Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Jazzpianist Roberto Di Gioia tritt mit seiner Band Web Web in Frankenthal auf

Er habe schon mit vier Jahren gewusst, dass er Berufsmusiker werden will, meint Roberto di Gioia.
Er habe schon mit vier Jahren gewusst, dass er Berufsmusiker werden will, meint Roberto di Gioia.

Eigentlich sollte Roberto Di Gioia bei den Internationalen Jazztagen in Frankenthal neben dem Auftritt mit seiner Band Web Web einen Workshop geben. Der Kurs wurde wegen zu geringer Nachfrage abgesagt. Zum Jazz sei er gekommen, weil er in der klassischen Musik mit seinen Mitschülern nicht mithalten konnte, verrät der Pianist und Produzent.

Herr Di Gioia, Sie sind als Pianist und Keyboarder bekannt. Mit beidem haben sie früh angefangen. Wie kam’s?
Ich habe eine kleine Orgel geschenkt bekommen. 1969, da war ich vier Jahre alt. Die habe ich heute noch. Und im Radio lief damals gute Musik: Beatles, Cream, Jimi Hendrix – dazu hab’ ich gespielt.

Das ist schon beachtlich ...
Das war nichts Großartiges, ich habe da einfach ein bisschen rumgedaddelt. Aber so hat es angefangen. Dann habe ich eine größere Orgel bekommen, danach hatte ich Orgel- und Klavierunterricht. Freunde haben meinen Eltern gesagt: Der Junge muss auf das musische Gymnasium nach Eichstätt. Da war ich dann mit zehn auf dieser fantastischen Schule. Das war ein Paradies für mich. Jeder hat Chopin, Schubert und Mozart gespielt.

Also haben Sie eine klassische Ausbildung genossen?
Genau. Ich hatte in Eichstätt großartige Lehrer. Einer zog sich sogar an wie Mozart: mit Dreiviertel-Samthose, Gamaschen und einer Schlaufe um seinen Zopf. Eine Lehrerin war Konzertpianistin, aber ganz undogmatisch im Unterricht. Ich war aber nie ein Klassik-Crack. Mitschüler von mir sind fantastische klassische Pianisten geworden, da konnte ich nicht mithalten. Also musste ich mir etwas anderes überlegen: Jazz. Das konnte dort niemand.

Mit Jazz konnten Sie etwas Besonderes sein, in der Klassik nicht?
Ja. Ein Mitschüler hat mir Platten von Coltrane und vom Modern Jazz Quartett vorgespielt. Da habe ich mich dann reingefuchst. Ich ließ mir Jazzakkorde von einem Jazzbassisten an der Schule zeigen und führte ein Notentagebuch. Ich habe ausprobiert, welche Tonleitern zu welchen Akkorden passen und habe mir das aufgeschrieben. Dann kamen die ersten Jazzstandards. Gegenüber von der Schule war ein Musikclub, der Peterskeller, wo es Jam Sessions gab.

Wie alt waren Sie da?
Ich war 13. In der Schule haben sie mich irgendwann gefragt, ob ich nicht bei den Sessions mitmachen könnte. Und dann kam das Real Book.

Die Sammlung von aufgeschriebenen Standards, die unter der Hand weitergegeben wurden?
Ja, handgelochte Blätter, voller Fehler. Aber das war erst mal die Bibel. Und da habe ich dann bis zum Abitur jeden Sonntag in der Session gespielt. Später stand ich in München mit den Großen der Szene auf der Bühne. Im Peterskeller habe ich dann aufgehört, weil ich nun ja mit den Cats in München gespielt habe.

Sie hielten sich für was Besseres?
(Stöhnt) Ja, und das tut mir heute noch weh, wenn ich daran denke. Wie blöd das war ...

Wie ging es in München weiter?
Der Posaunist und Pianist Hermann Breuer hat mir Tipps gegeben. Später kam ich mit Klaus Doldinger zusammen, das war natürlich Wahnsinn. Auch mit Wolfgang Haffner habe ich viel gespielt. Und mit den ganzen Amerikanern, die nach Europa gekommen sind: Sonny Griffin, James Moody, Art Farmer, Woody Shaw.

Das klingt, als seien Sie da ganz natürlich hineingewachsen?
Ja, das war auch so.

Ab wann konnten Sie absehen, dass Sie Berufsmusiker werden?
Mit vier. (lacht) Irgendwie war das von Anfang an klar. Einmal, mit 16, hatte ich eine Fingerverletzung. Da dachte ich, ich müsste doch Maler werden und habe gemalt wie blöd.

Sie sind musikalisch breit aufgestellt und spielen mit ganz verschiedenen Leuten. Ist das ein Netzwerk, von dem man nur das richtige Ende erwischen muss, um immer weiterzukommen?
Vor allem das Zusammenspiel mit den Amerikanern war ein Türöffner. Ehrlich gesagt verstehe ich das bis heute nicht. Ich war nicht gut, war verkrampft. Aber es war das Paradies! Mit Art Farmer eine Woche in Wien, da war ich 21 und eigentlich so schlecht. Aber so habe ich die „Absolution“ erhalten, und das hat unter anderem Klaus Doldinger mitbekommen. Mehr als 17 Jahre lang habe ich bei ihm in der Band gespielt. Danach wollte ich mich selbstständiger machen. Über Till Brönner lernte ich Max Herre kennen.

Was raten Sie angehenden Jazzern?
Lernt einen gescheiten Beruf! Das meine ich gar nicht despektierlich. Zu meiner Zeit gab es wenig Jazzer und viele Clubs. Heute ist es umgekehrt: Es gibt viel weniger Jobs, und die Konkurrenz ist viel größer. Viele Künstler, Schriftsteller, Musiker hatten ordentliche Berufe oder in seltenen Fällen eine Festanstellung. Wenn man um jeden Preis mit Musik Geld verdienen muss, macht es keinen Spaß. Man spielt in schlechten Bands und kommt musikalisch nicht weiter.

Im Workshop in Frankenthal wollten Sie Dinge erzählen, die man an der Hochschule nicht lernt. Was denn zum Beispiel?
Zu meinen Erfahrungen gehören auch Fehler, die ich gemacht habe. Ich hatte zum Beispiel mal einen Gig mit Nils Landgren. Als ich hinkam, standen alle im Smoking da – nur ich trug zerrissene Jeans und Cowboystiefel.

Was erwartet die Zuhörer beim Konzert mit Ihrer Band im Gleis 4?
Wenn ich das wüsste. (lacht) Auf jeden Fall sehr ehrliche Musik, nicht gekünstelt und geschmäcklerisch. Wir schalten den Kopf aus. Für die Musik, die dann entsteht, haben wir schon großes Lob bekommen. Aber mich selbst zu loben, ist furchtbar. Und über Musik zu reden, ist wie über den Geschmack von Essen zu reden: Man muss selbst probieren, um zu wissen, wie etwas genau schmeckt. Also kommt her! Ich bin sicher, es wird niemand enttäuscht werden.

Interview: Gereon Hoffmann

Termin

Konzert mit Web Web am Samstag, 14. März, 20 Uhr, im Kulturzentrum Gleis 4, Johann-Klein-Straße 22, im Rahmen der Internationalen Jazztage Frankenthal. Weitere Informationen zum Festivalprogramm gibt es im Netz unter www.jazztage.net.

Zur Person

Jazzpianist Roberto Di Gioia hat schon in jungen Jahren mit den ganz Großen gespielt. Er war lange festes Mitglied in Klaus Doldingers Band Passport, spielte mit Udo Lindenberg, Helge Schneider, Till Brönner und Albert Mangelsdorff. Di Gioia wurde 1965 in Mailand geboren und ist in Bayern aufgewachsen. Neben seiner Arbeit als Pianist komponiert und produziert er auch. Unter anderem arbeitet er mit Max Herre, Max Mutzke und Joy Denalane. Seit 2017 leitet er sein eigenes Projekt namens Web Web. Weitere Bandmitglieder sind Tony Lakatos (Saxofon), Christian von Kaphengst (Bass) und Peter Gall (Drums).

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