Mannheim
Helmut Orpel legt mit „Die Kinder der Via Gluck“ einen neuen Kunstkrimi vor
Der Titel könnte zunächst in die Irre führen. Verweist er doch auf den frühen Hit „Il ragazzo della Via Gluck“ von Adriano Celentano, der in der Mailänder Via Cristoforo Gluck aufgewachsen ist. In genau jene Straße führt auch der Roman, dem als Motto ein Zitat aus dem Song vorangestellt ist. „Früher war hier eine blühende Wiese, an dieser Stelle ist jetzt eine kalte Stadt. Und was wurde aus dem Haus im schattigen Grünen, das uns einst so viel gegeben hat?“, übersetzt Orpel die ausgesuchten Zeilen. Ist das also ein Buch, das von den Jugendjahren des mittlerweile 86-jährigen italienischen Entertainers, Musikers und Schauspielers Adriano Celentano („Azzurro“) erzählt? Ein Musikkrimi anstelle eines Kunstkrimis vielleicht?
Nein, lässt sich sagen. Die Bildende Kunst und ihre reiche Geschichte bleiben die beständigen Motive in Orpels Romanen. Ihre dichte Einbindung in die Story samt nie belehrend wirkender Beschreibungen einzelner Arbeiten machen gerade deren besonderen Reiz aus. Celentano oder überhaupt Musik spielen in „Die Kinder der Via Gluck“ keine nennenswerte Rolle. Mailand bleibt auch der nicht der einzige Schauplatz des gekonnt und unterhaltsam erzählten Romans, der entlang seiner Hauptfigur, eines Österreichers namens Jakob Blumberg, zudem nach Frankfurt und München, Innsbruck, Venedig, in die Toskana, ins Karwendelgebirge oder ins alte Jugoslawien führt.
Im Porsche nach Italien
Zu der Zeit, in der der Roman spielt, die aber nie genau benannt wird, sondern sich nur allmählich erschließen lässt, bestand der sozialistische Vielvölkerstaat noch. Es müssten die 1970er Jahre sein, in denen Jakob Blumberg, ein Marketing Manager, seinen Job verliert und sich glücklos in der Liebe und in angespannter Finanzlage – aber im Porsche! – nach Tirol aufmacht und in Mailand ankommt. In der Via Gluck befindet sich hier das Lager eines befreundeten Wein- und Kunsthändlers. „Ein großer Warenbestand!“ wie Blumberg anerkennend feststellt: Fässer voller Wein, barocke Bilder in Florentiner Rahmen, Stillleben, Porträts und toskanische Landschaften. Und daneben die Werkstatt von Claudio, der sich aufs Fälschen und Kopieren versteht.
Die Frage der Urheberschaft wird im Roman immer wieder verhandelt, ohne dass sie übermäßigen Raum einnähme. Wie viele Werke befinden sich in den Sammlungen und Museen, die nicht aus der Hand von Tintoretto, Rubens oder Dalí stammen, sondern „nur“ aus ihrer Werkstatt? „Höchstens die Polaroids von den Prominenten, die in seiner Factory in Siebdrucke verwandelt wurden, stammten von Warhol persönlich“, heißt es an einer Stelle und: „Picasso hat doch nicht selbst die Metallplatten geätzt und an der Radierpresse gestanden.“
Auf sein Debüt ließ Orpel mittlerweile acht Romane folgen
„Die Kinder der Via Gluck“ greift dabei Spuren auf, die bereits Orpels Debüt „Von surrealistischen und anderen Engeln“ legte. Der 1998 veröffentlichte Roman kombinierte eine Reportage über Kunstfälschungen mit einer Krimi-Handlung, die die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion unbestimmt ließ, und auch schon „Il Mostro di Firenze“, die „Bestie von Florenz“, einen nie gefassten Serienmörder aus den 1970er Jahren, thematisierte, die zumindest am Rande im neuen Roman wieder auftaucht. Wie bereits in seinem Erstlingswerk ist es auch vor allem hier die Faszination der Kunst, die Kenntnis der toskanischen Landschaft und das Interesse an der Geschichte Italiens, dem der Autor befähigt folgt.
Auf sein Debüt ließ der 1955 geborene Grünstadter, der heute in Mannheim zu Hause ist, mittlerweile acht Romane folgen, die überwiegend in regionalen Verlagen erschienen sind. Daneben hat der in Heidelberg studierte Kunsthistoriker, der in den 1990er Jahren im Gemeinderat der Quadratestadt saß und bis 2014 Vorsitzender der Literaturvereinigung „Die Räuber '77“ war, zahlreiche Katalogbeiträge, Fach- und Sachbücher zur Bildenden Kunst verfasst. Am bekanntesten unter seinen Werken dürfte sein Kunstkrimi-Vierteiler um den fiktiven Wormser Museumsdirektor Oliver Treschko sein, die spannend sowohl nach Italien und Kroatien als auch, in „Der König von Burgund“, in den Schwetzinger Schlossgarten führte. Ein ausgesprochener Kunstkrimi, wie die Bücher der Treschko-Reihe, ist „Die Kinder der Via Gluck“ zwar nicht, dennoch schleichen sich auch hier ganz allmählich aufzuklärende Strafsachen in die Story.
Lesezeichen
Helmut Orpel: Die Kinder der Via Gluck. Kontrast-Verlag, 200 Seiten, 16,90 Euro.