Frankenthal Frankenthal: Türkische Supermärkte fest etabliert

Typisch für die türkischen Lebensmittelläden: die Auslage mit Obst und Gemüse vor dem Geschäft – hier in der Speyerer Straße. In
Typisch für die türkischen Lebensmittelläden: die Auslage mit Obst und Gemüse vor dem Geschäft – hier in der Speyerer Straße. Inhaber Tofik Daud zeigt einem Kunden seine Ware.

Der Laden um die Ecke ist längst Geschichte. Wer sich in der Innenstadt mit Lebensmitteln eindecken will, muss ein Stück laufen – zu Netto am Bahnhof, Edeka am Foltzring oder zu Rewe, Penny und Norma östlich der Benderstraße. Im Herzen der Stadt haben sich drei türkische Supermärkte etabliert, die fast alles für den täglichen Bedarf bieten.

Humorvoll werden sie „Onkel-Mehmet-Läden“ genannt: Als in den 1980er-Jahren in Deutschland der klassische Tante-Emma-Laden von der Bildfläche verschwand, entdeckten türkische Einwanderer diese Marktlücke – zunächst, um Landsleute mit Lebensmitteln aus ihrer Heimat zu versorgen, die muslimischen Essgewohnheiten entsprachen. Mittlerweile haben die Geschäfte diese Nische verlassen und sind zu wichtigen Nahversorgern für alle Bevölkerungsgruppen geworden. Kürzlich hat in der August-Bebel-Straße 13 der Inci Supermarkt eröffnet. „Inci bedeutet auf Türkisch Perle“, erklärt Esra Kan, deren Großvater als Gastarbeiter aus der Türkei kam. Die gebürtige Frankenthalerin hatte zunächst mit ihrem Mann Metin fünf Jahre lang gegenüber im Hinterhof der Hausnummer 14 den Lebensmittelmarkt Aroma betrieben. Als der Kinderspielzeugladen Prinz und Prinzessin im Eckhaus schloss, zogen die Kans mit ihrem Geschäft hinüber. Mit dem ausgebauten Keller verfügen sie nun über 250 Quadratmeter Verkaufsfläche. Ihr Klientel: Die eine Hälfte ist deutsche Kundschaft. Der übrige Teil hat multikulturelle Wurzeln. „Zu uns kommen viele ältere Frankenthaler, die es zu Fuß nicht in die großen Supermärkte schaffen“, sagt Esra Kan. Für die deutsche Kundschaft haben die Kans Produkte der Edeka-Eigenmarke Gut & Günstig in ihr Sortiment aufgenommen. Der Löwenanteil sind hingegen Produkte mit türkischen Beschriftungen. Im Kleingedruckten steht auf Deutsch drauf, was drin ist. Wer genauer auf die Herstellerbezeichnungen schaut, entdeckt, dass die meisten Lebensmittel in Deutschland hergestellt sind – Baktat aus Mannheim oder Egetürk aus Köln. Die Gemeinsamkeit aller Produkte: „Sie sind halal, also rein. Nach muslimischen Maßstäben enthalten sie nichts, was dem Körper schadet“, erklärt die 33-Jährige mit Kopftuch. Was bedeutet: Es gibt keinen Tabak und Alkohol zu kaufen. Und auch keine Lebensmittel, die Alkohol als Trägerstoff enthalten. Ebenso ist Schweinefleisch nicht erlaubt sowie Produkte, die Gelatine vom Schwein beinhalten. Mit dem Verzicht auf Plastiktüten, der sich im deutschen Einzelhandel durchgesetzt hat, tut sie sich schwer – die türkischen Kunden seien es gewohnt, dass ihnen an der Kasse Tragetaschen aus Kunststoff in die Hand gedrückt werden. Esra Kan hat einen Kompromiss gefunden: Sie hält die Tüten an der Kasse unter Verschluss und gibt sie heraus, wenn danach gefragt wird. Den Lebensmittelmarkt Aroma hat Hamdi Tomakin übernommen und führt ihn unter dem Namen Anadolu – der türkischen Bezeichnung für Anatolien – weiter. Der 29-Jährige ist ebenfalls in Frankenthal geboren. Auch bei ihm bekommt man nur Ware, die für Muslime halal ist. Zu knapp einem Drittel stammt sie aus der Türkei, der Rest aus der EU. „Türkische Produkte sind teurer“, meint er und weist auf zwei Reissorten – der türkische Reis ist im Kilopreis um einen Euro teurer als Reis des deutschen Herstellers. Große deutsche Lebensmittelkonzerne reagieren sehr schnell auf Trends zu gesunder Ernährung. Für Einzelhändler wie Tomakin kommen Superfood, Smoothie oder vegane Fertiggerichte nicht ins Regal, da es sich nicht rentiert. Bei Zitrusfrüchten muss es Bioqualität sein, denn im türkischen und arabischen Raum verarbeitet man die Orangen und Zitronen mit Schale. Und er verkauft laktosefreien Joghurt und Käse sowie Marmelade für Diabetiker. Um im Konkurrenzkampf bestehen zu können, geht er Wege, die für traditionelle türkische Lebensmittelläden neu sind: Tomakin plant im sozialen Netzwerk Facebook eine Seite, auf der er sein Geschäft vermarktet und auf wöchentliche Preisreduzierungen und seine samstägliche Grillaktion aufmerksam macht. Der am längsten bestehende türkische Supermarkt in Frankenthal ist der Daud Supermarkt von Tofik Daud in der Speyerer Straße 35. Seit 13 Jahren betreibt der 36-jährige Kurde sein Geschäft. Für die deutsche Kundschaft, deren Anteil er auf 70 Prozent schätzt, hat er eigens ein deutsches Regal eingerichtet. Ebenso wie bei den türkischen Läden in der August-Bebel-Straße sticht hier die lange Auslage vor den Schaufenstern ins Auge: Auf mehreren Etagen türmen sich Melonen neben buntem Paprika und exotischem Obst. Daud: „Das ist die Visitenkarte. Es schafft Basar-Atmosphäre und lockt die Kunden in den Laden.“ Mit den muslimischen Vorschriften nimmt es Daud ebenso ernst wie seine Kollegen aus der August-Bebel-Straße, „würde ich etwas verkaufen, dass nicht halal ist, hätten die Türken und Araber kein Vertrauen zu mir“. Hintergrund: Bislang gibt es in Deutschland kein allgemein anerkanntes Gütesiegel zur Kennzeichnung von halal. Daher bevorzugen Kunden, die darauf Wert legen, türkische Läden, auch wenn es schon längst Halal-Produkte in deutschen Supermärkten gibt. Plastiktüten gibt es bei Daud. Allerdings hat er Löcher in die Folie gestanzt. „Manche Kunden haben sie massenweise heimgenommen, um sie als Müllbeutel zu verwenden“, sagt er. Fürs wirtschaftliche Überleben müsse er eben auch bei den Tüten sparen, die jeweils einen guten Cent kosten. Und strategisch handeln: Der türkische Bizim Supermarkt nebenan in der Speyerer Straße 31 hat vor zwei Jahren dichtgemacht. Den hat Daud nun angemietet und lässt den Laden ungenutzt, damit ihm kein neuer Lebensmittelhändler Konkurrenz machen kann.

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