Lambsheim
Es war einmal ein Gasthaus: Wie das Wirthaus Zum Bahnhof das Dorfleben prägte
„Es war beliebt, und es herrschte immer Leben. Ich bin ganz stolz darauf, darin groß geworden zu sein“, sagt Anneliese Hegenbart, die Urenkelin von Georg Steuer III., der das Gebäude in der Bahnhofstraße 2 um 1880 errichten ließ und als Gasthaus eröffnete. Ihm folgte 1909 Sohn David als Gast- und Landwirt beziehungsweise Winzer. Großmutter Sophia Storck habe Weinberge in Dackenheim und Kirchheim mit in die Ehe gebracht, „und wir hatten Pferde, Schweine, Hühner“, erinnert sich Hegenbart.
Vor der Gastwirtschaft gab es später eine Brückenwaage, auf der unter anderem Bauern ihre beladenen Anhänger vor der Abgabe im Obst- und Gemüsegroßmarkt wiegen ließen. Hegenbart war als junge Frau für die Bedienung des Geräts zuständig. Damit verbindet sie positive Erinnerungen. „Ich hatte immer zu tun, nie Langeweile, hatte viel Kontakt und dadurch früh Menschenkenntnis gewonnen. Jeder war anders, jeden musste man anders nehmen.“ Direkt vor dem Haus, wo heute der Kerweplatz ist, erstreckte sich noch bis zum Zweiten Weltkrieg ein Weinberg der Familie. „Hier wurden dann Splittergräben als Schutz vor Fliegerangriffen gebaut. In denen tobten wir Kinder gerne herum.“
Schwere Aufgabe nach dem Krieg
Hegenbarts 1909 geborene Mutter Johanna übernahm mit ihrem Ehemann Heinrich Stähler die Landwirtschaft und die Konzession für den Ausschank von Bier, Wein, Branntwein und „nicht berauschenden Getränken“. Das Paar bekam zwei Kinder, Friedel und Anneliese, geboren 1941. An den Vater erinnert sich Hegenbart kaum. Ein Kriegskamerad hatte der Mutter den Ehering gebracht und berichtet, dass ihr Mann als russischer Kriegsgefangener auf dem Rückweg nach Deutschland an Ruhr erkrankt und in Kursk beerdigt worden sei.
Für die Mutter sei der Betrieb von Gasthof und Landwirtschaft nach dem Krieg schwer gewesen. Hegenbart erzählt, wie der ostpreußische Flüchtling Gottlieb Wenzel in der Gaststätte Zum Bahnhof Arbeit gefunden und Johanna 1949 geheiratet hat. „Wir Kinder hatten in ihm einen guten Stiefvater, er war sehr beliebt im Ort“, sagt Hegenbart. Die Gäste waren Bauern, wenn sie vom Feld kamen, und Aniliner, wenn sie von der Arbeit zurückkehrten. Es gab Feiern und Kappenabende, Vereinstreffen, und auch die Nutzer der Waage kehrten ein. Hochbetrieb herrschte zur Kerwe.
Lokale in Lambsheim florierten
Lange gab es in Lambsheim genug Bedarf an Einkehrmöglichkeiten, denn die Bevölkerung in der Pfalz war im sogenannten bayerischen Jahrhundert (1816 bis 1910) um mehr als das Doppelte auf 937.000 Einwohner gewachsen. Noch drastischer war das Bevölkerungswachstum in Ludwigshafen und dem Umland, von 5700 auf 105.000 Menschen. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es elf Lokale in Lambsheim, und alle schienen zu florieren. Anfang der 1950er-Jahre hatte das Gasthaus in der Bahnhofstraße mit der Wirtschaft am Großmarkt, betrieben von Metzger Hans Griese, noch Konkurrenz in direkter Nachbarschaft. An gleicher Stelle befindet sich heute noch ein Restaurant. Der Großmarkt machte Ende der 1980er-Jahre dicht.
Der Bruder habe das Gasthaus nicht übernehmen wollen, sagt Anneliese Hegenbart. Nach dem Tod der Eltern 1980 kaufte den Gebäudekomplex Hanna Grieshaber. Die 1984 erteilte Konzession lautete auf das Lokal Silberdistel. „Scheune und Stallungen wurden abgerissen“, weiß Hegenbart, „dort und über dem großen Saal entstanden Fremdenzimmer“. Ende der 1990er-Jahre schloss auch die Silberdistel ihre Türen für immer. Eigentümer ist mittlerweile ein Lambsheimer Unternehmer und das einstige Wirtshaus ist Wohnraum.
Die Serie
Tanzsäle, Gastwirtschaften und Dorfkneipen waren früher äußerst wichtig für das Dorfleben. Die meisten wurden nach und nach aufgegeben. In der Serie „Es war einmal ein Gasthaus“ erinnern wir an solche Lokale im Frankenthaler Umland, an ihre Geschichten und Traditionen sowie an die Menschen hinterm Tresen.


