Bobenheim-Roxheim
Fotoworkshop mit Models am Silbersee
„Menschenfotografie mit Model. Die Verwandlung“ lautete der Titel des Fotoworkshops, den die Fotografische Gesellschaft Silbersee unter Federführung von Thomas Samuel Strottner veranstaltete. „Das Licht hier ist immer perfekt“, meint Strottner erfreut. Er ist unter dem Künstlernamen Sam Oath als Fotograf weltweit bekannt und legt Dominik Bach eine spanische Halskrause um.
Als Dragqueen Alyssa Mannheimia ist der hochaufgeschossene Mannheimer eine Szenegröße im wahrsten Wortsinn und mit 2,15 Meter inklusive Plateau-High-Heels eine stattliche Erscheinung. Mit flachsblonder Bob-Perücke, irisierendem Lippenstift und melancholischem Blick unter fedrig gebogenen falschen Wimpern entfaltet Dominik/Alyssa vor dem Hintergrund des Sees eine Greta-Garbo-hafte Göttinnen-Attitüde. Fünf Kameras klicken unentwegt.
Atelier-Chaos unter freiem Himmel
„Und jetzt zeige ich euch, wie man seine Augen zum Leuchten bringt“, sagt Sam Oath und hält zwei Alu-Grilltabletts in Augenhöhe des Models. In der Tat, statt teurer Scheinwerfer zum Aufhellen tut’s auch das Pfennigprodukt aus der Haushaltsabteilung. Die Silberfläche der Tabletts reflektiert das Licht der Wasseroberfläche und lässt Alyssas Iris funkeln. „Und jetzt machen wir ihn zur Madonna“, kündigt Sam Oath an und wühlt einen opulenten Stoff aus einem der vier Wäschekörbe, die vor den Garagen am DLRG-Wachhäuschen herumstehen, und drapiert ihn um die Schultern seines Models.
Gegenüber dem Bootsanlegeplatz hat die Workshopgruppe ihren Stützpunkt aufgeschlagen. Atelier-Chaos unter freiem Himmel: Zwischen Kisten mit Theaterrequisiten, einem Kuhfell, Pelzmützen, Schmuck und Klimperkram sowie Koffern mit Schminkzeug sitzt Laura Willing und klebt im Gesicht von Marcin Jacub Zuranski Wimpern mit pinkfarbenen Federn. Der junge Pole mit der raspelkurzen Igelfrisur ist Schauspieler und wurde von Sam Oath vor fünf Jahren als Model entdeckt. Seither arbeitet der 20-Jährige für Sam Oath und seine Dragqueen-Projekte.
Magie des Moments
„Die Verwandlung“ ist das Thema des Fotoseminars, mit dem sich eine Handvoll Hobbyfotografen an diesem Nachmittag befassen. Das Fotoshooting unter Metamorphose-Aspekt lebt vom Detail und von der Atmosphäre. „Wichtig ist die richtige Musik, damit die gewünschte Stimmung aufkommt. Zur Auflockerung kam – ganz Klischee – die Schwulenhymne „YMCA“ aus den mobilen Digitalboxen.
Doch dann wird es merklich dramatischer. Mit der Musik von Penderecki kreiert Sam Oath eine weihevolle Atmosphäre für Model Marcin, der, die muskulöse Brust behängt mit Kreuzen, kniend und meditierend posiert. Sanft scheint sein androgynes Gesicht zu leuchten. „Er hat die Musik ganz in sich hineingelassen“, ruft Oath begeistert. Magie des Moments. Die Fotografen drücken auf die Knöpfchen.
Glamour im Schilfdschungel
Natur-Strukturen treffen auf menschliche Gestaltung – das ist ein weiterer Aspekt des Fotoseminars. Dazu geht die Gruppe hinter die Garagen. Hier gibt der Schilfdschungel die ideale Kontrast-Kulisse für glamouröse Paillettenfummel-Fotos. Dominik/Alyssa im kupferfarbenen Lurex-Stretchkleid, die blutrot lackierten Fingernägel inszenieren die dominante Diven-Mimik. Die Lady ist der Vamp. Um die Ecke verziert derweil die angehende Visagistin Laura für die nächsten Aufnahmen die Brust von Marcin mit Klebeglitzersteinen.
Der Silbersee, Teil einer Sieben-Seen-Platte mit vier Quadratkilometern Wasseroberfläche und spezifischem Kleinklima ist neben dem Mannheimer Waldpark die bevorzugte Spielwiese von Thomas Daniel Strottner alias Sam Oath. Hier frönt der Sozial-, Foto und Medienpädagoge, ehemalige Couture-Einkäufer, ausgebildete calvinistische Prediger und Community-Insider seinem Lebensthema.
„Wahrnehmen als Wissen“
„Bildung ist pure Ästhetik“, erklärt der Vielbelesene und übt zwischen zwei Fotosequenzen Kulturkritik: Gegen einen Queer-Diskurs, der vieles nivelliere und gegen das One-World-Narrativ. „Alles, was gleich macht, zerstört alle Facetten“, die Gesellschaft laufe gerade Gefahr, den grundsätzlichen gesunden Menschenverstand des Füreinander Sorgens zu gefährden.
Wahrnehmen als Wissen – die Botschaft kommt an bei den Teilnehmern: Alexander Braun, Hobbyfotograf, ist zum zweiten Mal dabei und fasziniert von der Wandlungsfähigkeit der Gesichter. Martin Eisvogel aus Dudenhofen möchte Fotos dieser Session zu einem Wettbewerb schicken. Als stiller Beobachter im Hintergrund hat Paul Henry Campbell Eindrücke gesammelt, die in ein geplantes Buch über Drag und Religion einfließen werden.
Noch Fragen?
Unter dem Titel „Natur und Nähe, Landschaft und Makros“ findet der nächste Fotoworkshop der Fotografischen Gesellschaft Silbersee am Samstag, 22. Mai, statt. Die Teilnehmerzahl ist Corona-bedingt auf sieben begrenzt. Nähere Infos gibt es im Internet unter www.silbersee-bobrox.de.
Stichwort: Fotografische Gesellschaft Silbersee (FGS)
Zusammen mit Gleichgesinnten gründete Thomas Samuel Strottner (58) vor 15 Jahren den Fotoclub. Heute ist er dessen künstlerischer Leiter. Seine Fotos sollen Geschichten erzählen, Hintergründe aufzeigen und das sichtbar machen, was nicht auf den ersten Blick ins Auge springt.
Zur FGS gehören derzeit 16 Aktive, an den Veranstaltungen kann jeder teilnehmen. Die Jugendabteilung leitet Marcin Jakub Zuranski.
In diesem Jahr zum 13. Mal vergibt die FGS den Thoreau Walden Award (TWA) für Naturfotografie. Namensgeber ist der US-amerikanische Philosoph Henry David Thoreau (1817- 1862) mit seinem Buch „Walden – Leben in den Wäldern“. Es geht darin laut Strottner um jene Themen, die den Fotografen bis heute beschäftigen: Das Verhältnis von Mensch und Natur und von Individuum und Gesellschaft.