Frankenthal
Frankenthal: Ausstellung im Kunsthaus bricht mit gängiger Vorstellung von Fotografie
Ist das nun Malerei oder Fotografie? Bei manchen Aufnahmen von Lothar Eder muss man genau hinschauen. In seiner Ausstellung im Kunsthaus Frankenthal entdeckt der Betrachter manches, was der landläufigen Vorstellung von Fotografie nur bedingt entspricht.
Als erstes fällt in der Ausstellung „Der gedehnte Blick“ von Lothar Eder die Nähe zu Malerei und Grafik ins Auge. Bei einigen Bildern muss man genau hinsehen, um zu ergründen, ob überhaupt und auf welche Weise sie Fotografien sind. Als zweites drängt sich die Dominanz von Schwarz auf; in oft grafisch hartem, manchmal auch malerischem sehr weichem Gegensatz zu Licht. Dieses Schwarz wirkt dennoch nicht erdrückend, denn es dient dazu, die Existenz des Lichts hervorzuheben, wie schwach dieses auch sein mag. Im Extremfall ist es ein kaum wahrnehmbares Glänzen auf einer leicht gekräuselten schwarzen Wasserfläche. Es sind karge Bilder mit einer intensiven Anmutung. Der Gegensatz von Licht und Dunkelheit ist der wohl wirkmächtigste Topos in der Menschheitsgeschichte. „Es werde Licht“, heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte, „und Gott schied das Licht von der Finsternis.“ Wer lange und immer wieder auf das Meer schaut, wie Lothar Eder mit seiner Kamera, spürt eine die Seele ausfüllende Ruhe in sich aufsteigen.
Ungewöhnliche Formate und Serien
Eder inszeniert seine Lichteinfälle großräumig zwischen Himmel und Ozean. Sie sind exakt zweigeteilt in Oben und Unten. Starkes Licht in einem Spalt heller Bewölkung ergibt eine „Buena Vista“ (schöner Ausblick) in einem traditionellen Format: Der Betrachter lässt sich in vertraute angenehme Gefühle gleiten. Dagegen gemahnt ihn ein winzig schmaler heller Streifen am Horizont als „letztes Licht“ an die eigene Vergänglichkeit. Eder hat drei extrem schmale Querformate wie einen Filmstreifen arrangiert. Während die Lichtlinie schwindet, die bezeichnenderweise auf dem Wasser, also dem Irdischen, liegt, zieht im Vordergrund ein helles Gewölk vorüber. Ein anderes Foto zeigt nichts als eine schwarze Wasserfläche, deren Gekräusel eben noch erkennbar ist. Ein aus vier Fotos montiertes Quadrat thematisiert den nächtlichen Sternenhimmel als „Sternenstaub“, aus dem der Mensch hervorgegangen ist. Als Psychologe mit psychotherapeutischer Praxis in Mannheim hat Lothar Eder mit Seelenzuständen zu tun, die mit Dunkel umschrieben werden, aus denen sich der Betroffene ins Licht zurückkämpfen muss. Himmel und Wasser sind Archetypen, die jeder unbewusst in sich trägt.
Eindrucksvolle abstrakte Bilder
Abgegrenzt von der Ausstellung hängt im Vorraum ein Fensterbild von 1989, das Eder in einer jüngeren Serie wiederaufgenommen hat. Es ist ein kleines altmodisches Fenster mit ländlich einfacher Gardine. Die Wand drumherum erscheint schwarz, der Blick durch das Fenster auf ein türkisfarbenes Meer ist berauschend farbig: eine Buena Vista, vermutlich in La Palma aufgenommen, wie die anderen Meer-Bilder. In der neueren Serie wird im Fenster üppige Vegetation sichtbar, ein Symbol für die Robustheit des Lebens. Vielleicht am eindrucksvollsten sind die abstrakten Arbeiten, auf die Eder offenbar zunehmend hinsteuert. Flammenartiges Rot, serielle Lichtdreiecke, beide vor Schwarz: eine blau schimmernde Wasserfläche, deren Bewegungen wie kariert aussehen. Die nicht wiedererkennbaren Motive sind unscheinbar und vermutlich in unmittelbarer Nähe gefunden; groß ist die visuelle Wirkung.
Experimentelle Ansätze des Bauhaus fortgeführt
Nachdem die Fotografie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der bildenden Kunst weitgehend verschwunden war, hat sie sich den prominenten Platz zurückerobert, den sie im Bauhaus hatte. Die Präsentation von Lothar Eder im Kunsthaus, insbesondere seine abstrakten Arbeiten, führen die experimentellen Ansätze fort, die im legendären Bauhaus aus der bis dato biederen Fotografie eine neue und aufregende Kunstform gemacht haben.
Ausstellung
Lothar Eder „Der gedehnte Blick“, bis 16. Februar im Kunsthaus Frankenthal, Mina-Karcher-Platz 42a. Am 13. Februar, 19.30 Uhr, Vortrag von Lothar Eder zu seiner Arbeit.