Frankenthal
Friedensbotschaft in der Tagesschau: Packendes Musical für die Generation Z in Congress-Forum
Zwölf Schüler der 8b der Realschule plus in Bobenheim-Roxheim waren dem Vorschlag ihrer Klassenlehrerin Eva Beer gefolgt und hatten sich am Dienstagabend auf das Abenteuer Musiktheater eingelassen. Ihre Kommentare reichten von „spannend und unterhaltsam“ bis „witzig, wichtig und lustig“. Um Jugendlichen das Musical der Opernwerkstatt am Rhein schmackhaft zu machen, gab es für Schüler Tickets zum halben Preis, was den Kosten eines Kinobesuches gleichkommt. Ein Leckerbissen – doch nur rund 100 griffen zu. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Pädagogen aus Frankenthals weiterführenden Schulen die Chance nicht genutzt haben – bei einem Stück, das den Nerv der Jugend trifft: Es diskutiert auf packende Weise die Methoden radikaler Umweltaktivisten und beleuchtet die Psyche der Generation Z.
Weltretter im Gefängnis
Sascha von Donat, der mit Anke Pan Autor des Stückes und zugleich künstlerischer Leiter des Tourneetheaters Opernwerkstatt ist, war über den mageren Zuspruch nicht traurig. Zwar habe das Musical im Dezember 2022 das ganze Capitol Theater in Düsseldorf mit Schulklassen gefüllt. „Aber wir freuen uns über jeden einzelnen jungen Besucher, der die Botschaft des Stückes weiterträgt.“
Vordergründig geht es um eine Gruppe von sieben jungen Menschen, die sich mutmaßlich in die Tagesschau gehackt haben, um dort Friedensbotschaften unterzubringen. Und die deshalb im Gefängnis landet. Doch hintergründig geht es um viel mehr: So wie vor einem halben Jahrhundert das Musical „Hair“ den Zeitgeist der 68er-Generation widerspiegelte, befasst sich „Danke für Nichts“ mit dem Lebensgefühl der Enkel, die regelmäßig für „Fridays for Future“ auf die Straße gehen und die Welt retten wollen.
Teenager im Generationenkonflikt
In der ersten Halbzeit kommt das Stück noch recht zahm daher, wirkt wie gehobenes Schultheater. Regisseur von Donat züchtet langsam die Story von Teenagern im Generationenkonflikt. Allmählich kristallisieren sich aus der eingeschworenen Gemeinschaft Typen und Beziehungskonstellationen heraus: Ari (Hannah Kreuzer), die sich als Anführerin der Gruppe für einen Klimawandel mit friedlichen Mitteln einsetzt. Sie ist im Fadenkreuz vom hochaggressiven Ben (Daniel Müller) und dem Yuppie Tim (Robin Ziehbrunner), beide werben um ihre Gunst. Ihre Schwester Carla (Sina Dekker) ist eine Influencerin, die anfangs nur mitmacht, um Klicks zu generieren. Die Welt der Erwachsenen wird repräsentiert von der sensationsgeilen Journalistin Christa Schönfeld (Anne Berndt) und dem brutalen Gefängniswärter (Stefan Peters).
Zeitsprung ins Jahr 2033
Nach der Pause wartet das Stück mit einer völlig unerwarteten Vielschichtigkeit auf: In einem Zeitsprung reisen die Umweltaktivisten aus ihrer Gefängniszelle aus dem Jahr 2023 zehn Jahre weiter. Und nun spielt der Autor zahlreiche Varianten durch. Tim liebt Lion (Christoph Loebelt), der damals nur bei ein Umweltaktivisten war, um dessen Herz zu gewinnen. Beide haben ein Kind. In einer anderen Szene sind Tim und Ari Eltern. Dann wieder ist Lion zum Totschlag verurteilt, weil er in der Zelle den Wärter erschlagen hat – und wählt den Freitod. Es ist die zutiefst philosophische Idee von Schicksalen, die durch minimale Veränderungen eine andere Wendung nehmen. Es gibt Liebesgeschichten, Tragödien, Grotesken und sogar Dystopien.
„Fürchtet uns, weil wir sind hier und wir sind laut“
Die inhaltliche Klammer geben die Songs, komponiert und getextet von Alisson Bonnefoy und dem Pianisten Yuhao Guo, der zugleich die fünfköpfige Live-Band anführt: von klassischen Rocknummern über Funk und Rap bis hin zum sakralen Choral in „Kein Morgen mehr“. Darunter Ohrwürmer wie die Kampfansage, die an Slogans von Fridays for Future erinnern: „Fürchtet uns, weil wir sind hier und wir sind laut. Fürchtet uns, weil ihr uns die Zukunft klaut.“
Stark ist das Bühnenbild, das fast durchgängig aus Gittern besteht. Diese dienen als Gefängnismauern, aber auch als Waffen oder Schutzschilde gegen eine Gesellschaft einsetzen, von der sie sich missverstanden fühlen. Unterm Strich: Das Musical ist ein eigenwilliger und besonderer Meilenstein im Coming-of-Age-Theater.