Frankenthal
EU-Abgeordneter gibt Tipps für Debatten mit Rechtsextremen
Ihr Seminarangebot „Rhetorik gegen rechts“ gibt es schon länger. Aktuell sind Sie damit wieder in ganz Deutschland unterwegs. Was war der Anlass?
Als im Juni vergangenen Jahres im thüringischen Landkreis Sonneberg zum ersten Mal in Deutschland ein AfD-Politiker zum Landrat gewählt wurde, saß ich völlig entgeistert vor dem Fernsehapparat und habe die Nachrichten verfolgt. Daraufhin habe ich wieder Kontakt zu Jürgen Schlicher aufgenommen, dem Geschäftsführer des Anbieters Diversity Works, bei dem ich vor gut 15 Jahren meine Trainerausbildung absolviert habe.
Wen möchten Sie mit Ihrem Seminar „Rhetorik gegen rechts“ erreichen?
Beim Auftakt in Sonneberg habe ich das für den Grünen-Kreisverband dort gemacht. Bei späteren Anlässen kamen dann über die Partei hinaus Initiativen wie beispielsweise „Omas gegen rechts“ dazu – Verbände und Organisationen also, die erkannt haben: Wir müssen etwas gegen den wachsenden Rassismus und die wachsende Fremdenfeindlichkeit unternehmen. Bei den inzwischen rund 60 Trainings haben dann immer mehr Leute von außen mitgemacht. Das ist sehr schön und vermittelt ein Gefühl der Stärke und Gemeinsamkeit. Und führt beispielsweise dazu, dass Vereine ihre Arbeit koordinieren, nachdem sie in dem Seminar Gleichgesinnte kennengelernt haben.
Wenn man eine Gegenstrategie für Debatten mit Rechtsextremen lernen möchte, sollte man deren Argumentation kennen. Ist das Teil Ihres Kurses?
Genau. Wir analysieren diese Stammtischparolen, um zu erkennen: Wie entstehen sie? Was lösen sie beim Gegenüber aus? Sobald man erkannt hat, worum es geht, ist es möglich, Gegenstrategien zu lernen und viel besser anzuwenden. Der Effekt ist, dass die Teilnehmer die Parolen als das identifizieren, was sie sind, nämlich Meinungsmache, und sie nicht als Tatsachen hinnehmen. Wir helfen dabei, Sprüche und vermeintlichen Wahrheiten zu entzaubern. Mit ein paar Nachfragen fängt das Gebilde an zu wackeln und zu zerbröseln. Wir vermitteln das Handwerkszeug dafür.
Haben sich in dem Zeitraum, in dem sie Ihres Seminare geben, die Parolen geändert? Das politische Klima ist ja auch ein anderes geworden ...
Interessanterweise hat sich die Vorgehensweise dieser Leute seit Jahrzehnten kaum geändert. Es fällt vor allem auf, dass diese Menschen sich immer als Opfer darstellen. Das reicht zum Teil zurück bis ins Dritte Reich. Häufig bleiben diese Erzählungen ohne Widerrede. Aber Schweigen ist letztlich keine Gegenwehr, sondern hilft mit, den rechten Parolen Vorschub zu leisten. Bei den Stammtisch-Rollenspielen, die wir in den Seminaren machen, ist dieser Effekt sehr deutlich festzustellen. Die Schweiger werden immer eher dem Lager des Parolenschwingers zugerechnet, weil sie sich nicht erkennbar widersetzen. Dazu braucht es keine besondere Kraft oder körperliche Präsenz. Man muss kein Riesenkerl von 1,90 Meter sein. Man kann auch klein und schmächtig sein. Es reicht unter Umständen einfach aus, aufzustehen und klar zu sagen: „Stopp, ich möchte das nicht mehr hören. Ich bin nicht dieser Meinung.“ Das ist eine klare Distanzierung und motiviert oft andere, sich ebenfalls zu Wort zu melden.
Für welche Situationen ganz konkret ist es denn hilfreich, sich gegen bestimmte Parolen zu wappnen?
Das fängt bei der Familienfeier an – also im ganz privaten Rahmen. Wie oft ist es da schon vorgekommen, dass jemand Sprüche losgelassen hat und es dann zu einer ganz unangenehmen Betroffenheit gekommen ist? Solche Situationen kann es aber auch am Arbeitsplatz, in der Freizeit oder beim Bäcker an der Theke geben. Wenn man weiß, wie es geht, ist das einfach zu stoppen, zum Beispiel mit einer simplen Nachfrage: Wie kommst Du jetzt darauf? Kennst Du denjenigen oder diejenige persönlich? Ist das nicht überspitzt? Diese Fragen unterbrechen den Sprachfluss und schwächen die Position des Gegenübers.
Es ist seit Jahren die Rede von einem politisch-gesellschaftlichen Rechtsruck. Was sind Ihre Erfahrungen hierzu aus der täglichen Arbeit im Europäischen Parlament?
Ich habe einen Abgeordneten aus Rumänien gesehen, der im Parlament einen verkappten Hitlergruß gezeigt hat. Reden der Rechtspopulisten gehen oft über Grenzen hinaus. Leider reagiert die Sitzungsleitung häufig sehr lasch darauf. Das kommt daher, dass im EU-Parlament konservative Strömungen vorherrschen. Dieser Fakt wird sich nach den Wahlen im Juli noch einmal verstärken. Jemand, der sich wie ich gegen Diskriminierung und Rassismus und für die Teilhabe von marginalisierten Minderheiten einsetzt, steht ziemlich alleine da. Die grüne Fraktion hat 72 Mitglieder im Moment – gegenüber 700 Abgeordneten insgesamt. Trotzdem ist es ungeheuer schwer, das Thema auf die Tagesordnung zu bekommen, geschweige denn Gesetzesinitiativen auf den Weg zu bringen. Wenn es etwa um das Thema Antiziganismus geht, stößt man auf großes Desinteresse.
Lassen Sie Ihre Erfahrungen in dieser Hinsicht auch in die Seminare einfließen?
Gar nicht. Das würde das Ganze überfordern. Ich möchte mich in diesem Rahmen darauf konzentrieren, den Menschen etwas in die Hand zu geben, dass ihnen hilft, ihre Sprachlosigkeit zu überwinden.
Sie haben Rollenspiele erwähnt. Ist es leichter, in einer Seminargruppe diejenigen zu finden, die gegen rechts argumentieren, oder diejenigen, die sozusagen den Anwalt des Teufels geben?
Wir klären ganz am Anfang des Trainings, dass es erlaubt ist, alles zu sagen. Um möglichst realistisch üben und damit arbeiten zu können, müssen auch alle erdenklichen Parolen fallen. Das ist ein geschützter Raum. Darauf einigen wir uns. Und das erleichtert auch die Einteilung in Parolenschwinger und Contras. Meine Rolle in der gestellten Szene – passenderweise ein Stammtisch in einer Gaststätte – ist die des Wirts, der die Getränke bringt und einen Satz in die Runde wirft. Und der Rest läuft dann meistens ganz von allein.
Geht es also in erster Linie darum, den Leuten ihre Hemmungen zu nehmen?
Es ist weniger eine Hemmschwelle als die bereits erwähnte Sprachlosigkeit. Die meisten Teilnehmer wollen gerne etwas sagen. Aber das kennt doch jeder: Sie werden Zeuge eines Gesprächs, mit dessen Inhalt Sie nicht einverstanden sind, aber Sie wissen nicht, was sie sagen sollen oder können. Später fällt Ihnen das alles wieder ein. Dann ist es aber zu spät. Genau diesen Effekt zu vermeiden, dabei wollen wir helfen, indem wir mit den Teilnehmern die jeweilige Situationen analysieren. Vielfach schreiben wir dann zwei große Flipchart-Seiten mit möglichen Antworten oder Einwürfen auf. Dann machen wir das nächste Rollenspiel – und schon läuft die Sache ganz anders.
Bekommen Sie Rückmeldungen von Teilnehmern, die von Erfahrungen mit dem Gelernten berichten?
Ja, das gibt es. Die meisten gehen in die Richtung: Ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Mein Plan ist, das zu verstetigen. Ich wünschte mir, dass beispielsweise eine Kommune wie Frankenthal solche Trainings anbieten würde. Vielleicht sogar für Verwaltungsmitarbeiter. Es geht mir um die Auseinandersetzung mit Vorurteilen, die jeder von uns in sich trägt. Das machen wir viel zu wenig.
Derzeit finden viele Demonstrationen gegen Rechtsextremismus und Rassismus statt. Was ist deren Wirkung?
In erster Linie bestätigen Sie das Gefühl der Teilnehmer: Du bist mit deiner Meinung nicht allein. Aber schon auf dem Nachhauseweg kannst du schon wieder mit einer Situation konfrontiert sein, in der du nicht weißt, was du sagen sollst. Und dann hat dir die Demo erst einmal nichts gebracht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist wichtig, Flagge zu zeigen. Aber es ist genauso wichtig, das im persönlichen Umfeld zu tun.
Termin
Coaching „Rhetorik gegen Rechts“ am Sonntag, 17. März, 14 Uhr, im Kletterzentrum „Pfalz-Rock“ des Deutschen Alpenvereins Frankenthal, Mörscher Straße 89. Veranstalter ist der Kreisverband von Bündnis 90/Die Grünen. Anmeldung per E-Mail unter vorstand@gruene-frankenthal.de.
Zur Person
Der Grünen-Politiker Romeo Franz (57) ist in Kaiserslautern geboren, hat lange in Ludwigshafen gelebt und wohnt inzwischen im nordbadischen Altlußheim. Franz stammt aus einer deutschen Sinti-Familie. Neben seiner Tätigkeit als Profi-Musiker engagiert er sich in verschiedenen Verbänden und Stiftungen, die Interessen von Sinti und Roma vertreten. Seit 2010 ist Franz Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. Bei der Bundestagswahl 2013 trat er als Direktkandidat im Wahlkreis Ludwigshafen-Frankenthal an. Im Juli 2018 zog er als erster deutscher Sinto ins Europäische Parlament ein und wurde bei der Wahl 2019 auf Listenplatz 10 wieder ins Europäische Parlament gewählt.