Frankenthal
Geschichte der Gockelswoog: Vom roten Hahnen und den wiegefreudigen Göcklern
Vor kurzem feierte die Frankenthaler Gockelswoog, die die Bezeichnung als „ältester Stammtisch der Welt“ für sich in Anspruch nimmt, ihr 150-jähriges Bestehen. Der am 24. Januar in der RHEINPFALZ veröffentlichte Bericht über das Jubiläum lässt sich durch eine heimatgeschichtliche Betrachtung ergänzen: Denn im Mittelpunkt der Gockelswoog steht das Gründungslokal „Zum roten Hahnen“.
Die Geschichte des Gasthofs, der sich in der Speyerer Straße 54 (zwei Häuser links vom Parsevalhaus) befand, reicht weit in die Vergangenheit. Schon 1614 ist an dieser Stelle ein Gasthaus „Zum Hahnen“ belegt. Dieses konnte wohl auch nach der verheerenden Zerstörung der befestigten Stadt 1689 im Pfälzischen Erbfolgekrieg wiederbelebt werden. Denn im 18. Jahrhundert wurde sogar das gesamte Häuserquadrat („Roter Hahnenblock“) nach ihm benannt.
Ein Biersieder und Küfer aus Osthofen, Johann Simon Glaser, begründete ab 1772 mit seinen Nachkommen eine neue Brautradition als einer der damals bekannten zwölf Bierbrauer in Frankenthal. Der Braukeller der Brauerei Glaser lag gleich um die Ecke in der Ackerstraße. Gut eineinhalb Jahrhunderte war die Brauerei Glaser existent (ab 1898 nur noch als Mälzerei), bis Karl Leppla das Anwesen zu Beginn des 1. Weltkriegs für seinen Mühlenbetrieb erstand.
Gockelswaage aus der Taufe gehoben
Die zur Glaser’schen Brauerei gehörige Gastwirtschaft „Zum roten Hahnen“ in der Speyerer Straße machte von sich reden, als dort die Gockelswaage am Fastnachtsdienstag des Jahres 1875 von elf Frankenthaler Handwerksmeistern aus der Taufe gehoben wurde. Die Wirkung des „weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus geschätzten, angenehm trinkbaren und körperstärkenden Starkbieres ’Glaseria-Metis’“ (aus der RHEINPFALZ vom 9. Februar 1953) dürfte mit dazu beigetragen haben, dass das Wohltätigkeitswiegen Bestand hatte und sich als Tradition nun 150 Jahre gehalten hat.
Wohl aus der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts stammt ein interessantes Objekt, das erst unlängst nach Frankenthal in eine heimatgeschichtliche Sammlung zurückgekehrt ist: eine Wertmarke des Lokals. Solche „Münzen“ (heute würde man wohl „Chips“ sagen) aus Kupfer, Bronze oder Aluminium wurden damals von Gaststätten oder auch Fabriken als Geldersatz oder als Zuwendung, zum Beispiel an Betriebsangehörige, verausgabt. Auch vom Frankenthaler Brauhaus sowie der Zuckerfabrik sind diverse Beispiele mit verschiedenen Wertangaben (Getränke und Speisen) bekannt. Das vorliegende Objekt weist den Namen des Gastwirts („K.GLASER“) und der Gaststätte („ZUM ROTHEN HAHNEN“) auf. Die Wertangabe auf der Rückseite („EIN SCHOPPEN BIER“) umrahmt einen Gockel, der auf einer Stange sitzt, an der ein kleines Frankenthaler Wappen hängt.
Haus bis heute erhalten
Als der Frankenthaler Senat kurzfristig die Konzession für die „frühere Wirtschaft zum roten Hahn“ ablehnte, mussten die „Göckel“ ihr Stammlokal wechseln. So wurde das 50-jährige Jubiläum 1925 schon in der „Neuen Gockelsburg“ bei Wilhelm Schuff (Speyerer Str. 38) gefeiert. Im alten Lokal (jetzt: „Restauration zum Hahnen“) gab es in der Folgezeit wechselnde Pächter.
An den Fastnachtsdienstagen 1929 bis 1932 wurde dort sogar eine „Hahnenwaage“ in der „alten Gockelsburg“ betrieben, die den etablierten „Göcklern“ von 1875 Konkurrenz machte. 1940 schloss die Gastronomie und machte Ladengeschäften Platz. Das stattliche Haus überstand den Krieg ohne größere Schäden und hat sich bis heute erhalten. Auch der stolze Hahn hat überlebt; so etwa auf der Wiegekarte der Gockelswoog und als roter Wiegeorden (hier ein Beispiel aus dem Jahr 1992).