Radsport
Extremradfahrer Joshua Gohl überbrückt Corona-Pause mit langen Trainingsfahrten
Der Termin zum Telefongespräch mit Joshua Gohl ist für 11 Uhr am Vormittag vereinbart. Der 29-Jährige ist auch sofort am Apparat und klingt entspannt. „Ich bin vor einer Stunde vom Training gekommen“, erzählt er unaufgeregt. Training – das heißt bei dem Extremradfahrer, dass er eine kleine Rundfahrt durch die Vorderpfalz unternommen hat. „99 Kilometer“, berichtet er. Auf der Lolosruhe war er, und auch die Kalmit hat er an diesem Morgen bezwungen. Dafür habe er etwa drei, dreieinhalb Stunden gebraucht.
Das erste Rennen hätte in Italien stattfinden sollen. Ausgerechnet. Am Anfang habe er noch die Hoffnung gehabt, dass der Wettkampf über die Bühne gehen könne. „Aber in Italien hatte die Krise ja größere Auswirkungen.“ Beim Race Across Italy wäre es 800 Kilometer quer durch Italien gegangen. Den Appenin hätte er überqueren müssen. 11.000 Höhenmeter hätte er am Ende bezwungen gehabt.
Ausrollen im Spätjahr
Auch in Österreich wollte Gohl an den Start gehen. „Doch das ist auch abgesagt worden. Da wären sehr viele Teilnehmer aus aller Welt dabei gewesen.“ Für Ende Juli hatte er sich schon auf „Rad am Ring“ gefreut. Wie bei den Rennautos hätten auch die Extremradfahrer 24 Stunden lang die berühmte Nordschleife in der Eifel in Angriff genommen. Das hätte eigentlich die Krönung der Saison sein sollen. Dann hätte die Form auf ihrem Höhepunkt sein sollen. Das Spätjahr nutze er dann zum Ausrollen. „Länger als drei Monate kann man auch nicht in Topform fahren“, erklärt Gohl.
Doch auch damit wird es nichts. Also dreht er seine Runden durch Deutschland. „Der Vergleich mit anderen Sportlern fehlt“, gibt er zu. Also tut er sich bisweilen mit befreundeten Extremradsportlern zusammen. Eine Tour führte ihn von Ludwigsburg durch den Schwarzwald nach Ettlingen und schließlich über Karlsruhe in den Pfälzerwald, nach Kaiserslautern „und als Abschlusshügel die Kalmit“. Am Ende hatte er 9000 Höhenmeter absolviert. Der Tacho zeigte 699,7 Kilometer Strecke. Ob er nicht noch einmal um den Block habe fahren wollen, um die 700 voll zu machen? „Nein, hat gereicht“, sagt er und lacht.
Brutto sei er da 32 Stunden unterwegs gewesen, die Nettofahrtzeit habe 26 Stunden betragen. „Das war ein 27er-Schnitt. Schneller wäre es auch nicht gegangen“, sagt Gohl. Er mag diese langen Strecken. Kürzere Rennen mit vielen Höhenmetern seien schwieriger. Längere Rennen hätten zwar auch viele Höhenmeter, allerdings sei die Steigung oft geringer. „Da kann man länger in der Komfortzone fahren“, erläutert Gohl. „Wer auf 100 Kilometern mit 1000 Höhenmetern einen 30er-Schnitt fährt, ist fit.“
Auf das Gewicht achten
Die Fitness sei bei ihm nicht das Problem. Das darf es auch nicht werden. „Man weiß ja nicht, was noch passiert“, sagt Gohl. Der Schlendrian dürfe nicht einkehren. „Man muss das langfristig sehen. Wenn man jetzt fauler wird, dann wirkt sich das aufs nächste Jahr aus“, erläutert er. Was ihn freut: Viele Leute hätten offenbar wieder das Fahrrad als Gerät zur Freizeitbeschäftigung entdeckt. „Gefühlt sind wieder mehr Leute auf dem Rad unterwegs als im vergangenen Jahr.“
Natürlich achtet Gohl auch weiterhin auf sein Gewicht. Bei 1,76 Metern Körpergröße wiegt er in Wettkampfform 63 Kilogramm. „Derzeit sind es 64. Das klingt vielleicht nicht viel, aber das merkt man“, meint er. Gewicht ist auch immer ein Thema beim Fahrrad. Seine Maschine gebe es so nicht im Laden zu kaufen. Sieben Kilogramm wiege das Rad. „An der Schaltung sind noch 150 Gramm zu sparen“, sagt Gohl. Aber ja, es wiege nicht viel, wenn man es hochhebe.
Gute Bedingungen
„Man sieht immer was Neues, hat Abwechslung und Abenteuer“, sagt er über die Rennen. Durch das Coronavirus sei er jetzt relativ eingeschränkt. Schwarzwald, Taunus und so weiter kenne er mittlerweile ... Aber natürlich genieße er, dass er sehr gute Trainingsbedingungen in der Pfalz habe. „Ich fahre in Speyer quasi von der Haustür aus los. Und dann kann ich mir die Strecken je nach Bedarf passend zusammenstellen“, berichtet Gohl. Und dann kommen eben solche Ritte über rund 100 Kilometer in dreieinhalb Stunden zusammen.
Total kaputt sei er nicht nach so einer Fahrt. „Ich muss ja noch ein bisschen was arbeiten“, sagt Gohl, der ein Mechatronik-Studium absolviert hat. Er genieße die Natur bei seinen Fahrten. „Ein Reh habe ich gesehen“, berichtet er begeistert. Diese Eindrücke lasse er gerne auf sich einwirken. „Das ist ein mentaler Ausgleich für mich.“