Frankenthal Frankenthal: Gehörlose wollen Wertschätzung
Interview: Am Donnerstag kommen junge hörgeschädigte Sportler aus ganz Deutschland nach Frankenthal zum Bundesjugendtreffen der Gehörlosen. Ausrichter der Wettkämpfe ist der hiesige Gehörlosen-Sportclub (GSC). Von Barrieren und Brücken zwischen Hörenden und Nichthören, berichtet Vorsitzender Daniel Haffke der RHEINPFALZ. Das Gespräch mit ihm wurde per Mail geführt.
Der GSC war der einzige Bewerber für dieses Treffen. Die beiden vorherigen Bundesjugendtreffen waren 2010 in Köln und 2014 in Hamburg. Ich war dort im Organisationskomitee und hab meinem Verein gesagt: „2018 machen wir das, wir schaffen das.“ Alle waren dafür und in wenigen Tagen wird’s ernst. Backen Sie im beschaulichen Frankenthal kleinere Brötchen als in Köln und Hamburg? Dort hatten wir jeweils etwa 500 Teilnehmer. Für Frankenthal liegen uns nur 420 Anmeldungen vor. Das liegt nicht an mangelnder Nachfrage. Viele Vereine würden gern kommen, es hapert aber an günstigen Übernachtungsmöglichkeiten in der Region – Worms und Mannheim sind komplett ausgebucht, Frankenthal hat keine Jugendherberge oder Ähnliches in dieser Preisklasse. Das ist schon ein Standortnachteil. Welcher Aufwand steht hinter so einem großen Projekt? Am schwierigsten war es, ehrenamtliche Mitarbeiter und Sponsoren zu finden. Finanziert werden die drei Tage von Med-El, einem Entwickler und Hersteller von Hörsystemen, der Aktion Mensch, der Stadt Frankenthal, den Stadtwerken, vom Landessportbund sowie von uns. Wir mussten auch das Spielmaterial besorgen – Tischtennisplatten, Bälle und so weiter. Welchen Stellenwert hat der GSC Frankenthal? Mit 175 Mitgliedern ist er landesweit der größte unter fünf Gehörlosen-Sportvereinen. Wenn man sich auf die Zahl der 2018 verliehenen Stadtsportplaketten bezieht, ist der GSC derzeit Frankenthals erfolgreichster Sportverein. Bei der Deutschen Leichtathletikmeisterschaft des Deutschen Gehörlosen-Sportverbands im März in Stadtallendorf konnten wir mit 16 Sportlern 28 Medaillen holen. Was ist das Besondere am Gehörlosensport? Ob Schwimmen, Fußball oder Basketball – die Regeln sind dieselben wie beim Sport der Hörenden. Der Unterschied besteht in der Kommunikation. Wir verständigen uns in der Gebärdensprache. Wie können Hörende beim Jugendtreffen Wettkämpfe verfolgen? Bei Spielen werden Gebärdensprachdolmetscher übersetzen. Solche Dolmetscher sind im Sport weniger nötig als im Bildungsbereich. Das meiste versteht man als Zuschauer ohnehin, etwa das Schwenken der Fahnen vom Fußballschiedsrichter oder die visuellen Signale beim Schwimmen. Außerdem gibt es viele Gebärden, die Hörende sofort verstehen – zum Beispiel den hochgestreckten Daumen. Wie wollen Gehörlose wahrgenommen werden? Leider ist es oft noch so, dass Menschen mit Handicap Beachtung finden, weil sie trotz ihrer Behinderung etwas erreichen. Dieses Wörtchen „trotz“ stört uns, denn es grenzt uns aus. Wir wollen Wertschätzung erfahren, weil wir mit einer Hörschädigung etwas schaffen. In der Gesellschaft gelten wir als behindert. Wir erleben uns aber nicht als Behinderte. Wir hören nichts und haben gelernt, damit umzugehen. Viel besser, als viele Hörende glauben. Oder wissen Sie, dass taube Menschen telefonieren können? Nein. Wie denn? Es gibt Dienstleister, die die Gebärdensprache via Bildverbindung empfangen und dem hörenden Gesprächspartner übersetzen. Oder umgekehrt – sie übersetzen das gesprochene Wort per Webcam in Gebärdensprache. Inwieweit ist die Welt für Nichthörende barrierefrei? Ein großer Fortschritt ist das Internet, das Hörbarrieren überwindet – per Video-Chat kann in der Gebärdensprache kommuniziert werden. Suche ich eine Straße, kann ich sie per Google-Maps auf dem Smartphone finden. Doch momentan sehen sich laut einer aktuellen Studie der Rheinischen Fachhochschule Köln 76 Prozent der Gehörlosen ausgebremst, wenn es um audiobasierte Inhalte im Netz geht. Hier gibt es noch viel zu tun. Und außerhalb des Internets? Auch da ist die Kommunikation sehr auf das Hören ausgerichtet. Ein Beispiel: die Notrufsäule auf der Autobahn. Was können die Gehörlosen damit anfangen? Was ich mir wünsche: Die Deutsche Gebärdensprache sollte stärker präsent sein. In Amerika beherrschen viele Ärzte, Polizisten und Anwälte die Gebärdensprache. Das Bundesjugendtreffen in Frankenthal ist ein Schritt in diese Richtung. Es heißt ja immer: Sport verbindet. Bei unserem Treffen wird der Sport hoffentlich eine weitere Brücke zwischen Hörenden und Nichthörenden schlagen. Ihr Erfolgsrezept? Wir fördern unsere Sportler. Das kostet nicht nur Zeit und Energie, sondern auch Geld. Um an die Fördertöpfe zu kommen, muss man sich bewerben, vermarkten und einfach gut sein. Das tun wir erfolgreich. Dieses Jahr haben wir im Vereinswettbewerb für Nachwuchsleistungssport „Bäm Plopp Boom“ des Landessportbunds gewonnen und 10.000 Euro aus Lotto-Erträgen bekommen. Die Sportstiftung Pfalz fördert uns aktuell mit 1000 Euro. | Interview: Klaudia Toussaint