Frankenthal „Europa muss eine Perspektive haben“
Martin Henninger, Pfarrer der Lutherkirchengemeinde in Frankenthal, hat zusammen mit einem englischen Kollegen ein früheres Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs in Frankreich besucht. Was damit an Persönlichem verbunden ist, und wie er die Erfahrungen nun in seine Arbeit als Seelsorger einbeziehen will – darüber haben wir mit ihm gesprochen.
Ja. Ich war an der Somme – zusammen mit meinem englischen Kollegen David Pickering. Wie haben Sie ihn kennengelernt? David Pickering war der Pfarrer unserer englischen Partnergemeinde. Die Lutherkirchengemeinde hat seit 47 Jahren eine Partnerschaft mit der St. Andrew’s Roundhay United Reformed Church in Leeds. Wir machen regelmäßig Besuche, Gemeindeaustausch. Und bei einem dieser Treffen in Leeds haben wir zufällig festgestellt, dass unsere beiden Großväter im Ersten Weltkrieg an der Somme gekämpft haben. Wie kam es dann zur Idee, eine gemeinsame Fahrt zum früheren Schlachtfeld zu machen? Wir fanden das einfach faszinierend, dass unsere Großväter damals auf zwei unterschiedlichen Seiten gekämpft haben – Pickerings Großvater auf Seite der Briten und mein Großvater auf Seite der Deutschen. Wir haben gedacht, als Enkel, die Freunde geworden sind, wäre es auch ein Zeichen der Versöhnung, gemeinsam dorthin zu fahren und zu schauen, wo unsere Großväter gewesen sind. Was hat Sie in Frankreich besonders beeindruckt? Das ist eine schwierige Frage (überlegt). Was mich an der Somme am meisten beeindruckt hat, war zu sehen, wie eng die Schützengräben zusammenlagen. Zum Teil waren da gerade 100, 150 Meter dazwischen. Und ein zweites: Die Schlacht an der Somme begann mit einem einwöchigen Kanonenbombardement. Der englische General Haig dachte, dass von den deutschen Verteidigungslinien nichts mehr übrig ist. Die einfachen Soldaten wussten das besser. Trotzdem wurde der Angriff am 1. Juli 1916 befohlen – mit der Folge, dass in der ersten Angriffswelle etwa drei Viertel der englischen und französischen Soldaten getötet oder verwundet wurden. Der Mensch war nicht mehr als Kanonenfutter – menschenverachtend. Diese Schützengräben kann man heute noch sehen? Man kann sie nur noch an vereinzelten Stellen sehen. Der größte Teil ist wieder Ackerland – und ich glaube, das ist auch gut so. Aber es stellt sich natürlich die Frage, wofür haben so viele Tausende von Leben geopfert? Es gibt dort in Tiepval ein Monument, da sind 72.000 Namen von Soldaten festgehalten, die man nicht mehr identifizieren konnte. Und das ist einfach erschreckend: zu sehen, dass Menschen nur Material waren. Man hat noch ein paar Knochen, aber das ist es dann auch schon. Sind Sie auch mit anderen Menschen ins Gespräch gekommen, die auch Bezug zum Thema haben? Ja, wir waren zum Beispiel in Misery. Das war ein Ort, den mein Großvater in seinen Erinnerungen erwähnt. Dort haben wir mit dem Bürgermeister gesprochen, der hat uns spontan eingeladen ins Wohnzimmer. Und dann hat er erzählt, dass sein eigener Großvater im Ersten Weltkrieg auch Bürgermeister gewesen ist. Da saßen dann also drei Enkel von drei Menschen zusammen, die im Ersten Weltkrieg Feinde gewesen sind. Und wir haben dann erzählt, was uns so bewegt. Das fand ich eine tolle Erfahrung. Die zweite Erfahrung: Wir haben am Ende dann noch ein bisschen Wein gekauft, als Geschenk für unsere Frauen. Wir hatten dort dann ein langes Gespräch mit dem Weinhändler, der sich auch für Geschichte interessiert hat und der sehr froh gewesen ist, dass es heute ein vereinigtes Europa gibt, das solche Kriege überflüssig macht. Und wir haben eine ganze Reihe von Besuchern getroffen – Engländer, Australier und andere –, die wie wir die Stätten besucht haben, wo vor 100 Jahren ihre Großelterngeneration gekämpft hat. Heute wird viel über Europa geschimpft. Was geht Ihnen da durch den Kopf? Europa hat eine Geschichte. Es ist ein gemeinsamer Kulturraum, stark durch Kirche und christlichen Glauben geprägt. Aber diese Geschichte beinhaltet auch schreckliche Kriege, den 30-jährigen Krieg, die beiden Weltkriege – und eigentlich ist die Idee eines vereinten Europas daraus entstanden, aus den Trümmern dieser Kriege und aus unfassbarem persönlichem Leid. Für mich war das als Jugendlicher noch ein ganz wichtiger Satz: Nie wieder soll so was geschehen. Und Europa ist ja dann auch gebaut auf gemeinsamen Werten: dem Frieden, den man schaffen und bewahren möchte – Konfliktlösungen nicht mehr durch Krieg, sondern durch Verhandeln. Europa hat gemeinsame Grundrechte für den Menschen, ist auf Freiheit gebaut, auf Demokratie. Und das sind alles Dinge, die unsere Großväter und unsere Väter mühsam erkämpft haben und teuer dafür bezahlt haben. Was machen Sie mit den gesammelten Erfahrungen? Ich habe einen „Brief an die Enkel“ geschrieben, die wir beide noch nicht haben (lacht), weil ich wichtig finde, dass wir diese Erfahrungen innerhalb der Familie weitergeben. Ich bin gerade dabei, zusammen mit unserer britischen Partnerkirche, der United Reformed Church, Gottesdienstmaterialien zum Ersten Weltkrieg zusammenzustellen, damit das nicht nur eine Familiengeschichte bleibt, sondern auch andere Gemeinden davon profitieren können. Und ich habe dieser Tage mit Oberbürgermeister Hebich besprochen, dass meine Konfirmanden sich am Volkstrauertag auf dem Friedhof beteiligen werden. Das ist dann unser Projekt: Was haben wir gelernt aus diesen schrecklichen Kriegen? Europa darf nicht nur im Rückblick existieren – es muss auch eine Perspektive haben. Die Europäische Union ist sicher nicht perfekt. Manches ist mühsam. Trotzdem finde ich: Wir dürfen in Europa stolz sein, dass wir aus schrecklichem Leid gelernt und etwas Neues aufgebaut haben. In dieser Hinsicht könnte Europa zum Beispiel werden, wie man Konflikte in anderen Teilen der Welt beilegen kann. | INTERVIEW: STEPHAN PIEROTH