Frankenthal
Frankenthal im Knollenrausch
Goldgräberstimmung an den städtischen Hochbeeten: Auf dem Rathausplatz wurden die Beete geräumt. Die Blumenzwiebeln liegen unterirdisch und wurden mit Spaten, Hacke und Rechen ans Tageslicht befördert. Daran durfte sich jeder zum Nulltarif bedienen. Wie beim Sommerschlussverkauf standen Frankenthaler an den Rabatten.
Mit jeder Stunde wuchs die Hochachtung der Frankenthaler vor dem Job, den sieben Männer und eine Frau verrichteten. Um acht Uhr morgens waren die Temperaturen mit 20 Grad noch erträglich. Gegen Mittag war die 30-Grad-Marke überschritten. Es gab kaum Schatten, und die Gartenhelfer steckten in dicken grünen Latzhosen. „Kann ich Ihnen Wasser bringen?“, fragte eine Frau. Francesco Todaro, der Chef der Truppe von der Firma Geiger Facility Management, winkte ab und wies auf den Rathausbrunnen, wo vier Kästen Sprudel gekühlt wurden.
Knollen wandern in Tüten, Taschen und Kisten
Todaros Leute standen auf den Rabatten, wühlten sich durch Erde und reichten den Wartenden die Tulpen- und Narzissenzwiebeln. Die Knollen wanderten in Tüten, Taschen und Kisten. Selbstbedienung war erlaubt: War mochte, konnte sich ein Werkzeug schnappen und selbst buddeln. „Die Erde ist so trocken, das macht das Ausgraben zehn Mal schwerer“, erklärte Todaro und stieß seinen Spaten in den Boden. Vorsichtig hebelte er die Erde nach oben, bückte sich und zog die Knolle am Strunk heraus.
Seit 20 Jahren kümmert sich der gebürtige Sizilianer um die Blumen in den Beeten der Innenstadt. „Wenn die Blumen verblüht waren und wir neue angepflanzt haben, landeten die Zwiebeln auf dem Kompost. Es kamen aber immer wieder Leute, die Knollen mitnehmen wollten. Das war nicht offiziell, aber wir haben nicht Nein gesagt“, berichtete er. Für Todaro ist es ein schöner Gedanke, dass sich die alten Zwiebeln im Stadtgebiet verteilen. „Und ich denke, dass die Leute, die sich bei uns bedienen, auf die Beete in der Stadt achtgeben, damit sie nicht zerstört werden.“
Birgitta Beckmann ist Hobbygärtnerin und Stammgast bei der Verschenkaktion. „Ich habe in meinem Garten im Heßheimer Viertel ein Beet, das ich Frankenthaler Beet nenne. Da kommen die Zwiebeln rein. Es ist immer ein Überraschungspaket, was dann blüht“, erzählte sie.
Dieses Mal blühten laut Stadtverwaltung Narzissen und Tulpen, die verschenkt wurden. Wie sich die Knollen unterscheiden, wenn die Stängel schon verblüht sind, sorgte am Dienstag für Rätselraten. Nach Internetrecherche und ausgiebigem Knollenvergleich kam man auf folgende Erklärung: Die kleinen Zwiebeln, die mit spitzen Hütchen und brauner Schale Esskastanien ähneln, könnten Tulpen sein. Während die größeren, den Lauchzwiebeln ähnelnden Exemplare, wohl trompetenförmig blühende Narzissen sind.
Die diesjährigen Hauptblütenfarben waren nach Angaben der Stadtverwaltung gelb, weiß und rosa. „Je dunkler die Zwiebel, desto dunkler ist meist die Blütenfarbe“, erklärte eine Blumenliebhaberin, die zum Aktionstag mit einem Lastenrad erschienen war. „Aber letztlich weiß man es erst, wenn der Garten blüht.“ Laut Todaro sollten die Zwiebeln vom Grün befreit sowie dunkel und kühl gelagert werden. Im Herbst sollten sie in die Erde kommen, um im Frühjahr auszutreiben.
Hochbeete auf Rathausplatz bleiben erst mal kahl
„Eine tolle und nachhaltige Aktion“, befand Elke Flemming. Sie war aus Großkarlbach gekommen, um sich mit Knollen einzudecken: nicht für den Eigenbedarf, sondern für das „Gaade-Team“, eine private Großkarlbacher Initiative aus einem halben Dutzend Freiwilliger, die sich im Ort um die Pflege öffentlicher Beete kümmert.
Eine Wiederholungstäterin ist Olga Wilding. Im Vorjahr war sie mit städtischen Tulpenzwiebeln glücklich geworden: „Die sind ja so toll aufgeblüht.“ Nun erschien die Seniorin im Auftrag der Familie und besorgte Pflanzmaterial für ihre drei Töchter. Aus dem Nordend kamen zwei Erzieherinnen: Bahar Salduz staubte für die Kita Wilhelm-Hauff-Straße unter anderem Ziermangold ab. „Wir haben drei Hochbeete und viele Naturkinder, die werden begeistert sein“, erklärte sie. Ihre Kollegin vom benachbarten Kindertreff, Stefanie Kolbenschlag, deckte sich mit Knollen für das Außengelände ein. „Dort wächst gerade fast nur Unkraut. Das wollen wir neu bepflanzen, damit unsere Kids einen achtsamen Bezug zur Natur lernen“, sagt sie.
Die Beete auf dem Rathausplatz bleiben nun erst mal kahl. Nach dem Strohhutfest kommen dort Dahlien hin, die in der Symbolik der Blumen für Selbstbewusstsein und gute Nachbarschaft stehen. Was zu Frankenthal passt, das mit seiner Abkürzung „FT“ für „Freunde treffen“ wirbt. Zwischen den in rosa und bordeauxrot blühenden Dahlien sollen Gräser, Salbei, Sonnenhut und Eisenkraut gepflanzt werden.