Frankenthal Goldenes Märchen für Fuchs
Köln/Frankenthal. Die aus Frankenthal stammende Gwendolyn Fuchs (LT DSHS Köln) ist am Sonntag Deutsche U-23-Meisterin im Speerwurf geworden. Nach zwei harten Jahren hat die Athletin, die bis Ende vergangenen Jahres noch für den MTSV Beindersheim an den Start ging, jetzt plötzlich wieder goldige Aussichten.
Gestern Morgen hat Maria Ritschel angerufen. Ritschel ist Speerwurf-Bundestrainerin und hat ihre Glückwünsche überbracht. Gwendolyn Fuchs war während des Telefonats etwas aufgeregt. „Aber ich habe schon ganz gut mit ihr plaudern können.“ Der Anruf zeigt: Fuchs ist wieder im Fokus. Das war vor den nationalen Titelkämpfen in Bochum-Wattenscheid nicht unbedingt so gewesen. Das, was am Sonntagnachmittag in Bochum-Wattenscheid passierte, war nämlich ein bisschen Gwendolyns goldenes Märchen. Fuchs, ohne große Medaillenambitionen angereist, lag bis zum sechsten Durchgang auf Rang drei und hatte vor ihrem letzten Versuch die Bronzemedaille bereits sicher. Das ging ihr kurz durch den Kopf, dann lief sie ein letztes Mal an. Und dann machte der Speer das, was man sich als Athlet immer wünscht. Er flog ziemlich, ziemlich weit. 50,65 Meter genaugenommen. „Ich wollte schon die ganze Zeit einen raushauen“, sagte Fuchs über den Traumwurf. „Ich habe schon beim Abwurf gespürt, dass der weit fliegt.“ So weit, dass sie plötzlich Erste war. Den Versuch der nächsten Konkurrentin bekam sie, von Glücksgefühlen übermannt, gar nicht mit. Ein weiteres Mal noch zittern, dann war sie deutsche Meisterin. „Ich musste erst einmal vor Freude weinen“, gesteht Fuchs. Es waren – natürlich – Tränen der Freude. Und es waren verständliche Tränen, wenn man die Leidensgeschichte der 19-Jährigen kennt. 2013 war sie, nach einem erfolgreichen Jahr, in den D/C-Kader des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) berufen worden, gehörte zu den zehn talentiertesten Speerwerferinnen Deutschlands in ihrer Altersklasse. Ziele und Träume für die kommenden Jahre waren reichlich vorhanden. Doch sie riss sich im Januar 2014 beim Skifahren das Kreuzband. „So schnell, wie es von null auf 100 gegangen war, ging es wieder von 100 auf null“, erzählt Fuchs über die harte Zeit. Anstatt sich im Idealfall für einen internationalen Einsatz zu empfehlen, ging es darum, irgendwie wieder fit zu werden, den Anschluss nicht ganz zu verlieren. Im Oktober absolvierte sie ihren ersten Wettkampf des Jahres 2014, ging mit einem positiven Erlebnis aus der Saison. Entsprechend hatte sie 2015 große Ziele. Doch irgendwie war 2015 ein ähnlich bescheidendes Jahr für Fuchs wie 2014. Sie verletzte sich zwar nicht, aber sie hatte mit den Nachwirkungen der schlimmen Verletzung zu kämpfen. Weniger körperlich, da ging es, bis auf leichte Wehwehchen im Knie. „Das Hauptproblem war der Kopf, ich hatte einfach immer die Angst, da geht im Knie wieder etwas kaputt.“ Die Folge: Die Leistungen entsprachen nicht ihren Vorstellungen, sodass sie nach einem Wettkampf meistens niedergeschlagen war. „Ich habe oft weinend dagesessen.“ An ein Karriereende dachte sie zwar nie. Aber sie war sich auch nicht sicher, wieder in die Spur zu finden. Schließlich brach sie die Saison ab. In der Pause („Die hat mir gutgetan“) folgte der Umzug nach Köln, wo Fuchs im Oktober 2015 ein Studium der Sportwissenschaften an der Deutschen Sporthochschule aufnahm. Der Weggang von zu Hause fiel ihr leichter als vermutet. „Ich hätte gedacht, dass ich mehr Heimweh habe.“ Eine neue Trainingsgruppe war schnell gefunden. Und spätestens, als sie im Mai über 48 Meter warf, war klar, dass sie aus dem Loch gekrabbelt war. Auch diese Saison hat einige Aufs und Abs zu bieten. Der erste Höhepunkt war die Teilnahme an der Junioren-Gala in Mannheim, als sie kurzzeitig von einem Start bei der U-20-WM träumte. Der zweite war der DM-Titel am Wochenende. Und der dritte Höhepunkt könnten die deutschen U-20-Meisterschaften am Wochenende sein. Mit wohl neuen Voraussetzungen. „Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mich von dem Titelgewinn beeindrucken lasse oder cool damit umgehen kann“, sagt Fuchs. Gegebenenfalls reicht es wieder, im letzten Versuch cool zu bleiben ...