Frankenthal Herzblut hängt an Sattlerei

Bernhard Hall an der Nähmaschine in seiner Gönnheimer Werkstatt. Hier entstehen Autositze oder Sonnensegel.
Bernhard Hall an der Nähmaschine in seiner Gönnheimer Werkstatt. Hier entstehen Autositze oder Sonnensegel.

«Gönnheim.» Bernhard Hall ist ein Tausendsassa. Er ist Autosattler und hat damit einen recht seltenen Beruf. Noch ungewöhnlicher ist sein Werdegang und die Kombination seiner Ausbildungen: Kfz-Mechaniker, Schreiner und Sattler hat er gelernt und kombiniert die drei Berufe in seiner Werkstatt in Gönnheim.

„Mein Plan war, nach der Lehre als Kfz-Mechaniker ein Leben lang in der Werkstatt zu schrauben“, erzählt Hall. Doch es kam anders, als er nach der Ausbildung nicht übernommen wurde. Es folgte eine Lehre zum Schreiner, doch auch hier fand er keine Anstellung. Da er damals schon alte Autos kaufte und restaurierte, musste er auch reparaturbedürftige Autositze zum Sattler bringen. So keimte in ihm der Wunsch, dieses Handwerk zu erlernen. Es folgte in Heidelberg eine dritte Ausbildung, die Hall mit Auszeichnung abschloss. „Rückblickend waren die Kfz- und die Schreinerlehre nur Grundlagen für das, was ich heute mache. Das Herzblut hängt an der Sattlerei“, erzählt der gebürtige Odenwälder. Seit 22 Jahren lebt der 53-Jährige mit seiner Familie in Gönnheim. Restaurierte Autos und Motorräder im Eingangsbereich seiner Sattlerwerkstatt verweisen auf die Leidenschaft für alte Fahrzeuge. Handwerkliches Zentrum ist die Nähmaschine, wo Leder- und Stoffteile, Planen, Sitze oder Sonnensegel zusammengefügt werden. Als Autosattler näht und bezieht er Autositze, fertigt Anhängerplanen, repariert Cabrioverdecke. Seine besondere Aufmerksamkeit widmet er auch Motorradsitzbänken, die er für den Fahrer anpasst. Schon ein kurzer Blick auf Fahrer und Fahrzeug genüge ihm, um zu sehen, ob der Fahrer bequem und sicher sitzt. Hauptsaison seien die ersten sonnigen Tage, wenn die Kunden ihre Cabrios und Motorräder noch „kurz vor knapp“ repariert haben wollen, so Hall. Aktuell wartet ein VW Käfer, Baujahr 1981, auf einen neu gestalteten Innenraum. Dafür muss der Autosattler auch wissen, wie die Autos im Laufe der Jahrzehnte gestaltet wurden und wie sich die Autokultur entwickelt hat. Alle Stücke aus seiner Werkstatt sind Einzelanfertigungen. Hall sieht seinen Handwerksbetrieb als Manufaktur und möchte eine solche bleiben. Genau damit grenzt er sich von Internetangeboten ab. Individuelle Motorradsitzbänke gibt es eben nicht von der Stange. Schon mehrfach hat der Autosattler ausgebildet. Autosattler werden fast ausschließlich in kleineren Werkstätten ausgebildet, wo die ganze Bandbreite des Berufs erlernt werden kann. Anschließend wechseln viele Absolventen in die Industrie, etwa zu Autozubehörherstellern. Dort werde zwar Fließbandarbeit verrichtet, die Arbeit aber besser bezahlt, weiß Hall. Im Frühjahr verbringt er viel Zeit auf Fachmessen über Autos und Motorräder, die er als Fortbildung und zum Aufbau seines Netzwerks nutzt. Manchmal findet er dort einzigartige Schätze wie alte Radkappen. „Diese Messen sind ein Einkaufsparadies für Männer“, schwärmt Hall. Die Radkappen dienen zur Restauration alter Autos. Doch Tüftler Hall hat eine weitere Verwendung gefunden: Er baut daraus Handtaschen. Sie würden von Männern für Damen gekauft – und die Männer freuten sich, wenn sie die Tasche auch mal tragen dürften.

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