Frankenthal
Interview mit Baumfachmann: Warum hat es die Linde umgehauen?
Herr Pietzuch, zwei Bäume stürzen innerhalb weniger Monate auf einer vergleichsweise kleinen Fläche um – zumindest für Laien ohne erkennbaren Grund. Was vermutet der Experte?
Bei der ersten Linde, die im Dezember in der Philipp-Perron-Straße umgefallen ist, war ich nicht involviert. Mutmaßlich war ein Pilzbefall im Wurzelstock die Ursache. Ich wusste von diesem Fall, als ich die übrigen Bäume in dieser Anlage im Januar visuell kontrolliert habe. Und bei der Linde, die bei dem Sturm vergangene Woche umgerissen wurde, habe ich den Brandkrustenpilz vorgefunden. Leider ist der Baum umgefallen, bevor eine von der Stadt mit der Fällung beauftragte Firma tätig werden konnte.
Sie haben den Brandkrustenpilz als Verursacher bestimmt. Was richtet der Befall an den Bäumen an?
Dafür muss ich grundsätzlich etwas über den Aufbau des Holzes erklären: Das Holz besteht aus Zellulose als elastischer Komponente und Lignin für die Druckfestigkeit. Der Brandkrustenpilz greift nur die Elastizität des Baumes an, der sich über wenige Wurzeln weiterversorgen kann. Man sieht es den betroffenen Gehölzen auf den ersten Blick also nicht an, dass sie umsturz- und bruchgefährdet sind. Erkennbar ist jetzt nach der Blattentfaltung im Frühjahr an der umgefallenen Linde, dass ihr Laub wesentlich kleiner entwickelt ist als bei gesunden Exemplaren.
Das Tückische ist also, dass Probleme mit diesem Schädling schwer erkennbar sind. Wie „funktioniert“ der Pilz?
Der Pilz arbeitet sich sozusagen von der Wurzel zum Stammansatz nach oben und wird dann erst in Form von Fruchtkörpern am Übergang zur Erde sichtbar. Diese schwarzen Fruchtkörper sind mit einem Durchmesser von etwa einem Zentimeter relativ klein und entsprechend schwer zu erkennen. Wenn sie zu sehen sind, dann hat schon eine ganze Weile der Kampf Baum gegen Pilz getobt. Der Baum wehrt sich, ersetzt Nährstoffe in seinen Zellen durch Hemmstoffe. Letztlich ist der Pilz stärker. Der Brandkrustenpilz ist auch nicht wählerisch: Er befällt neben der Linde alle heimischen Baumarten und exotische Nutzpflanzen wie Kakao und Kaffee.
Welche Möglichkeiten der Vorbeugung gibt es?
Im Grunde keine außer das Vermeiden von Verletzungen an der Wurzel. Das Risiko dafür ist natürlich in der Stadt etwa bei Tiefbauarbeiten größer. Der Pilz kann über Wurzelkontakt, den die Bäume in einer für Gartenstadt-Siedlungen typischen Anordnung wie im Heßheimer Viertel zwangsläufig haben, übertragen werden. Wie schnell er fortschreitet, hängt vom allgemeinen Gesundheitszustand des Baumes ab. Ein gesunder Baum widersetzt sich länger. Das kann unter Umständen Jahre dauern.
Wie geht’s den anderen Bäumen in der Philipp-Perron-Straße?
Ich habe sie alle vergangene Woche untersucht und muss die Ergebnisse der Bohrwiderstandsmessungen noch auswerten. Aber auch ohne diese Werte lege ich mich fest: Ich kann ausschließen, dass derzeit dort noch ein Baum steht, der so geschädigt ist wie derjenige, der vom Wind umgerissen wurde. Mithilfe der erwähnten Messungen kann ich ermitteln, ob der Stamm oder der Wurzelstock versprödetes Holz enthält, das unter Belastung leicht bricht.
Allgemein gefragt: Sind derlei Phänomene die Folge anhaltender Trockenheit und Hitze im Sommer?
Ganz gewiss spielt auch die Trockenheit der zurückliegenden Jahre eine Rolle. Darunter haben die Bäume sehr gelitten. Selbst 2021, als gefühlt relativ viel Niederschlag gefallen ist, haben in Frankenthal 20 Prozent zur durchschnittlichen jährlichen Regenmenge gefehlt. Es sind als Folge viele Trockenschäden entstanden, manche Bäume haben ganz abgedankt.
Sind bestimmte Standorte stärker gefährdet für Schädlings- und Pilzbefall als andere?
Straßenbäume in der Stadt haben generell das Problem, dass um sie herum wenig offener Boden zur Verfügung steht und sie meist nicht im Verbund mit anderen Pflanzen wachsen wie im Wald. Hinzu kommt der fehlende Luftaustausch und das abfließende Niederschlagswasser auf versiegelten Flächen. Unter diesen Bedingungen werden Bäume in der Stadt auch nie so alt wie auf dem Land oder in einer großen Parkanlage.
Hat der Klimawandel dafür gesorgt, dass Schädlinge sich ausbreiten, die es früher in unseren Breiten gar nicht gegeben hat?
Tatsächlich sind Baumkrankheiten aus dem Mittelmeerraum über die Burgundische Pforte zu uns in Rheingraben eingewandert, wo sie praktisch ideale Verhältnisse vorgefunden haben. Dazu zählt neben dem Cytospora-Hainbuchenkrebs auch die Massaria-Krankheit, die 2003 erstmals auch bei uns nachgewiesen wurde und beispielsweise in der Mannheimer Augustaanlage gnadenlos zugeschlagen hat. Das ist ein Pilz aus derselben Familie. Deshalb hat ein Wissenschaftler auch schon vom „Angriff der Schlauchpilze“ geschrieben.
Sind manche Baumarten schlicht nicht mehr geeignet für die sich ändernden Klimabedingungen?
Die nächsten Kandidaten sind Buchen und Hainbuchen. Die Buche ist in jedem Fall kein Zukunftsbaum mehr. Es gibt unter Wissenschaftlern unterschiedliche Strömungen. Manche schielen bei der Suche nach widerstandsfähigen Arten beispielsweise auf die Kaukasus-Region. Ich persönlich würde in Parks wieder vermehrt auf tiefwurzelnde Eichen setzen. Ein Baum der recht gut mit Trockenheit zurechtkommt, ist auch die Kastanie. Recht gute Erfahrungen habe ich mit dem Geweihbaum, Amberbaum und Zürgelbaum gemacht. Da stehen in Ludwigshafen und Frankenthal ein paar schöne Exemplare.
Welcher ist denn der Lieblingsbaum eines Baumsachverständigen?
Ich besuche immer mal wieder besondere Naturdenkmäler wie die tausendjährige Linde in Upstedt oder die Friedhofslinde in Polchow. In Frankenthal gibt es einen der größten Zürgelbäume Deutschlands und tatsächlich die einzige Allee mit dieser Baumart.
Zur Person
Der Sachse Hilmar Pietzuch (61) hat zu DDR-Zeiten seine Ausbildung als Forstfacharbeiter in Morgenröthe-Rauthenkranz absolviert. Von 1992 bis 2009 war Pietzuch als Baumpfleger bei einer Fachfirma beschäftigt und absolvierte währenddessen die Ausbildung zum Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung. „In Ostsachsen gibt es kein Naturdenkmal, an dem wir nicht gearbeitet und damit zu seinem Erhalt beigetragen haben“, erzählt er. Seit 2009 ist Pietzuch selbstständiger Baumsachverständiger. Sein Einstieg war damals in der hessischen Metropole. Seit 2012 ist er in Frankenthal allein für die regelmäßigen Kontrollen des Bestands verantwortlich.