Frankenthal
Frankenthal: Gastspiel entstaubt TV-Klassiker „Der kleine Lord“
Der Film „Der kleine Lord“ mit Alec Guinness als griesgrämigen Großvater gehört für viele zu Weihnachten wie Plätzchen und Glühwein. Eine Frischzellenkur verpasste das Agon Theater München dem „Little Lord Fauntleroy“ bei seinem Gastspiel in Frankenthal – Saumagen und Frankenthaler Zeitung inklusive.
Im Nebel fanden am Donnerstag knapp 400 Zuschauer den Weg ins Congress-Forum. Und was sie als erstes auf der Bühne sahen, war dichter Kunstnebel, mit dem die über 100 Jahre alte Kindergeschichte um die Hoffnung und den Glauben an das Gute begann. Das von den Münchenern angekündigte „Familienmusical für Jung und Alt“ besuchten vorwiegend die Älteren. Dabei ist der kleine Lord ein Held ganz nach dem Geschmack von Kindern: Er pfeift auf die Regeln der Großen, will die Welt gerechter machen und wird in Windeseile steinreich, ohne auf Geld besonderen Wert zu legen. Isabel Lott verkörperte glaubhaft den charmanten Rebellen und kindlichen Strolch. Als betagter Gegenspieler agierte ein Bühnenstar, dessen Name auf der Besetzungsliste für Aufmerksamkeit sorgte: Pavel Fieber gilt als Urgestein der deutsch-österreichischen Theaterlandschaft und ist seit einem halben Jahrhundert auf Bühnen als Schauspieler, Sänger, Regisseur und Intendant unterwegs. Er spielte souverän den Part des Earl of Dorincourt, des hartherzigen und mürrischen Patriarchen, der pünktlich zu Heiligabend zum netten Opa wird.
Inszenierung nah am Original
In seiner Inszenierung hält sich Stefan Zimmerman meist an das Grundgerüst des Originals: Cedric Errol lebt bescheiden und fröhlich zusammen mit seiner Mutter (Tanja Maria Froidl) im New York des 19. Jahrhunderts. Sein Großvater befördert ihn ziemlich plötzlich in ein englisches Schloss. Der Earl of Dorincourt will den Enkel zum kleinen Lord Fauntleroy erziehen, der später die Grafschaft in seinem Sinne streng regieren soll. Ohne es richtig zu bemerken, wird er jedoch selber umgepolt: Cedrics naives und positives Wesen ist so ansteckend, dass die harte Schale des Großvaters im Nu geknackt wird.
Um dieses Bühnenpaar herum gruppiert Zimmermann Darsteller, die in New York das arme Bürgertum und im englischen Schloss das vom Earl geplagte Dienstpersonal mitsamt den Aristokraten spielen. Bedingt durch viele Doppelrollen können am Ende nicht alle Handlungsstränge aufgelöst werden. Eine Romanze von Cedrics Mutter versandet kurz vor ihrem Höhepunkt.
Jazzquartett spielt live auf der Bühne
Monika Maria Kleres gelingt es, mit einem historischen Bühnenbild in dreidimensionaler Klappbild-Technik und passenden Kostümen eine nostalgische Stimmung zu schaffen. Als Verbeugung vor dem Frankenthaler Publikum hat Zimmermann an einer Stelle den Pfälzer Saumagen eingeflochten. Und was die New Yorker in ihrer Zeitung lesen, sind zur Erheiterung der Zuschauer News aus Frankenthal. Ansonsten bleibt das Musical vom modernen Zeitgeist unberührt.
Dies könnte in einem zweistündigen Musiktheater fad wirken, wäre da nicht ein dramaturgischer Kniff. Die 14 eingängigen Songs werden live von einem hochkarätigen Jazzquartett begleitet, das Teil des Bühnenbilds ist und sich zuweilen dezent in die Handlung einmischt. Die vier Musiker an insgesamt acht Instrumenten sorgen dafür, dass die klassische Weihnachtsgeschichte ein neues Profil erhält und sich von dem verstaubten kleinen Lord der Mattscheibe erfrischend abhebt.