Frankenthal
Groß, größer, am größten – ein Hochhaus wächst
Laut Pressestelle der Stadtverwaltung rangiert das Hochhaus im Carl-Bosch-Ring mit knapp 60 Metern Höhe gleich nach dem zehn Zentimeter größeren Hochhaus in der Lucas-Cranach-Straße. Das dritthöchste Gebäude Frankenthals befindet sich mit rund 50 Metern am Strandbad. Detaillierte Höhenangaben und Hausnummern seien zum Schutz der Hauseigentümer nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, heißt es aus dem Rathaus.
Infolge der energetischen Modernisierung, wie die BASF Bauen und Wohnen als Eigentümerin die Arbeiten beschreibt, wird das Hochhaus im Südwesten der Stadt zum höchsten Gebäude Frankenthals werden. Es wird rundum eingehüllt, auf Außenfassade, Dach und Kellerdecke soll ein Wärmedämmverbundsystem gepackt werden. „Ein Sandwich aus mehreren Baustoffen“, erklärt Architektin Claudia Harnisch, die das Projekt leitet.
Zusätzlich verdübelt
Zunächst wird die Isolationsschicht angeklebt und verdübelt: 14 Zentimeter dicke Mineralwolle. Für das Großprojekt hat das Unternehmen 5000 Quadratmeter dieses Werkstoffs geordert – was fast der Spielfläche im Stadion auf dem Betze entspricht. Harnisch betont, dass die Dämmung keinerlei Brandrisiko darstellt: „Das gesamte Hochhaus ist ein einziger Brandriegel dank nicht brennbarer Mineralwolle, da kann sich kein Feuer verbreiten.“
Dass die Platten an der Fassade nicht nur angeklebt, sondern zusätzlich mit Dübeln befestigt werden, hat mit der Höhe des Gebäudes zu tun. „Bei einem Hochhaus wird der Wind mit zunehmender Höhe stärker. In einer Dübel-Statik wurde die Befestigung der Fassadendämmung genau berechnet. Dabei wird die Windlast angesetzt und die Anzahl der Dübel berechnet. Sie ist nicht überall gleich“, so Harnisch. Es gebe Stellen am Hochhaus, wo der Wind stärker ist und es Verwirbelungen gibt. Dort müssten Dämmplatten häufiger verdübelt werden.
Auf die Mineralwolle folgt eine Armierungsschicht, eine Masse mit integriertem Gitter, die die Oberfläche hart, glatt und stabil macht. Zum Schluss kommt der Außenputz plus ein neuer Farbanstrich. Welche Farbe das bislang hellgelbe Hochhaus mit roten Balkonen bekommt, ist noch offen. Klar ist: „Wir werden uns für eine moderne und frische Farbe entscheiden.“
11.200 Meter Stützen
Doch bis zum finalen Pinselstrich dauert es: Seit Mitte Juni sind die Gerüstbauer dabei, die Stangen bis zur 20. Etage hochzuziehen. Für die RHEINPFALZ hat Harnisch die Gesamtlänge aller Elemente des 28 Stockwerke hohen Baugerüsts überschlagen: „Da kommt einiges an Material zusammen – 11.200 Meter Stützen und 4500 Meter Gerüstböden.“ Würde man die Einzelteile hintereinanderlegen, ergebe das knapp 16 Kilometer, was ungefähr der Strecke nach Worms entspricht.
Damit die Handwerker in großer Höhe sicher arbeiten können, gibt es Absturzsicherungen – Barrieren, Bügel und Barrieren. Bei den Dacharbeiten an der Kante nutzen die Dachdecker zudem Sekuranten – stabile Einzelanschlagpunkte, an denen sie sich anseilen. Um die gesamte Konstruktion kommt abschließend ein Sicherheitsnetz, das auch etwas Sonnenschutz bietet. Wenn das Gerüst steht, wird es von einem Sachverständigen der Gerüstbau-Firma abgenommen.
Folie an den Fenstern
Auch an die körperlichen Bedürfnisse der 40 Handwerker, allesamt männlich, ist gedacht. Der Weg zur nächsten Toilette darf gemäß den Vorschriften nicht länger als 100 Meter sein. Dafür werden leerstehende Wohnungen mit Hygienestationen genutzt, in denen sich die Arbeiter auch duschen können. Die Transportwege für das Baumaterial und die Arbeitswege der Handwerker führen über Außenaufzüge sowie in das Gerüst integrierte Treppentürme. Um die Privatsphäre der Bewohner zu wahren, werden die Fenster mit Schutzfolie beklebt.
Die Dämmarbeiten beginnen mit dem größten und aufwendigsten Abschnitt: der Fassade. Es folgen Dach und Kellerdecke. Bis zum Jahr 2072 soll der Kälte- und Wärmeschutz halten, so Harnisch. „Wenn man alle Komponenten berücksichtigt, ist mit einer Haltbarkeit von 40 bis 50 Jahren zu rechnen.“ Bei den Hitzewellen des Klimawandels ist eine Dämmung nicht zu verachten: Drei bis fünf Grad kühler wird es im Sommer nach der Dämmung in den Wohnungen sein, schätzt Harnisch. „Aber das ist nur ganz grob geschätzt und hängt vom Verhalten der Bewohner ab.“
Konstante Temperatur
In ungedämmtem Zustand hatte das Gebäude eine Phasenverschiebung von sechs Stunden. Der Begriff aus der Bauphysik beziffert die Zeit, in der Wärme aus der Außenwand in die Räume kriecht. „Mit Dämmung gibt es diesen Effekt nicht, und die Temperatur bleibt konstant.“ Umgekehrt reduziert die Dämmung im Winter den Wärmeverlust. In Anbetracht der sich verschärfenden Energiekrise ist die energetische Modernisierung eines Hochhauses mit etwa 80 Wohnungen eine schlaue Maßnahme. Bis zu 30 Prozent Energie können die Bewohner beim Heizen sparen, verspricht die BASF Bauen und Wohnen den Bewohnern in einem Schreiben. Nach Bauabschluss Ende dieses Jahres werde allerdings die Miete steigen.
Harnisch hat für das Pressegespräch eine verblüffende Rechnung aufgemacht, die mit Bügeleisen als Maßeinheit operiert: Bei null Grad im Freien und 20 Grad innen betrage der Wärmeverlust an der 4000 Quadratmeter großen Fassade in ungedämmtem Zustand pro Stunde 160.000 Watt. „Dafür müssten 80 Bügeleisen eine Stunde in Betrieb sein.“ Nach der Dämmung sei der Energieverlust mit 17.600 Watt pro Stunde nur noch so hoch, wie neun Bügeleisen in einer Stunde an Strom verbrauchen. „Hochgerechnet bedeutet das: Allein mit der eingesparten Energie ließen sich zirka 60 Einfamilienhäuser beheizen.“