Worms
Interview: Regisseurin Mina Salehpour über ihre Nibelungen-Inszenierung 2025
Frau Salehpour, Sie sind sehr produktiv, haben in 15 Jahren über 40 Stücke inszeniert. Waren auch Freilichtaufführungen darunter?
Nein, noch nie.
Open Air ist eine besondere Herausforderung. Wie werden Sie die angehen?
Ein Werk vor dem Wormser Dom aufzuführen, das reizt mich sehr. Ich habe tolle Helfer. Etwa den norwegischen Lichtdesigner Eivind Myren vom Trondheimer Theater. Er hat große Erfahrungen im Bereich Outdoor-Theater. In Norwegen gehört das zum kulturellen Leben. Im Sommer sind die Theater zu. Man geht in die Berge – ins Gudbrandsdalen Tal, eine Autostunde nördlich von Lillehammer – und schaut Ibsens Peer Gynt. Das sind hochkarätige Großereignisse, groß besetzt, mit Star-Regisseuren.
Da haben Worms und Norwegen ja etwas gemeinsam. Sprechen Sie norwegisch? Sie inszenieren ja häufiger dort.
Ich würde sagen, ich verstehe es.
Sie haben einen guten Einblick in die Theaterwelten zweier Länder, weil Sie sowohl in Deutschland als auch in Norwegen Regie führen. Was sind die Unterschiede?
Ich arbeite auch in Österreich, der Schweiz und in Schweden. Vielleicht versuche ich daher mal den Vergleich zwischen den deutschsprachigen und den skandinavischen Ländern: Das Sozialdemokratische haben die Skandinavier mit der Muttermilch aufgesogen, das merkt man auch auf der Bühne. Und das Narrativ von Stücken, die von A nach B erzählt werden, ist dort stärker ausgeprägt. Während in deutschsprachigen Theatern viel mit Verfremdungseffekten gearbeitet wird. Eher vertreten ist hier zudem das Zerhacken eines Theaterstücks oder Romans, das Fragmentarische. Ich liebe beides.
Sie sind für die Fangemeinde der Festspiele ein neues Gesicht. Wie kamen Sie zu dem Engagement als Regisseurin für „See aus Asche“ von Roland Schimmelpfennig?
Thomas Laue hat mich angefragt, der künstlerische Leiter. Wir kennen uns schon länger. Er lebt und wirkt in Köln und geht dort öfter ins Theater. Ich habe im Schauspiel Köln, wo er früher Chefdramaturg war, drei Stücke inszeniert unter der Intendanz von Stefan Bachmann, zuletzt „Yazdgers Tod“ im Jahr 2023. Dabei haben wir uns kennengelernt. Im Düsseldorfer Schauspielhaus haben wir bei der Premiere von „A Christmas Carol“ von Charles Dickens unter meiner Regie darüber gesprochen, dass ich in Worms inszenieren könnte.
Wow, da ist ja sogar die Post schneller, die Weihnachtsgeschichte lief doch in Düsseldorf vor vier Jahren…
Solche Vereinbarungen haben immer einen großen Vorlauf. Alle Beteiligten haben volle Kalender. Und die Festspiele werden lange im Voraus geplant.
Haben Sie in Worms bereits Nibelungeninszenierungen gesehen?
Die letzten beiden Aufführungen habe ich mir angeschaut – das diesjährige Stück mit dem Regisseur Roger Vontobel, mit dem ich befreundet bin. Und das Stück von 2023 unter der Regie von Pınar Karabulut, die ich auch kenne.
Das Theater ist wirklich ein kleiner Kosmos, jeder kennt sich. Und haben Sie schon einmal einen Schimmelpfennig inszeniert?
Nein, es ist für mich das erste Mal. Natürlich kenne ich seine Stücke, etwa den Goldenen Drachen. Ein fantastisches Werk, das ich am Schauspiel Hannover gesehen habe. Ich mag die Art sehr, wie Schimmelpfennig schreibt. Er ist ein Geschichtenerzähler wie ich. Seine Worte tragen auf einer großen Bühne und sind komponiert wie ein Musikstück. Sie haben die Energie eines Rockkonzerts.
Jede Inszenierung hat ein besonderes Alleinstellungsmerkmal. Ich erinnere mich an die spektakulären Wasserspiele vor zwei Jahren. Und in diesem Sommer war die Bühne ein blutiger und schlammiger Kampfschauplatz. Was können wir 2025 erwarten?
Ich kann es tatsächlich noch nicht verraten, weil wir die Ideen erst in den nächsten Monaten entwickeln. Es gibt zwei Dinge, die mein Herz höher schlagen lassen: Das ist unser Autor und sein Text. Und es werden die Spieler und Spielerinnen sein.
Sind die schon nominiert?
Die Auswahl ist noch nicht fertig. Aber ich habe natürlich Wünsche für die Besetzung. Wir sind gerade bemüht, die Akteure an Bord zu holen. Das heißt aber nicht, dass sie allen bekannt sind. Es sind Leute, mit denen ich gern arbeite, es sind auch ein paar Schauspieler dabei, die einen größeren Ruf haben.
Wie ist der Fahrplan für die Probenarbeit?
Die Bühnenbearbeitung wird bald fertig sein. Roland Schimmelpfennig schreibt wahnsinnig schnell.
Wie denn, das Stück hat er doch längst geschrieben?
Man geht den Text viele Male durch und passt ihn an. Die erste Fassung hat er bereits im März geschickt. Wir unterhalten uns gerade inhaltlich – Laue, Schimmelpfennig und ich. Zum Beispiel über den Drachen, der die Natur verkörpert. Mit der Frage, wie sich der Mensch zu ihr verhält. Wie der Mensch etwas, was er nicht gänzlich versteht, zerstört. Was er ersehnt und sich zugleich davor fürchtet. Ich bespreche alles mit meinem Team, der Bühnenbildnerin Andrea Wagner, der Kostümbildnerin Maria Anderski und dem Komponisten Sandro Tajouri. Ich bezeichne das Team als meine Wahlverwandten, mit ihm arbeite ich seit vielen Jahren zusammen.
Sie haben ein Händchen für junges Publikum, 2013 wurden Sie als jüngste Preisträgerin für ihre Inszenierung „Über Jungs“ mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ in der Kategorie beste Regie im Kinder- und Jugendtheater ausgezeichnet. Haben Sie Ideen in diese Richtung?
Ich unterscheide nicht zwischen Theater für jugendliches und für erwachsenes Publikum. Theater ist Theater. Die Ideen, die kommen, passen für jedes Alter.
Wie arbeiten Sie mit den Darstellern zusammen? In der Fachzeitschrift „Die deutsche Bühne“ habe ich gelesen, dass Sie als teamorientierte Regisseurin bekannt sind und die Textfassungen der Stücke von den Schauspielern überprüfen und ändern lassen.
Zuvor muss ich erklären, dass ich zumeist Romane inszeniere. Eine Ausnahme waren die Theaterstücke der Dramatiker Lutz Hübner, Sarah Nemitz und Jonas Hassen Khemiri aus Schweden. Sodass das Werk von Schimmelpfennig, das er speziell für die Bühne verfasst hat – mit Akten, Szenen und Auftritten – für mich ein Stück weit Neuland ist. Bei den Romanen mache ich zunächst eine Bühnenfassung und lade dann die Spieler ein, daran zu arbeiten. Generell gilt für meine Arbeiten: Nichts geschieht ohne die Mitwirkung der Personen, die mitspielen. Daher wird auch „See aus Asche“ deren Gedanken und Atem tragen müssen.
Und ich habe gelesen, Sie seien Expertin für bittersüße Gefühle. In ihren Arbeiten würden Lachen und Weinen dicht beieinander liegen. Können wir solch einen Cocktail an Emotionen auch in Worms erwarten?
Ja. Der Mensch trägt beide Extreme zugleich in sich. Und der Text trägt sie absolut. Dieses Bittersüße liegt vielleicht auch in meinen iranischen Wurzeln. Die Iraner sind ein lustiges Völkchen. Zugleich leiden sie seit sehr vielen Jahren.
Ich habe gezählt, dass die Regie bei den bislang 22 Nibelungen-Festspielen 17 Mal in Männerhand lag. Es gab nur fünf Stücke, bei denen Frauen die Regie führten. Ist Regie noch immer eine Männerdomäne? Und wie schwer ist es hier für Frauen mit Migrationsgeschichte Fuß zu fassen?
Was ist denn bitte keine Männerdomäne? Aber wir sind dran. Das Theater ist weltoffener geworden. Durch die Arbeit aller Kolleginnen und Kollegen. Es ist generell schwer, Regie zu führen. Da einen Fuß in die Tür zu kriegen. Mir ist das nicht aufgrund meiner Herkunft schwerer oder leichter gefallen. Das ist nun mal etwas, was ich in mir herumtrage.
Zur Person
Die deutsch-iranische Theaterregisseurin Mina Salehpour kam mit neun Jahren nach Deutschland. Ihre Jugend verbrachte sie im oberfränkischen Forchheim. Ihre Theaterkarriere begann Salehpour als Regiehospitantin und Regieassistentin am Schauspiel Frankfurt. Sie ist seit 2011 freischaffende Theaterregisseurin. Und arbeitet an großen deutschsprachigen Bühnen wie dem Wiener Burgtheater und dem Schauspiel Köln sowie im europäischen Ausland, etwa in Schweden und Norwegen. Zahlreiche ihrer Arbeiten wurden zu internationalen Theaterfestivals etwa nach Bulgarien, Indien und Brasilien eingeladen.