher kommen. Wir erhalten übrigens nicht nur Geld von der Stadt, sondern wir holen auch etliches an Zuschüssen von Bund, Land und anderen Förderinstitutionen in unsere Stadt. Diese Beträge werden wiederum hier vor Ort investiert – unter anderem in unsere 22 Mitarbeiter. Wir schaffen also auch Jobs. Dass uns all diese Institutionen fördern, werten wir als Zeichen der Anerkennung für unsere gute Arbeit. Wenn ich mit Kollegen spreche, dann reden wir in anderen Regionen teilweise von ganz anderen finanziellen Dimensionen der Förderung.
Haben Sie mal daran gedacht, mit dem Gleis4 in eine andere Stadt zu wechseln? Andernorts ist die Konkurrenz um Förderung allerdings auch größer …
Das kann gut sein. Tatsächlich ist in Frankenthal die ganze Förderthematik im Kulturbereich überhaupt erst durch das TAW und uns nach und nach professionalisiert worden. Ein Ortswechsel war für mich selbst komplett utopisch, auch als die Suche nach einer neuen Location aussichtslos zu sein schien. Das Gleis4 ist mit Frankenthal fest verbunden. Über die Jahre ist ein unschätzbares Netzwerk aus Bands, Sponsoren, dem Förderverein und unseren Besuchern entstanden und die regionale Szene, wie sie sich bei über 100 Veranstaltungen im Jahr zeigt, liegt mir sehr am Herzen.
Noch mal zurück zur Wechselwirkung von künstlerischem Anspruch und Finanzierung. Wie sieht die konkret aus?
Ganz grob kann man sagen: Je höher der kulturelle Anspruch ist, desto schwieriger wird es, eine Veranstaltung zu finanzieren. Ich nenne ein Beispiel: den Gig von Nils Landgren bei den Jazztagen vor einem Jahr. Da haben wir auch bei ausverkauftem Haus nichts verdient. Trotzdem war es für uns wahnsinnig wichtig, einen der bedeutendsten Jazz-Musiker der Welt zu uns zu holen, weil wir es damit wieder schaffen, andere bekannte Leute zu buchen und unseren überregionalen guten Ruf zu festigen. Wir stehen aber genauso zu unserer regionalen Verpflichtung – dazu gehören Konzerte lokaler Bands, zu denen keine 200 Leute kommen. Auch diese Events wären ohne Förderungen nicht möglich.
Im Kulturzentrum finden dann aber auch diverse Partys statt, wie After-Work-Partys oder 80er-Partys. Ist das sozusagen die Quersubventionierung?
Das ist unser Plan. Wenn wir die Kultur mit möglichst geringen Zuschüssen fördern wollen, brauchen wir diesen kommerziellen Bereich. Ich erinnere an das Jahr 2018, das mit einer erheblichen finanziellen Schieflage und der rettenden Last-Minute-Spendenaktion endete. Danach haben wir den Kurs etwas korrigiert und versucht, mehr Einnahmen aus gewinnbringenden Veranstaltungen wie Partys, privaten Feiern und Firmenevents zu generieren. Die Gewinne daraus werden zu 100 Prozent zur Finanzierung des Kulturbetriebs verwendet. Schon 2019 zeigte sich, dass das Konzept aufgeht.
Wird das Nebeneinander von Kunst und Kommerz im neuen Domizil, dem bisherigen Sitz der Firma FK Kältetechnik in der Eisenbahnstraße, genauso gut funktionieren?
Da bin ich mir sicher! Das neue Gleis4 bietet für 350 Personen nicht nur mehr Platz, sondern auch mehr Möglichkeiten der Nutzung im Zusammenhang mit dem Außenbereich. Dies eröffnet uns die Möglichkeit, die Sommerpause mit Konzerten, Partys und vielleicht auch einem Sommerfest zu überbrücken. In einem größeren Raum ist es auch möglich, Konzerte von bekannteren Bands rentabel durchzuführen – das Konzert mit Nils Landgren wäre ausverkauft und somit finanzierbar gewesen.
Auch der Umzug ist ein finanzielles Wagnis – mit noch ungewissem Ausgang. Wie ist der Stand bei diesem Projekt?
Wir rechnen für den Umbau mit Gesamtkosten von maximal 300.000 Euro. Bisher verliefen alle Gespräche mit unterstützenden Firmen so gut, dass wir davon überzeugt sind, dass wir diese Zahl auch halten können. Manche fragen sich, warum wir immer noch nicht alle Zahlen genau kennen. Der Grund hierfür ist, dass wir erst seit Januar von der neuen Location wissen. Einen Monat später lag der Stadt der Bauantrag vor, aber das heißt: Vieles läuft jetzt parallel – Unterlagen liefern für die Behörden, Angebote bei Firmen einholen und die Finanzierung klären.
Wie wollen Sie das Geld zusammenbekommen?
Wir haben schon angefangen, Spenden zu sammeln. Es liegen uns schon erste Zusagen über zinslose Darlehen von einigen sogenannten Mini-Investoren vor. Wir setzen zudem auf den Zuwachs neuer Mitglieder beim Förderverein. Für das Gleis4, das gerade so durch die Pandemie gekommen ist, war es nicht möglich, Rücklagen in relevanter Höhe für einen Umzug zu bilden. Deshalb gibt es nur die Lösung, den Neuanfang in der Eisenbahnstraße 82 mit der Unterstützung durch Spenden, Mini-Investments und Firmensponsoring zu bewältigen. Es gibt Stimmen, die fordern, die immensen Gewinne aus dem Corona-Testzentrum zur Finanzierung zu verwenden: Die Gewinne aus meinem Testzentrum als Einzelunternehmer sind deutlich niedriger als manche vermuten. Abzüglich meiner damaligen Lebenshaltungskosten und dem Betrag zum Erhalt der Music Academy habe ich den Rest komplett ans Gleis4 gespendet.
Im Mai ist am alten Standort Schluss. Wann geht’s am neuen weiter?
Am liebsten würden wir im Oktober starten. Aber es ist noch zu früh, das definitiv zu sagen. Fakt ist: Wir können es uns nicht leisten, den Betrieb länger als nötig ruhen zu lassen. Glücklicherweise gibt es sehr großes Entgegenkommen bei Firmen, die uns zum Teil nur ihre eigenen Kosten in Rechnung stellen. Ohne die Unterstützung des Frankenthaler Mittelstandes wäre das Projekt nicht umsetzbar.
Wie werden Sie die dann ja deutlich größere Location bespielen?
Wir wollen Neues wagen, dabei aber Altbewährtes nicht verlieren. Das bedeutet konkret: Alle Formate, auch die kleineren, die das Gleis4 ausmachen, bleiben erhalten. Wir möchten den Platz definitiv nutzen, um neue spannende Bands zu engagieren – Newcomer, die schon deutschland- oder europaweit touren, denen das aktuelle Gleis4 zu klein, aber andere Clubs der Region zu groß sind.
Immer wieder wird auch das Nebeneinander von Gleis4 und Ihrer privaten Musikschule Music Academy kritisch angeführt. Das sind zwei Paar Schuhe, richtig?
Es gibt zwischen dem Kulturzentrum und der Music Academy, die ich als Einzelunternehmer betreibe, keine finanzielle Verbindung. In der Außenkommunikation halte ich das zudem strikt getrennt voneinander. Am bisherigen Standort in der Johann-Klein-Straße und dann nach dem Umzug im neuen Gebäude in der Eisenbahnstraße haben beide Unternehmen jeweils eigene Mietverträge. Dass wir ein gemeinsames Büro benutzen und auch einiges an Material nicht doppelt anschaffen, ist ja nur sinnvoll. Insofern gibt es nur kleine Synergieeffekte. Wie oft fehlt dem Schlagzeuger einer Band im Gleis4 noch ein Beckenständer? Den leihen wir ihm dann natürlich aus den Beständen der Academy, ohne ans Gleis4 eine Rechnung zu schreiben.
Zur Person
Tiemo Feldmann (47) hat 2014 gemeinsam mit Beate Vogel das Kulturzentrum Gleis4 am bisherigen Standort auf dem früheren Brauereigelände in der Johann-Klein-Straße eröffnet. Seit fünf Jahren leitet Feldmann, der auch Betreiber der privaten Musikschule Music Academy in Frankenthal ist, das Gleis4 als Geschäftsführer alleine. Das Gleis4 bekommt pro Jahr eine Grundförderung von der Stadt in Höhe von 25.000 Euro. Außerdem verdoppelt sie bis zu einem Maximalbetrag von 25.000 Euro jeden an das Kulturzentrum gespendeten Euro. Informationen, wie Firmen und Privatleute das Gleis4 unterstützen können, gibt es im Internet unter kuz-gleis4.de/neues-gleis4.