Frankenthal Frankenthal: Dohlennester in Kaminen können lebensgefährlich werden

Weil natürliche Nistplätze fehlen, weichen Dohlen offenbar immer häufiger auf Schornsteine aus.
Weil natürliche Nistplätze fehlen, weichen Dohlen offenbar immer häufiger auf Schornsteine aus.

Alle Vöglein sind schon da - der Frühling ist auch die Brutzeit der Dohlen. Immer häufiger bauen die zu den Rabenvögeln zählenden Höhlenbrüter ihre Nester aber in Kaminen. Dies kann für die Hausbewohner lebensbedrohend sein, sagt Jens Kleinschmager - einer von fünf für Frankenthal zuständigen Schornsteinfegern.

Die mit dem Brutplatz Schornstein verbundene Gefahr: „Dohlen bauen ihre Nester so dicht und kompakt, dass Abgase nicht mehr durch den Kamin entweichen können“, sag der Schornsteinfegermeister Kleinschmager. Zunächst sammelten sich die Gase im Schlot und würden an der Heizungsanlage ins Haus dringen. Besonders gefährlich sei das Kohlenstoffmonoxid (CO). „Es besitzt keine Farbe und hat auch keinen Geruch. Es wirkt nicht reizend und schmeckt nach nichts. Symptome einer CO-Vergiftung sind zum Beispiel Übelkeit und Kopfschmerzen. Tritt die Vergiftung während des Schlafes ein, wird der Betroffene bewusstlos, die Atmung setzt aus und der Tod tritt ein.“

Tödliche Wirkung

Bundesweit sterben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jährlich mehr als 300 Menschen an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. Jüngster Fall war der Tod einer vierköpfigen Familie in Esslingen (Baden-Württemberg) Anfang Februar. „Hier war zwar kein Nest die Ursache – ein Verbindungsrohr hatte sich zwischen Heiztherme und Kamin gelöst. Doch Dohlennester im Kamin können dieselben tödlichen Auswirkungen haben“, warnt Kleinschmager. Die Anzahl der Kaminnester habe in den vergangenen Jahren zugenommen. „Vor zehn Jahren war das noch kein Thema. 2017 habe ich zehn Nester gefunden, die meisten im Wohngebiet Lauterecken.“ Weshalb die taubengroßen und schwarzgefiederten Vögel mit den silbrig-weißen Augen sich auf Kamine spezialisiert haben, liegt nach Ansicht von Tierschützern an der schwindenden Anzahl von Brutplätzen in der freien Natur. Die Dohle ist zum Kulturfolger geworden und bevorzugt als Höhlenbrüterin die Abgaskanäle auf Dächern. Hier hat sie einen guten Ausblick und kann warm und geschützt brüten. Die intelligenten, unter Artenschutz stehenden Rabenvögel werfen zunächst fingerdicke Stöcke in den Kamin. Bleiben diese im Schacht hängen, beginnt der Nestbau.

Bis zu sechs Meter tiefe Nester

Meist sind Hausbewohner über die Anwesenheit der gefiederten Nachbarn erfreut. „Oft erzählen mir Leute, sie hätten beobachtet, wie Vögel in den Schornstein geflogen sind. Die Gefahren sind den meisten nicht bewusst“, berichtet Kleinschmager. Bei „Schornsteinverkehr“ sollte sofort der zuständige Schornsteinfeger hinzugezogen werden, appelliert er an die Bevölkerung. Die Nester, die er bisher aus Kaminen entfernt hat, sind bis zu sechs Meter tief und bestehen aus Ästen, Haaren, Plastik, Moos, Federn und Kot. Das Ausräumen dauert einige Stunden. Bis zu sechs große Mülltüten je Dohlennest hat Kleinschmager schon gefüllt. Die Nester im Kaminschacht sitzen oft so fest, dass er sie nur mit einem Harpunenöffner lösen kann – ein glasfaserverstärkter Kunststoffstab mit Widerhaken an der Spitze. Als Schutz vor Dohlennestern raten Fachleute in Internetforen zu Schornsteinabdeckungen. Kleinschmager ist gegenteiliger Meinung, „diese Abdeckungen sind bei Dohlen beliebt. Sie schlüpfen unter ihnen hindurch und sitzen auf dem Trockenen.“ Effektiver seien Vogelschutzgitter. Sie verhinderten, dass Material in den Kamin gelangt, die Heizungsabgase würden aber nicht am Abziehen gehindert.

Holzöfen besonders betroffen

Bei Öfen, die mit Holz befeuert werden, mache sich ein verstopfter Kamin eher bemerkbar. „Dann liegt Rauchgas in der Luft, das die Atemwege reizt. Das merkt man aber nur, wenn man wach ist.“ In mit Gas beheizten Wohnungen sei die Verstopfung höchstens durch beschlagene Scheiben und größere Wärme zu erkennen. Moderne Gasfeuerstätten, die an einem Schornstein angeschlossen sind, verfügen laut Kleinschmager über einen Abgassensor. „Er schaltet automatisch die Gaszufuhr ab, wenn Abgase in der Wohnung austreten. Das ist ein Alarmsignal, man sollte einen Fachmann rufen, der die Ursache sucht.“

Regelmäßige Kontrollen

Der Schornsteinfegermeister empfiehlt, Kohlenmonoxidmelder in der Nähe der Feuerstätten anzubringen und die Abgasanlage regelmäßig kontrollieren und reinigen zu lassen. Vorgeschrieben sei eine jährliche Wartung. Auf die anstehende Brutsaison freut er sich nicht. Denn sobald Eier in den Nestern liegen und die Jungtiere geschlüpft sind, muss er die Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd in Neustadt als Obere Naturschutzbehörde informieren und – falls Gefahr droht – den Nachwuchs an Auffangstationen vermitteln. Oder die Heizung muss aus bleiben, bis die Vögel flügge sind. Ruhe hat der betroffene Hausbesitzer aber nur bis zur nächsten Brutzeit. „Die Dohlen kehren zu ihren Brutplätzen zurück. Wer das Problem einmal hat, muss im nächsten Jahr wieder damit rechnen“, meint Kleinschmager.

In diesen Kamin hatten sich Dohlen eingenistet: Das zum Nestbau verwendete Material füllt mehrere Abfallsäcke.
In diesen Kamin hatten sich Dohlen eingenistet: Das zum Nestbau verwendete Material füllt mehrere Abfallsäcke.
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