Serie „Sportlexikon“
Handball: Erste, zweite und dritte Welle
„Man denkt da immer, da kommt jetzt das Große, Brutale“, sagt Thorsten Koch. Doch der Trainer der Oberligahandballer der HSG Eckbachtal lacht auch gleich. Natürlich geht es beim Handball nicht martialisch zu. Gemeint sind mit den Wellen viel mehr bestimmte Spielsituationen.
Die erste Welle sei bei vielen Spielen mitentscheidend. Von dieser spricht man, wenn eine Mannschaft, die eben noch in der Verteidigung war, durch einen Ballgewinn zu einem Tempogegenstoß kommt. „In der Regel stößt einer der Außenspieler schnell nach vorne, von der Abwehr in den Angriff“, erklärt Thorsten Koch.
Abwehr leistet mit Ballgewinn Vorarbeit
Die Vorarbeit mit dem Ballgewinn leistet die Abwehr. Oder der Torwart mit einer Parade. Dieser müsse dann hellwach sein, betont Thorsten Koch. „Der Keeper kann sich nicht lange feiern lassen. Er muss direkt umschalten und den Ball sauber nach vorne spielen. Und das ist nicht so einfach, wie es im Fernsehen immer aussieht. Der Pass muss sitzen.“ Damit der sitzt, stehen diese Gegenstöße auch regelmäßig auf dem Trainingsplan der HSG Eckbachtal. Alternativ gibt es laut Koch auch Zielübungen für die Torleute.
Gelingt das Zuspiel, steht am Ende der ersten Welle häufig ein spektakuläres und vor allem schnelles Tor, das der Mannschaft, die es erzielt hat, Auftrieb gibt. „Entscheidend ist ein gutes Timing. Man denkt immer, das ist so einfach. Da bekommt einfach einer den Ball und rennt los. Aber der Spieler, der nach vorne geht, darf nicht zu früh, aber auch nicht zu spät starten“, sagt Thorsten Koch. Wenn der Spielzug richtig ausgeführt wird, komme es dann zu Zweikämpfen in höchstem Tempo. „Und zu schnellen und attraktiven Toren“, ergänzt der Übungsleiter. Am Ende stehe in der Regel das Duell Angreifer gegen Torhüter. „Der Torwart kann mit einer spektakulären Parade zum Held werden“, sagt Koch.
Timing und Schnelligkeit
Ein gutes Timing und die entsprechende Schnelligkeit – diese beiden Eigenschaften bringe Nationalspieler Timo Kastening (MT Melsungen) mit. Bei der HSG habe sich in der jüngeren Vergangenheit vor allem Timo Kluzik hervorgetan. „Er hat eine irre Beschleunigung, kommt am schnellsten hinten raus. Und man kann ihn auch hoch anspielen“, erläutert Koch. Sein Timing müsse allerdings noch etwas besser werden. „Das bekommt er noch hin“, ist sich der Coach sicher. Und dann sei das eine richtige Waffe im Spiel der HSG.
„Eine gute erste Welle gehört mittlerweile zum Standardrepertoire. Auf internationaler Ebene hat die jede Mannschaft drauf“, sagt Thorsten Koch. Denn: „Schnelle und einfache Tore tun dem Gegner weh. Und man zeigt dem Gegner auch dessen Schwächen auf.“ Auch in der Oberliga müssten das die Teams drauf haben, betont der Übungsleiter.
Kein „Rocky-Balboa-Gedächtnisschritt“
Für die Mannschaft, die den Ball abgegeben hat, heißt es da: So schnell wie möglich zurück. „Bei uns soll immer das gesamte Team zurück in die Abwehr“, erläutert Thorsten Koch. Da habe man in der Vergangenheit ein paar Probleme gehabt, gesteht er. Was hauptsächlich daran gelegen habe, dass einige Spieler im „Rocky-Balboa-Gedächtnisschritt“ auf Zehenspitzen rückwärts zurückgelaufen wären. „Das sieht cool aus, ist aber nicht effektiv. Da muss man im Vollsprint zurück“, fordert Koch.
Klappt das mit dem Vollsprint zurück an den zu verteidigenden Schusskreis, und kann der Gegner damit wirklich in seinen Angriffsbemühungen eingebremst werden, so hat die attackierende Mannschaft immer noch die Chance, mit der zweiten Welle zum Erfolg zu kommen. „Der Gegner hat dann gut verteidigt. Und trotzdem ist es sinnvoll, die zweite Welle hinterherzuschicken“, betont Thorsten Koch.
Konfusion ausnutzen
Denn: „Die Abwehr ist zwar zurück, hat sich aber noch nicht formiert“, weiß der Übungsleiter. Mit einem schnellen, druckvollen Ball aus dem Rückraum könne man diese Konfusion noch ausnutzen. Und eine Eins-gegen-eins-Situation bei vollem Lauf sei nur schwer zu verteidigen.
Deshalb forciere er die zweite Welle auch im Training, sagt Thorsten Koch. „Es ist ein probates Mittel, um einfache Tore zu erzielen“, sagt der Coach. Vor allem Maximilian Schreiber sei dabei schwer zu verteidigen, weil er eine enorme Dynamik habe.
Zweite Welle psychologisch wichtig
Und auch aus psychologischer Sicht sei ein erfolgreicher Abschluss der zweiten Welle nicht zu unterschätzen, gibt Koch zu bedenken. „Die gesamte Abwehr musste zurück und konnte das Gegentor trotzdem nicht verhindern. Der Angriff kann sich andererseits daran hochziehen und pushen.“
Geht auch mit der zweiten Welle nichts mehr, dann kommt die dritte Welle. Allerdings schwappt da nicht direkt etwas über den Gegner herein. „Das ist der geordnete Positionsangriff“, erläutert Thorsten Koch. Heißt: Sowohl die Abwehr als auch der Angriff haben sich jeweils formiert. Und in der Regel sagt dann der Spielmacher – bei der HSG Eckbachtal ist das Kapitän Michael Betz – den Spielzug an. Schöne Tore fallen aber auch aus diesen Situationen heraus.